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Deutschlands Finanzen : Die junge Generation erbt keine Netto-Schulden

  • -Aktualisiert am

Streit ums Geld: Belasten Schulden die nächste Generation? Bild: dpa

Auch der deutsche Staat hat sich infolge der Pandemie höher verschuldet. In der Diskussion, ob dies eine Last für künftige Generationen bedeutet, geht einiges durcheinander. Ein Gastbeitrag.

          8 Min.

          Es gehört zu den eindeutigen ökonomischen Auswirkungen der Corona-Pandemie, dass die Staatsschulden dramatisch gestiegen sind, auch in Deutschland. Regierungen auf der ganzen Welt versuchen damit, den vom Virus verursachten Einbruch der ökonomischen Aktivität einzudämmen. Sie sorgen dafür, dass zum Beispiel der Würstchenverkäufer im Fußballstadion, die Orchestermusikerin, die Hotelbesitzerin und der Kneipier zumindest über einen Teil ihrer regulären Einkommen verfügen, obwohl sie nicht produzieren (dürfen).

          Dafür nimmt der Staat die Mittel von jenen, die aufgrund der Pandemie vermehrt sparen. Zum Teil weil sie nicht konsumieren können, weil die Kneipe geschlossen ist, zum Teil weil sie aus Sorge vor der Zukunft Konsum und Investitionen reduzieren.

          Die Ausweitung der Staatsverschuldung lässt sich also aus ökonomischer Sicht gut begründen. Dies heißt nicht, dass sie unproblematisch ist. Auch in anderen Zusammenhängen treten oft Situationen auf, in denen wir unser Handeln gut begründen können, es aber dennoch Probleme aufwerfen kann. Es bedarf dann eines sorgsamen Abwägungsprozesses, um richtig zu entscheiden. Solche Trade-Offs zu analysieren, ist eine Kernaufgabe von Ökonomen.

          Umverteilung oder nicht?

          Vor- und Nachteile der stark zunehmenden Staatsverschuldung zu diskutieren, ist also zwingend geboten. Nicht weitergebracht wird die Diskussion aber mit einem Argument gegen die Ausweitung der Staatsverschuldung, das scheinbar immer gilt und daher eigentlich immer zu dem Ergebnis führt, dass Staatsverschuldung „schlecht“ ist: Dass Schulden die junge Generation belasten, während die alte Generation die Vorzüge der mit Schulden finanzierten Staatsausgaben genießt.

          Diesem Argument können sich auch Christian Bayer und Philipp Jung in ihrem jüngsten F.A.Z.-Beitrag nicht entziehen. Dem saldenmechanischen Argument, dass jeder Schuld eine Forderung gegenüberstehen muss, attestieren sie, dass es nur unter „kritischen Vereinfachungen“ gilt.

          Dagegen stellen sie fest, dass bei einer differenzierten Generationen-Analyse Staatsverschuldung doch zu einer Umverteilung zwischen den Generationen führt. Denn die alte Generation habe aus rein egoistischem Motiv keine Veranlassung, sich an der Finanzierung zu beteiligen, da sie mit großer Wahrscheinlichkeit die Rückzahlung nicht erlebe und ohnehin im Alter kein weiteres Vermögen aufbaue.

          Bayer und Jung unterstellen also, dass der deutliche Anstieg der Sparquote, den wir nicht nur in Deutschland beobachtet haben, in der alten Generation nicht zu beobachten war. Plausibel klingt das nicht angesichts fehlender Konsummöglichkeiten, die gerade ältere Menschen gerne nutzen, wie etwa Reisen und kulturellen Veranstaltungen. Auch ist uns nicht bekannt, dass aufgrund von steigenden Staatsausgaben und Transferzahlungen die Älteren andere Güter verstärkt konsumiert haben.

          Auch die Kinder erhalten mehr

          Insofern bedarf es hier einer empirischen Untersuchung. Sollte sich dabei herausstellen, dass die Alten weder vermehrt sparen, noch vermehrt ausgeben, sind sie keine Profiteure der Staatsverschuldung - selbst wenn sie sie nicht mitfinanzieren.

          Wir vermuten, dass eine solche Überprüfung im Großen und Ganzen zu diesem Ergebnis kommen wird. Denn die durch die Verschuldung ermöglichten Staatsausgaben und Transfers kommen überwiegend Personen im erwerbsfähigen Alter zugute, dem Würstchenbudenbesitzer, der Orchestermusikerin, der Hotelfachfrau und dem Kneipier.

          Zur Verfügung gestellt werden diese Mittel – direkt oder indirekt über Banken und andere Finanzintermediäre vermittelt – von Einkommensbeziehern, die von der Krise nicht betroffen sind: dem sechzigjährigen Arzt, der fünfzigjährigen Polizistin, der vierzigjährigen Bankangestellten und dem dreißigjährigen Dachdeckergesellen. Sie leihen das Geld dem Staat, weil sie es eben nicht für den Stadionbesuch, den Konzertgenuss, die Urlaubsreise und das Bier am Stammtisch ausgeben können.

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