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Chinas Kommunisten-Kongress : Die Partei der Superlative

Die Zukunft

249 Wolkenkratzer stehen im Schanghaier Finanzzentrum, wo einst Ackerland war. Eine halbe Million Menschen arbeiten hier im Finanzsektor. Von den 6000 Unternehmen sind 99 Prozent privat: Banken, Versicherungen, Broker, Fonds. Die Angestellten haben in London studiert und an der Harvard Business School. Gemäß der Formel, dass auf Finanzmärkten Gewinne und Gehälter am stärksten bei geringer Regulierung steigen, müssten sie Freiheit zu schätzen wissen. Das aber wäre ein Problem für eine Partei, die in Chinas Börsenkrise vor zwei Jahren reihenweise Händler als Sündenböcke verhaften ließ. Vor dem Parteikongress kauft der Staat massenhaft Aktien, verkauft sie wieder und steuert Kurse und Währung in die Richtung, die der Partei passt. Die Theorie, dass wirtschaftlicher Aufstieg die Freiheitsliebe steigert, gilt als Argument für den baldigen Niedergang der Partei.

Die Aufmerksamkeit und Arbeit der Partei verlagerte sich vom Land in die Städte.

Doch im höchsten Turm der Stadt versucht die Partei den Gegenbeweis. Mit 632 Metern wird der Shanghai Tower weltweit nur überragt vom Burdj Khalifa. Im 22. Stock entspannen sich Banker auf 500 Quadratmetern bei „Partei plus“: Yoga, Klettern, „vertikaler Marathon“ – für die Finanzangestellten ist jeder Kurs hier kostenlos. Es gibt Kochklassen und Backwerkstätten. Der Blick von den Fitness-Laufbändern über die Skyline ist atemberaubend. Hammer und Sichel an der Wand wirken hier wie Kommunismuskitsch eines Berliner Szenecafés.

Die Partei nimmt nicht alle auf

Mit dem Programm „Partei Plus“ will die Partei Chinas Wirtschaftselite vom Gedanken abhalten, wozu man in der Globalisierung noch Marxisten brauche. 34 solcher Wellness-Oasen hat die Partei in den Finanztürmen eingerichtet, auf Flächen, die Privatunternehmen angeblich freiwillig gestiftet haben. Freitags zaubern die Banker im Latte-Art-Kurs Herzen auf Milchschaum. Am Valentinstag buchte die Partei eine Yacht und schipperte alleinstehende Broker beim Blinddate über den Fluss. Auf den Fußballturnieren der Partei spielten auch Manager von Citi-Bank, Allianz und Porsche, berichtet der Parteisekretär auf dem Lounge-Sofa, wo abends heiße Flirts ablaufen sollen.

Wer hier der Partei beitritt, kann auch Schulungen über Chinas Anspruch auf das Südchinesische Meer buchen oder über Amerikas Schuld im Nordkorea-Konflikt. Von den 200 Bewerbern im ersten Halbjahr nahm die Partei allerdings nur ein Viertel auf. Mindestvoraussetzung ist Abteilungsleiterrang, Ausnahmen lässt die Partei zu, wenn das Fußvolk am Markt ausreichend große Summen bewegt. „Wir wollen nicht jeden, sondern die Besten“, sagt Parteisekretär Xue Yingping. Seine Mitarbeiter in Bomberjacke und Schnallenschuhen reichen den Latte, als seien sie der chinesischen GQ entstiegen.

Für 4000 der Finanzarbeiter im Viertel hat die Partei Luxuswohnanlagen errichtet, vor deren Tür ein roter Parteibus sie abholt und zur Arbeit chauffiert. Als die Partei zu einem Kindertag lud, kamen 20.000 Leute. Bisher sind nur 8000 der 500.000 Finanzarbeiter in Schanghai Parteimitglied, doch der Parteisekretär hat Listen mit den Namen der Top-Mitarbeiter, die nicht der Partei angehören. Und von denen, die im westlichen Ausland studiert haben. Die Partei, so lautet die Botschaft aus dem Wolkenkratzer in Pudong, ist bereit für das Endspiel.

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