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Folgen der Corona-Krise : Die große Armut kehrt zurück

Obdachlose und verarmte Menschen erhalten in einem staatlichen Heim in Neu-Delhi Lebensmittel. Bild: dpa

Die Vereinten Nationen und die Entwicklungsbanken schlagen Alarm. Die Corona-Krise trifft Millionen bitterarme Menschen. Die Arbeitslosigkeit steigt und die humanitäre Hilfe steht vor Engpässen.

          2 Min.

          Die Welt wird im nächsten Jahr spürbar ärmer werden. Dadurch müssen mehr Menschen um ihr Überleben kämpfen. Zum ersten Mal seit 1998, dem Jahr der asiatischen Finanzkrise, wird die extreme Armut in aller Welt wieder zunehmen. Die Vereinten Nationen schätzen, dass rund um die Erde bis zu 150 Millionen Menschen zusätzlich in die extreme Armut fallen werden. Von extremer Armut wird gesprochen, wenn ein Mensch weniger als 1,90 Dollar am Tag zur Verfügung hat.

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          „Die Krise ist noch lange nicht vorbei“, sagte António Guterres, der Generalsekretär der Vereinten Nationen. In ihrem Global Humanitarian Overview 2021 verweisen die Vereinten Nationen darauf, dass die Welt dieses Jahr „den größten Rückgang im Pro-Kopf-Einkommen seit 1870“ erlebe. Allein in Teilen Afrikas werde die Wirtschaftsleistung je Kopf im nächsten Jahr auf den Stand von 2007 zurückfallen.

          Die „Fabrik der Welt“, die Entwicklungsländer Asiens, könnten bis zu 9 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung einbüßen, warnte Yasuyuki Sawada, der Chefvolkswirt der Asiatischen Entwicklungsbank (ADB) in Tokio. Im Süden Asiens, bestimmt von Indien, könnte der Rückgang sogar fast 16 Prozent betragen – was einen Verlust von 539 Milliarden Dollar bedeutete. Selbst im kommenden Jahr könnte er noch für alle Entwicklungsländer im Indo-Pazifik weitere 6,3 Prozent betragen.

          Arbeitslosigkeit steigt dramatisch

          Die Arbeitslosigkeit steige dramatisch, heißt es bei den Vereinten Nationen. Allein im zweiten Quartal dieses Jahres verlor die Welt durch Corona so viele Arbeitsstunden, wie 495 Millionen Vollzeit-Arbeitsplätzen entsprechen. Bis zu 166 Millionen Arbeitsplätze könnte Corona in Asien kosten, berechneten die Ökonomen der ADB. „Besonders hart trifft es die Arbeitsmigranten“, sagte Sawada. Er befürchtet, ein Fünftel ihrer Einnahmen oder bis zu 53 Milliarden Dollar seien verloren. Von diesem Geld werden Hunderte Millionen Familien in China, Indien, Bangladesch oder auf den Philippinen ernährt.

          „Die Rückgänge werden insbesondere den informellen Sektor verletzen. Fast 80 Prozent der geschätzten 2 Milliarden Menschen, die informell arbeiten, hat der Verlust von Arbeitsstunden massiv getroffen“, hieß es bei den Vereinten Nationen. Allein in Asien werde Covid bis zu 78 Millionen Menschen zusätzlich in die extreme Armut treiben, sagte Sawada von der ADB. Dies bedeute, dass rund die Hälfte der neuerlich extrem Armen, mit denen die UN rechnet, in Asien lebt. Hinzu kommen jene, die mit weniger als 3,20 Dollar täglich ihr Leben fristen müssen, ein Wert, der die Armutsgrenze definiert. Die Zahl der Armen werde sich in Asien um 162 Millionen Menschen erhöhen, heißt es bei der Entwicklungsbank.

          Mittel für humanitäre Hilfe stehen vor großen Engpässen

          Hilfe wird dabei immer schwerer. Denn nicht nur die ADB fürchtet eine Welle der Firmenzusammenbrüche. Auch die Notenbank des reichen Stadtstaates Singapur warnte am Dienstag: „Die Verschuldung der Unternehmen ist von einem schon hohen Stand weiter gestiegen.“ Die Summe notleidender Kredite habe sich in der Wachstumsregion auf 214 Milliarden Dollar schon verdreifacht, erklärte die ADB. „Die Antworten auf Corona belasten die Staatskassen und erhöhen die Schulden“, warnte Sawada. „Irgendwann aber müssen auch die Staaten ihre Ausgaben wieder einschränken.“

          Ins selbe Horn stoßen die Vereinten Nationen: „Die Mittel für humanitäre Hilfe stehen vor großen Engpässen, da sich die Auswirkungen der globalen Pandemie weiter verschlimmern.“ Schon jetzt hätten die Vereinten Nationen weniger als die Hälfte der 35 Milliarden Dollar zusammengebracht, die der Kampf gegen Hunger und Armut brauche.

          Die Engpässe kommen zu einer Zeit, in der noch mehr Hilfen gebraucht werden: Mit Blick auf die gesamte Welt mahnten die UN, dass rund 235 Millionen Menschen 2021 Unterstützung brauchten, allein um Nahrung, Wasser und sanitäre Einrichtungen zu bekommen. „Ohne ein rasches Handeln der Politik könnte die weltweite Armutsrate bis 2030 auf 7 Prozent schnellen, verglichen mit einer Erwartung von 3 Prozent aus den Zeiten vor Corona“, heißt es in dem Bericht.

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