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Britische Wirtschaft : Ein Tsunami an Arbeitslosen

Die Corona-Pandemie hat Großbritanniens Wirtschaft schwer getroffen. Bild: EPA

Um 20 Prozent ist die britische Wirtschaft in der Corona-Krise eingebrochen. Noch federn staatliche Programme den Schock ab. Doch schon bald werden wohl Millionen Briten ihren Job verlieren. Und dann ist da noch der Brexit.

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          Früher arbeitete Alexander manchmal bis ein Uhr nachts in der Küche seines Lokals, erst dann war nach dem Ansturm der Gäste alles wieder aufgeräumt. Jetzt hat der 25 Jahre alte Koch nichts mehr zu tun. Seit drei Monaten, seit Beginn des Corona-Lockdowns, ist er freigestellt, „beurlaubt“. Die Food Hall an der Tottenham Court Road im Londoner Zentrum liegt weitgehend verlassen da. In den Restaurants, Bistros und Cafés des Gebäudes waren bis zur Corona-Krise etwa fünfzig Leute beschäftigt – sie alle haben ihre Jobs erstmal verloren.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Einige Ausländer, die Brasilianer etwa, gingen zurück in ihre Heimat, ein paar helfen jetzt in einer Freiwilligenküche, erzählt Alexander. Viele sitzen seit drei Monaten nur noch zuhause auf dem Sofa. Der junge Koch lebt bei seiner Mutter in deren Wohnung. Vom staatlichen Lohnersatz, der maximal 80 Prozent des Gehaltes beträgt – bei ihm sind das nach Steuern weniger als 1500 Pfund –, könnte er sich in London keine eigene Wohnung leisten. „Ich will dringend wieder arbeiten“, sagt er. Doch die Zukunft ist höchst unsicher. Er weiß nicht, wann das eher enge Restaurant wieder öffnen darf. „Und es ist unsicher, ob es einen Sinn ergibt zu öffnen, wenn zu wenig Kunden kommen.“

          Die Corona-Krise hat in der britischen Wirtschaft  – wie auch in anderen Ländern – wie ein Tornado eingeschlagen und eine Schneise der Verwüstung hinterlassen. „Die Aktivität quer durch die Wirtschaft ist kollabiert“, sagt Andy Haldane, der Chefvolkswirt der Notenbank. Laut Zahlen des Statistikamts ONS ist die Wirtschaftsleistung im April um 20,4 Prozent eingebrochen – das war dreimal so viel wie in der Finanzkrise 2008 und 2009. In einigen Branchen, etwa dem Gastgewerbe, kam das Geschäft völlig zum Stillstand. Im Baugewerbe fiel die Tätigkeit um 40 Prozent.

          Die Folge ist massenhafte Nicht-Beschäftigung. Haldane verweist auf die Zahl von mehr als 8 Millionen „Beurlaubten“ und Selbständigen, die staatliche Unterstützung beziehen. Das sind fast ein Drittel aller Erwerbstätigen im Privatsektor. „Ein solches Level an Inaktivität auf dem Arbeitsmarkt haben wir noch nie gesehen“, sagt Haldane.

          Arbeitsmarkt war vor der Krise in „exzellenter Verfassung“

          Der Kontrast zur Vorkrisenzeit ist besonders schmerzhaft. „Vor der Corona-Pandemie war der Arbeitsmarkt in exzellenter Verfassung“, sagt Cyrille Lenoel vom Forschungsinstituts National Institute of Economic and Social Research (NIESR). Die Arbeitslosenquote lag bei 3,9 Prozent, der niedrigste Wert seit Mitte der siebziger Jahre. Nur 1,3 Millionen Menschen waren im Februar erwerbslos gemeldet. Dann kamen Corona und der „Lockdown“, die Stilllegung großer Teile der Wirtschaft und des öffentlichen Lebens. In der offiziellen Arbeitslosenstatistik sieht man noch wenig, denn sie hinkt hinterher.

          Sichtbar ist jedoch, dass schon 3 Millionen Menschen „Universal Credit“-Sozialleistung beantragt haben, ein Großteil davon, weil sie arbeitslos geworden sind. Eine von diesen Millionen ist Emma. Die junge Frau war Kellnerin in einer Café-Kette, am Tag des Corona-Lockdowns verschickte der Chef an alle eine Entlassungsmail. Nun lebt sie bei ihrer Schwester und deren Freund in einer kleinen Wohnung. Die Schwester fährt Uber-Taxi – doch wartet sie oft stundenlang vergeblich auf einen Fahrgast.

