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Arbeitsmarktforscher : „Amerikas Arbeiter haben 35 lausige Jahre hinter sich“

David Autor Bild: Donna Coveney

Warum kommt Donald Trump bei vielen Amerikanern an? Ein Forscher spricht über die Kosten des Freihandels und geschlossene Fabriken wegen der Konkurrenz aus China.

          Herr Autor, Amerikas riesiges Außenhandelsdefizit mit China erregt im Wahlkampf die Gemüter. Ist ein Außenhandelsdefizit prinzipiell schlecht?

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Nicht an sich. Wenn das Ausland in Amerika investiert, statt amerikanische Güter zu kaufen, dann steigt Amerikas Handelsdefizit, ohne dass jemand darin ein schlechtes Zeichen erkennen würde. Auch der gewünschte wirtschaftliche Aufstieg von Entwicklungsländern ist oft mit einem Handelsdefizit verbunden.

          Hat das Handelsbilanzdefizit mit China - 366 Milliarden Dollar im Jahr 2015 - eine besondere Qualität?

          Ja. Vor dem dramatischen Aufstieg von China fand der Welthandel vor allem zwischen reichen Ländern statt. Ich stilisiere zum besseren Verständnis. Natürlich fand der Handel zwischen Unternehmen und nicht zwischen Ländern statt. Wie auch immer: Die Deutschen haben uns Autos verkauft, wir haben ihnen Flugzeugteile verkauft. Die Arbeitnehmer der Länder haben sich spezialisiert. Mit den Einnahmen unserer Exporte haben wir die Importe bezahlt. Mit China aber ergab sich ein komplett anderes Bild.

          Inwiefern?

          Amerika pflegte Schuhe, Textilien, Möbel oder Spielzeug selbst herzustellen. Dann kam China mit dem Angebot auf den Weltmarkt, sie könnten alles in gleicher Qualität billiger produzieren. Und außerdem würden sie die Mittel dafür zur Verfügung stellen. Also anstatt dass die Vereinigten Staaten und ihre Arbeitnehmer auf andere Felder der Produktion auswichen, um mit den produzierten Gütern die Importe aus China auszugleichen, haben die Chinesen das Handelsdefizit finanziert, indem sie etwa amerikanische Staatsanleihen kauften. Amerika hat quasi auf Kredit von China Ware aus China importiert. Die Amerikaner verloren ihre Arbeitsplätze und fanden keinen Ersatz in anderen Branchen.

          Von welcher Größenordnung sprechen wir?

          Wir kommen in einer Untersuchung zur Schätzung, dass in Amerika von 1999 bis 2011 unterm Strich zwischen 2 Millionen und 2,4 Millionen Arbeitsplätze durch chinesische Importkonkurrenz verlorengegangen sind.

          Die Theorie sagt eigentlich, dass verbilligte Importe finanzielle Spielräume für zusätzliche Nachfrage schaffen und damit Wachstum und Beschäftigung fördern.

          Unsere Zahlen berücksichtigen die positiven Effekte. Es sind Nettozahlen.

          Wen haben die Arbeitsplatzverluste vor allem getroffen?

          Vor allem Fabrikarbeitnehmer ohne weiterführende Bildungsabschlüsse in Branchen und Regionen, die besonders stark von der chinesischen Importkonkurrenz betroffen waren. Die Arbeiter haben nach Fabrikschließungen oft keine vergleichbaren Arbeitsplätze mehr gefunden, mussten auf Einkommen verzichten oder verschwanden ganz vom Arbeitsmarkt. Viele wurden frühpensioniert, arbeitsunfähig und waren auf Sozialhilfe angewiesen. Tatsächlich haben wir herausgefunden, dass sie sogar früher starben.

          Amerika war immer für seine Mobilität bekannt. Warum sind die Arbeiter nicht einfach umgezogen zu Orten, wo sie bessere Chancen hätten?

          Darüber kann ich nur spekulieren. Tatsächlich stoßen wir auf das Phänomen, dass die Mobilität der Amerikaner in den letzten Jahren stark nachgelassen hat. Und wenn sie umziehen, dann offenbar nicht immer zu Orten mit besseren wirtschaftlichen Perspektiven. Ich vermute, dass auf die freigesetzten Arbeiter, die in der Regel keine nennenswerte weiterführende Bildung vorweisen konnten, keine attraktiven Angebote anderswo im Land warteten. Da war kein Unternehmer in San Francisco, der zu den entlassenen Möbelarbeitern im Mittleren Westen gesagt hat: Ihr könnt hier sofort anfangen.

          Bisher waren sich Ökonomen, egal von welcher Denkschule, in einer Sache einig: Freihandel ist gut. Ist das jetzt überholt?

