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Wohnungsmarkt in Uni-Städten : Studenten-Buden werden fast unbezahlbar

Schwierige Zeiten für Studierende Bild: dpa

Der Wohnungsmarkt für Studierende ist trotz der Corona-Pandemie noch teurer geworden. Gleichzeitig bricht vielen der Nebenjob weg. Das Ergebnis: Jeder vierte muss sich Geld von Freunden oder der Familie leihen.

          3 Min.

          Die Corona-Pandemie belastet Studierende gleich doppelt: Während einerseits die Mieten noch höher steigen, bricht vielen Studierenden der Nebenjob weg. Darauf macht der „MLP Studentenwohnreport 2020“ aufmerksam, der an diesem Donnerstagvormittag vorgestellt wird, der F.A.Z. allerdings vorab vorliegt.

          Christoph Schäfer

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und Finanzen Online.

          Für die Studie hat das IW Köln den Wohnungsmarkt der 30 führenden deutschen Uni-Städte untersucht. Das Ergebnis ist eindeutig: In 27 der 30 Städte stiegen die Mieten für eine studentische Musterwohnung weiter an. In München wurde eine typische Studenten-Wohnung allein im zweiten Quartal um 24 Euro teurer, in Frankfurt um 10 Euro, in Darmstadt um 4 Euro. Lediglich in einer Stadt (Greifswald) blieb die Miete konstant, nur in zwei Städten wurde sie billiger. Für den allgemeinen Preisanstieg führen die Autoren zwei Gründe an. Zum einen gebe es nach wie vor zu wenige Wohnungen in zentralen Lagen. Zum anderen wurde „die durch das Online-Semester entstandene Nachfragelücke von anderen Mietergruppen geschlossen“, sagt Michael Voigtländer, der Immobilienfachmann des IW. Mieter, die typischerweise teurere Wohnungen suchten, hätten wegen der wirtschaftlich unsicheren Lage in der Corona-Pandemie nun im nächstgünstigeren Segment nachgefragt.

          Um die verschiedenen Städte in Deutschland vergleichbar zu machen, gehen die Autoren der Studie davon aus, dass die unterstellte Musterwohnung 30 Quadratmeter groß ist und eine normale Ausstattung besitzt. Sie liegt im zweiten Stockwerk, in der Nähe der Hochschule und ist zehn bis zwanzig Jahre alt. Für eine solche Wohnung zahlt man in München (wie für alle anderen Wohnklassen auch) am meisten: 724 Euro warm. In Frankfurt werden 508 Euro fällig, in Darmstadt sind es noch 440 Euro. Allerdings geht es auch deutlich billiger. Wer bereit ist, nach Magdeburg zu ziehen, bezahlt nur 245 Euro im Monat. Eine weitere Möglichkeit ist es, ein Appartement im Wohnheim der Universität zu erhalten. Da allerdings relativ viele Studierende dort keine Wohnung erhalten, arbeitet die Studie mit der Annahme, dass die Studierenden auf dem freien Markt suchen müssen.

          Trotz der jüngsten Bafög-Erhöhung reicht diese staatliche Sozialleistung den Autoren zufolge „bei Weitem nicht aus“. Selbst der darin enthaltene höchste Wohnzuschlag von 325 Euro im Monat decke in fast keiner der untersuchten 30 Städte die Miete der typischen Musterwohnung ab. Im Extrembeispiel München erhalten Studierende damit gerade einmal eine Wohnung mit 15 Quadratmetern zur Kaltmiete. Auch in anderen Städten wird es eng. In Frankfurt gibt es für dieses Geld 20 Quadratmeter, in Darmstadt 23. Und wieder lockt Magdeburg: In der mitteldeutschen Stadt an der Elbe sind für 325 Euro knapp 50 Quadratmeter kalt drin.

          An dieser Stelle hat die Untersuchung eine kleine Schwäche: Die Wohnungsgröße, die man sich mit dem Bafög-Wohnzuschlag leisten kann, wird auf Basis der mittleren Nettokaltmieten berechnet. Die Kosten für die studentische Musterwohnung verstehen sich hingegen als Warmmieten und berücksichtigen Nebenkosten sowie weitere Faktoren wie das Baujahr des Gebäudes. Dementsprechend können die Werte nicht exakt miteinander verglichen werden.

          Besonders bitter ist, dass viele Studierende in der Zeit des Lockdowns im Frühjahr ihre Nebenjobs verloren haben. Diese sind üblicherweise in Wirtschaftsbereichen mit vielen zwischenmenschlichen Kontakten wie etwa der Gastronomie, im Event-Bereich oder auf Messen, die wegen der Pandemie allesamt besonders von Entlassungen und Kurzarbeit betroffen sind. Dies bestätigt beispielsweise eine repräsentative Umfrage des Personaldienstleisters Zenjob vom Juni dieses Jahres, wonach vier von zehn Studierenden ihren Nebenjob verloren hatten. Jeder Dritte gab an, aufgrund der aktuellen finanziellen Situation sehr große Sorgen zu haben. „Somit dürften viele ihre Wohnungen nicht mehr aus Eigenmitteln finanzieren können“, so das Fazit der Studie. Zu diesem Ergebnis kommt auch die Zenjob-Umfrage: 22 Prozent der Befragten waren demnach nicht mehr in der Lage, ihre Miete und Rechnungen wie gewohnt zu zahlen und mussten sich Geld bei ihrer Familie oder ihren Freunden leihen.

          Eine gute Nachricht gibt es trotzdem: Zumindest nach Ende des Studiums steigt die Zufriedenheit mit der eigenen Wohnsituation deutlich an. Mit dem Eintritt ins echte Berufsleben samt höherer Bezahlung weisen Akademiker auch vor ihrem 30. Geburtstag mit durchschnittlich 7,65 von 10 Punkten eine hohe Wohnzufriedenheit auf. Mit zunehmendem Alter und damit in den meisten Fällen noch höherem Gehalt steigt diese weiter an.

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