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Chinas Kommunisten-Kongress : Die Partei der Superlative

Im Hotel „Schönheit des Wassers“ in Kunshan warten Sessel, so breit wie ein Bett, aufgestellt in U-Form. Hier sitzt Parteisekretär Xu Hongsheng. Er ist Teil der Regierung, leitet die Kulturbehörde. Doch Xu vertritt auch die Partei. Auf seiner Visitenkarte steht „Parteisekretär“, es ist der wichtigere Titel. Xu trägt die Uniform der zehn Millionen Leitungskader, die so gut wie alle Führungspositionen in KP, Staat und Militär besetzen und der Partei die Herrschaft sichern: schwarze Hose, keine Krawatte. Weil kein Zweifel daran besteht, wer hier der Koch ist, schenkt die Kellnerin stets zuerst dem Kader nach, dann dem Gast. „Vor zehn Jahren waren wir rückständig“, liest Parteisekretär Xu vom Blatt. „Heute haben wir große Fortschritte gemacht.“

Foto auf dem Volkskongress: Die Liebesbekundungen der Redner an den Parteiführer dort nutzten jedoch nichts mehr.

Der nächste Wandel fällt schwer

Kunshans Bauern erwirtschafteten einst jeden zweiten Yuan. Heute stellt die Industrie die Hälfte der Wirtschaft. Deren Leistung ist seit Ende der siebziger Jahre um das Tausendfache gestiegen. Deutsche Maschinenbauer haben sich in Kunshan im Dutzend angesiedelt. Mit nichts rechtfertigt die Partei ihre Herrschaft so geschickt wie mit Chinas Wirtschaftsaufstieg. 1989, als in Peking Soldaten die Aufständischen auf dem Platz des Himmlischen Friedens erschossen, war die Partei am Ende. Dann wechselte sie ihre Taktik und lenkte Kapital vom Land in die Städte. Die Bauern, einst Maos Machtbasis – vergessen. Stattdessen erkaufte sich die Partei von urbanen Eliten deren Gehorsam.

Vor drei Jahren explodierte in Kunshan eine Metallfabrik, 146 Menschen starben. China braucht mehr saubere Dienstleistungen. Die Löhne steigen auch zu schnell, um weiter ausschließlich billig zu produzieren. Der Wandel fällt schwer. Parteisekretär Xu soll also nun Kreative nach Kushan locken, Start-ups. Die Partei hat einen Plan; China ist immer Planwirtschaft geblieben. Kunshans Kulturindustrie soll dreimal schneller wachsen als die Wirtschaft im Land. Nun zahlt die Stadt Millionen, um mit mietfreien Wohnungen die kulturelle Wüste attraktiver zu machen. Die amerikanische Eliteuniversität Duke hat Kunshan mit einem modernen Zweitcampus nach Kunshan gelockt. „Hat uns eine Menge Geld gekostet“, stöhnt Xu. Er hat Philosophie studiert, Hegel und Kant. Jetzt bewerten die Vorgesetzten am Jahresende, ob er seine Ziele erreicht hat, woran sich seine Beförderung entscheidet.

Westliche China-Bewunderer loben oft, dass die Kader in langen Zeiträumen dächten. In Wahrheit sei aber nur der aktuelle Fünf-Jahres-Plan wichtig, sagt der Sinologe Kerry Brown. Das hat seinen Preis: Chinas Lokalverwaltungen sind so hoch verschuldet, dass der Staatsrat in Peking vor einer Finanzkrise warnt.

Der Tiger

An der Loyalität zu seinem Parteichef lässt der Parteisekretär Sun Zhengcai keinen Zweifel. Chinas Volkskongress tagt, das Scheinparlament. Im „Chongqing-Saal“ in der Großen Halle des Volkes spricht Sun zu Delegierten aus dessen Heimatprovinz. Sun Zhengcai hört gar nicht auf, Parteichef und Staatspräsident Xi Jinping zu loben: dessen Ziel, „dem Volk ein wundervolles Leben zu bieten“, sei auch das seine. Doch die finstere Miene passt nicht zu den Worten. Viele Kader im Chongqing-Saal ahnen: Hier kämpft ein Tiger darum, nicht erlegt zu werden.

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