          Handel erhöht das Bruttoinlandsprodukt. Das Land wird reicher. So weit stimmt es. Aber versetzt Freihandel jeden Einzelnen in eine bessere wirtschaftliche Lage? Nein. Die Fabrikarbeiter tragen in unserem Fall die Kosten. Der Kuchen ist um 5 Prozent größer geworden, einzelne Kuchenstücke sind aber um 30 Prozent geschrumpft.

          Was hätte Amerika anders machen sollen?

          Gute Frage. Die Anpassungszeit spielt eine Rolle. Könnte man Arbeitern einer Möbelfabrik sagen, ihre Fabrik schließe 2025, hätten sie Zeit, sich darauf einzustellen. Mit dem Eintritt Chinas in die Welthandelsorganisation 2001 ging plötzlich alles wahnsinnig schnell.

          Aber welcher Politiker außer vielleicht Deng Xiaoping hätte denn diese rasante Entwicklung vorausahnen können?

          Das stimmt. Das „Wallstreet Journal“ hat in seiner 100-Jahr-Ausgabe 1989 prophezeit, dass China an seiner überbordenen Bürokratie scheitern würde und stattdessen Malaysia und Thailand erblühten. Die Politik ist nicht hilflos: Sie kann Trainingsprogramme starten, statt auf der Ideologie zu beharren, dass es wegen des Handels mit China jedem bessergehe und dass die Arbeiter aufhören sollten, sich zu beschweren. Zudem ist es nicht zwangsläufig, dass Industrieländer im Handel mit China gewaltige Defizite aufbauen. Deutschland hat nur ein sehr geringes Außenhandelsdefizit mit China.

          Das klingt alles so, als ob Sie dem republikanischen Präsidentschaftsbewerber Donald Trump recht geben, der zu sagen pflegt, Amerika verliere gegen China und die Handelsabkommen seien schlecht.

          Nein, nur finde ich, dass er es genauso wie Bernie Sanders, der demokratische Bewerber um eine Präsidentschaftskandidatur, versteht, berechtigten Ärger aufzunehmen und zu kanalisieren. Die amerikanischen Arbeiter haben 35 lausige Jahre hinter sich. Ich wundere mich, dass der Ärger nicht viel größer ist.

          Aber würde die Politik eines Donald Trump oder eines Bernie Sanders irgendetwas ändern und die Arbeitsplätze zurückbringen?

          Nein. Die arbeitsintensiven Industriesektoren, die Amerika in den letzten 20 Jahren verloren hat, sind nicht die, in denen das Land Wettbewerbsvorteile haben wird im Verlauf der weiteren Entwicklung. Amerika bleibt auch so eine bedeutende Industrienation und kann durch vernünftige Investitionen in Technologie, Bildung und Infrastruktur Beschäftigung gewinnen. Die Zukunft liegt allerdings in Flugzeugteilen, Mikroprozessoren oder chemischen Erzeugnissen statt in der Möbelfertigung oder Textilindustrie.

          Und was sagen Sie konkret zu Donald Trumps und Bernie Sanders Vorschlägen?

          Donald Trumps Handelspolitik hätte zerstörerische Folgen für Amerika und für unsere Handelspartner einschließlich China. Bernie Sanders’ Programm würde die entlassenen Arbeiter besser absichern durch großzügigere Sozialleistungen. Aber er könnte die Uhr nicht um 20 Jahre zurückstellen, in denen die globale Wirtschaft zusammengewachsen ist. Es wäre auch nicht wünschenswert für den Wohlstand der Nationen. Amerika sollte sich auf die künftigen Herausforderungen konzentrieren, statt die Schlachten von gestern zu schlagen.

          Heißt das in der Konsequenz, Amerika soll die großen Freihandelsabkommen wie die Transpazifische Partnerschaft mit Pazifik-Anrainerstaaten befürworten?

          Ja. Das Freihandelsabkommen ist zukunftsweisend statt rückwärtsgewandt. Sein Zweck ist es, ein stabiles rechtliches Umfeld zu gewähren, Handelsbarrieren für Amerika abzubauen, einen handhabbaren Konfliktlösungsmechanismus bereitzustellen, Rechtssicherheit für Patente und Copyrights zu schaffen und Standards für Umwelt und Arbeitnehmerschutz verbindlich zu machen. Ohne das Abkommen würde China die Regeln bestimmen. Die würden dann gewiss einen geringeren Beitrag zur Vertragsfreiheit, zur Absicherung des intellektuellen Eigentums und für Arbeitnehmerrechte leisten. Das Freihandelsabkommen ist nicht perfekt, aber viel besser die Alternativen.

          Eine wichtige Quintessenz Ihrer Forschung ist, dass die sozialen Kosten des internationalen Handels für Amerika deutlich größer waren als gedacht. Was aber ist mit den sozialen Kosten der Immigration? Sind die auch höher als gedacht?

          Ich bin offen für die Möglichkeit. Doch die Forschung ist nach meiner Ansicht noch nicht zu einem eindeutigen Ergebnis gekommen.

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