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IWF mobilisiert Hilfen : Entwicklungsländern droht Tragödie

Die Armenviertel und Flüchtlingslager wie hier in Kenia trifft es besonders hart. Bild: obs

Corona könnte in den ärmsten Ländern eine humanitäre Katastrophe verursachen. Der IWF sieht die „dunkelste „Stunde“ und mobilisiert Hilfen mit der Weltbank. Gibt es bald ein Schuldenmoratorium?

          3 Min.

          Das Coronavirus trifft schon die industrialisierte Welt mit voller Wucht, in den Entwicklungsländern aber droht eine humanitäre Katastrophe. Die ärmsten Länder sind nicht für die Krise gewappnet, weder deren Gesundheitswesen noch deren Volkswirtschaften. „Dies ist eine Krise wie keine andere, die globale Wirtschaft ist zum Stillstand gekommen“, sagte die Generaldirektorin des Internationalen Währungsfonds, Kristalina Georgiewa, in Genf. Mehr als 90 Länder haben beim Währungsfonds Finanzhilfe beantragt.

          Winand von Petersdorff-Campen
          Wirtschaftskorrespondent in Washington.
          Christian Schubert
          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland.

          Die Volkswirtschaften armer Länder registrieren aktuell eine Kapitalflucht, welche die Abflüsse während der Finanzkrise deutlich überschreitet. Mit dem Ziel, das Geld sicher anzulegen, sind nach Angaben des Währungsfonds 90 Milliarden Dollar aus den Schwellen- und Entwicklungsländern transferiert worden. Ins Mark treffe einige Länder auch der Kollaps der Rohstoffpreise, sagte die IWF-Chefin.

          Doch damit nicht genug: Der Tourismus, der etwa für Tunesien, Senegal, die Seychellen, Mauritius und Kenia eine wichtige Devisenquelle darstellt, ist zusammengebrochen. Kenia exportiert auch fast keine Blumen mehr. Afrikanische Textilien finden in Europa und anderen industrialisierten Ländern kaum noch Absatz. Die Ölexporte Nigerias werden ebenfalls schwer in Mitleidenschaft gezogen.

          „Dies ist die dunkelste Stunde der Menschheit in meiner Lebenszeit“

          Selbst im weiter entwickelten Südafrika droht eine schwere Rezession. Der südafrikanische Rand hat gegenüber dem Dollar viel Wert verloren. Ausländische Direktinvestitionen in Subsahara-Afrika dürften durch die Corona-Krise mindestens um 15 Prozent sinken, schätzt die Organisation Unctad. Millionen Arbeitsplätze gehen wahrscheinlich verloren. Es dürfte noch viel mehr Flüchtlinge geben. „Dies ist die dunkelste Stunde der Menschheit in meiner Lebenszeit“, sagte Georgiewa auf einer Pressekonferenz mit Vertretern der Weltgesundheitsorganisation. Sie rief dazu auf, die besonders gefährdeten Menschen in armen Ländern zu schützen. Für sie seien die klassischen Empfehlungen, soziale Distanz zu wahren, nicht praktizierbar, vor allem nicht in den mit Menschen vollgestopften urbanen Slums.

          Die Gesundheitssysteme in vielen armen afrikanischen Ländern sind jetzt schon überfordert, obwohl die Pandemie in dem Kontinent erst an ihrem Anfang steht. Das illustriert das Beispiel Nigerias: So arbeiten nach Angaben des deutschen Ökonomen und Afrika-Spezialisten Robert Kappel in dem Land mit einer Bevölkerung von mehr als 200 Millionen Menschen gerade 200 Beschäftigte in sechs Laboratorien, die Tests durchführen können.

          In den Krankenhäusern finden sich nur 350 Intensivstationen mit jeweils maximal zwanzig Betten. In Kenia stehen 130 Intensivbetten und 200 Arzt- und Pflegekräfte zur Verfügung. Auf 10.000 Menschen kommen in den afrikanischen Städten durchschnittlich zwei Ärzte. Zum Vergleich: In Italien sind es 41.

          Viele Länder haben in Afrika überdies schon mit anderen Epidemien zu kämpfen, etwa Gelbfieber, Malaria, Lassa-Fieber oder HIV. Die Mehrheit der auf 15 Millionen geschätzten HIV-Patienten lebt in Afrika. Rund 2,5 Millionen Menschen stecken sich jedes Jahr mit Tuberkulose an. Selbst Ebola ist noch nicht komplett besiegt. IWF-Chefin Georgiewa wies darauf hin, dass der Währungsfonds über finanzielle Feuerkraft in Höhe von einer Billion Dollar verfüge und gewillt sei, die Mittel zu bewilligen im Kampf gegen die Krise. Sie forderte, dass die Sicherstellung der Bezahlung von Ärzten und Schwestern, die Ausstattung mit Schutzkleidung und die Errichtung von Notlazaretten erste Priorität haben müsse.

          Das IWF-Budget für die Nothilfe in den ärmsten Ländern ist auf 100 Milliarden Dollar verdoppelt worden. Zudem sind einige arme Länder vom Schuldendienst an den Währungsfonds befreit, reiche Länder springen für sie ein. Die Weltbank hat am vergangenen Freitag Hilfsprojekte im Volumen von 1,9 Milliarden Dollar in 25 armen Ländern bewilligt. Projekte in weiteren 40 Ländern werden nach Angaben der Organisation schnell geprüft. Die Weltbank rechnet damit, binnen der nächsten 15 Monate 160 Milliarden Dollar im Kampf gegen die Pandemie und deren Folgen zu investieren.

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          Mehrere westliche Regierungen wollen den Entwicklungsländern ebenfalls zu Hilfe eilen. Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) hat einen Schuldenschnitt für Entwicklungsländer gefordert. Zuvor hatten die G-20-Staaten angekündigt, insgesamt 5000 Milliarden Dollar in die Weltwirtschaft zu investieren. Darin müsse ein Schuldenerlass für die ärmsten Länder enthalten sein, forderte Müller und versprach, dass auch Deutschland seine entwicklungspolitischen Anstrengungen verstärken werde.

          Frankreich befürwortet den Vorschlag, den Entwicklungsländern beim Internationalen Währungsfonds neue Sonderziehungsrechte in Höhe von 500 Milliarden Dollar sowie neue Möglichkeiten für Swap-Geschäfte einzuräumen. Ebenso müsste ein Schuldenmoratorium für die ärmsten Länder vereinbart werden. Für ein Schuldenmoratorium machen sich auch Währungsfonds und Weltbank stark. Der Pariser Klub, in dem staatliche Gläubiger und Schuldner zusammentreffen, sollte aufgrund seiner langen Erfahrung mit diesen Fragen an vorderster Front arbeiten, forderte der französische Wirtschafts- und Finanzminister Bruno Le Maire in der vergangenen Woche. „Wir haben die Verantwortung, ein Drama in den Entwicklungsländern zu verhindern, besonders in Afrika“, sagte er.

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