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Autorin Roy zur Corona-Notlage : „Als unsere Megacities die Arbeiter ausspuckten“

Obdachlosenspeisung in Neu-Delhi in Zeiten der Corona-Krise Bild: dpa

Indiens Ministerpräsident verlängert die Ausgangssperre und verschlimmert damit die Not der Armen. Modi bittet die Arbeitgeber um Hilfe. Die Schriftstellerin Arundhati Roy beschreibt die aktuellen Wanderungsbewegungen in drastischen Worten.

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          Indien verlängert seine dreiwöchige Ausgangssperre um weitere drei Wochen bis zum 3. Mai. Ministerpräsident Narendra Modi mahnte am Dienstagmorgen in seiner dritten landesweiten Ansprache zur Corona-Krise, den Armen und Hungernden zu helfen. Die Arbeitgeber hielt Modi an, niemanden zu entlassen. Schon in guten Zeiten müsste Indien Jahr für Jahr 12 Millionen neue Stellen schaffen, um all jene, die in den Arbeitsmarkt drängen, mit einem Arbeitsplatz zu versorgen.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Die Weltbank warnte, in Südasien werde in diesem Jahr die niedrigste Wachstumsrate seit vier Jahrzehnten gemessen werden. Vom 20. April an werde geprüft werden, ob die  Ausgangssperre in jenen Regionen gelockert werden könne, in denen sich die Ansteckungsfälle verringern. Am Dienstag zählte Indien, mit einer extrem geringen Testrate, gut zehntausend Coronavirus-Fälle.

          In Indien sind 90 Prozent der Arbeitnehmer im informellen Sektor beschäftigt, ohne Verträge oder Versicherungen. Viele von ihnen leben von der Hand in den Mund. Selbst der regierungseigene Zensus ergab, dass 87 Prozent aller Firmen des Landes informell arbeiteten, vollständig außerhalb des Steuer- und Sozialnetzes. Durch den „Lock-down“ des Landes seit dem 24 März sind Dutzende Millionen von Menschen ohne Arbeit und Einkommen.

          Regierungskritikerin Arundhati Roy erlangte durch ihren ersten Roman „Gott der kleinen Dinge“ 1997 Weltruhm.

          Viele strömen zurück in ihre Dörfer; die Angst ist groß, dass beim Aufheben der Sperre der Zug zurück auf das Land zunehmen werde. Dort aber gibt es keine Gesundheitsversorgung, und das Virus würde noch weiter verbreitet. Auf der anderen Seite warnte die Nationale Vereinigung der Restaurantbetreiber soeben: „Es drohen soziale Unruhen“, wenn die Ausgangssperre fortgesetzt werde. Ins selbe Horn hatte schon Rob Subbaraman, Chefvolkswirt der Bank Nomura, vergangene Woche gestoßen: Der angesehene Ökonom warnte, im schlimmsten Fall drohe Indien in diesem Jahr, um 4 Prozent zu schrumpfen: „Wachsende Arbeitslosigkeit, der Verlust von Einkommen und die Politikverdrossenheit über die drakonischen Maßnahmen könnten zu sozialen Unruhen führen.“

          Nachdem vier Bundesstaaten die Ausgangssperre schon eigenständig über unterschiedliche Zeiträume verlängert hatten, blieb Modi nur die Wahl zwischen zwei Übeln: Die um drei Wochen verlängerte Ausgangssperre mag die enorme Verbreitung des Virus in ländliche Gebiete bremsen; eine Lösung für die Armen des Landes aber hat der Ministerpräsident der drittgrößten Volkswirtschaft Asiens mit ihren fast 1,4 Milliarden Menschen nicht angeboten. Sie müssen sich weitgehend selbst helfen, können dies aber nicht, wenn sie ihre Hütten nicht verlassen dürfen. Zugleich beginnt in einigen Bundesländern nun die Ernte – die Bauern aber dürfen nicht auf die Felder.

          Die regierungskritische Erfolgsautorin Arundhati Roy schildert die Folgen der weitgehenden Ausgangssperre für die Habenichtse: „Er wirkt wie ein chemisches Experiment, das Verstecktes plötzlich hervorhebt. Als Läden, Restaurants, Fabriken und die Bauindustrie geschlossen wurden, als die Reichen und die Mittelschicht sich in ihre umzäunten Kolonien zurückzogen, begannen unsere Städte und Megacities die Arbeiter auszuspucken – die Wanderarbeiter – so wie einen ungewollten Haufen.

          Viele, die von ihren Arbeitgebern oder Vermietern herausgeworfen worden waren, Millionen Verarmter, hungriger, durstiger Menschen, Jung und Alt, Männer, Frauen, Kinder, Kranke, Blinde, Behinderte, die keinen Ort mehr hatten, ohne öffentliche Verkehrsmittel, machten sich auf einen langen Marsch nach Hause in ihre Dörfer. Sie wanderten über Tage (…) – hunderte von Kilometern. Einige starben auf dem Weg. Sie wussten, sie würden nach Hause kommen und möglicherweise langsam verhungern.

          Vielleicht wussten sie sogar, dass sie das Virus transportieren könnten, aber sie waren verzweifelt, weil sie ihre Familie brauchten, ihre Eltern, Schutz und Ehre, aber auch Nahrung, wenn schon keine Liebe. Während sie marschierten, wurden sie brutal geschlagen und gedemütigt von der Polizei, die die Ausgangssperre strikt durchsetzen sollte. (…) Getrieben von der Angst, dass die fliehende Bevölkerung das Virus in die Dörfer tragen werde, schloss die Regierung die Landesgrenzen sogar für Fußgänger.“ Inzwischen häufen sich die Berichte, dass es an den innerindischen Grenzen zu langen Staus von Lastwagen mit Lebensmitteln komme.

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