          Ein Gutteil des Corona-Schocks wurde durch das „Coronavirus Arbeitsplatzerhaltungs-Programm“ vorläufig aufgefangen, das Finanzminister Rishi Sunak in aller Eile im März eingeführt hat: Arbeitgeber beurlauben ihre Mitarbeiter, der Staat zahlt vier Fünftel des vorigen Lohns, maximal 2500 Pfund (2750 Euro). Sunak hat das Programm bis Oktober verlängert. „Unsere beispiellosen Coronavirus-Unterstützungsprogramme schützen Millionen Jobs“, bekräftigt er. Im Handel und Einzelhandel sind 1,6 Millionen, im Hotel- und Gaststättengewerbe 1,4 Millionen Menschen beurlaubt und werden vom Staat bezahlt. Auch gut 2 Millionen Selbständige beziehen finanzielle Hilfe, im Durchschnitt je 2900 Pfund im Monat.

          Die Unterstützung federt den Schock am Arbeitsmarkt ab, ist für die Staatskasse aber sehr teuer. Bis Oktober wird es rund 60 Milliarden Pfund kosten, so die neueste Schätzung des unabhängigen Office for Budget Responsibility. Ab August müssen Arbeitgeber jedoch einen Teil des Lohnersatzes mittragen – dann dürfte eine größere Entlassungswelle losgehen.

          Schätzung: 70.000 Jobs in den nächsten drei Monaten bedroht – allein in der Luftfahrt

          Verschiedene Großunternehmen in besonders von Corona betroffenen Branchen haben schon massenhaften Jobabbau angekündigt, British Airways etwa streicht 12.000 von 42.000 Stellen. Der Thinktank New Economics Foundation schätzt, dass in der Luftfahrtbranche insgesamt 70.000 Jobs in den nächsten drei Monaten bedroht sind. Neben der Flug- und Reisebranche sind besonders in der Gastronomie und in Teilen des Einzelhandels die Jobs gefährdet. Manche befürchten mit dem Auslaufen des staatlichen Unterstützungsprogramms einen „Tag der Abrechnung“, so nennt er James Reed, Chef der gleichnamigen großen Personalagentur. „Dann wird es einen Tsunami an Jobverlusten geben.“ Reed befürchtet bis zu fünf Millionen Arbeitslose; das wäre so viel wie in der Großen Depression der 1930er Jahre. Aus Sicht von Ökonomen ist das zu hoch gegriffen.

          NIESR-Direktor Jagjit Chadha schätzt, dass die Arbeitslosigkeit im Sommer und Herbst knapp über 10 Prozent klettern wird. Das wären dann deutlich über 3 Millionen Erwerbslose, mehr als nach der Finanzkrise 2008 und 2009. Absehbar steuert die Arbeitslosigkeit auf die höchste Zahl seit fast dreißig Jahren zu, als sie in der Rezession 1993 einen Höhepunkt erreichte.

          In diesen Tagen lockert die Regierung nun die Lockdown-Restriktionen für mehr und mehr Geschäfte und Unternehmen. Finanzminister Sunak besuchte kürzlich ein wiedereröffnendes Kaufhaus von John Lewis in London, lobte die neuen Sicherheitsvorschriften. Alle Leute sollten jetzt fleißig einkaufen gehen, ermunterte der Minister die Bevölkerung. Der April sei der Tiefpunkt der Wirtschaftsentwicklung gewesen, meint die Industrie- und Handelskammer BCC. Alle hoffen, dass der Konjunkturmotor nun wieder anspringt, nun da Geschäfte und Betriebe wiedereröffnen. „Die Aussicht auf eine V-förmige Erholung bleibt aber unwahrscheinlich“, warnt die Handelskammer, „denn viele Sektoren können nur mit begrenzter Kapazität arbeiten.“

          Die große Frage ist, wie lange es dauern wird, bis sich der Arbeitsmarkt von der Krise erholt. Einige Volkswirte sehen Chancen, weil Britannien einen sehr flexiblen Arbeitsmarkt hat. „Es ist einfach, die Leute zu entlassen, aber es ist auch einfach, wieder einzustellen“, sagt Kallum Pickering, Ökonom der Berenberg Bank in London. „Außerdem sind die Löhne flexibler, das alles hilft, dass es bald wieder neue Beschäftigung gibt.“ Allerdings sieht er einige mögliche Risiken, etwa die Unsicherheit über ein Post-Brexit-Freihandelsabkommen mit der EU – das könnte das Investorenvertrauen belasten.

          Die Notenbank zeichnet in ihrem Szenario der schwersten Rezession seit 300 Jahren einen tiefen Einbruch, dann aber eine bemerkenswert schnelle Erholung. Sie glaubt, schon Ende 2021 sei das meiste überstanden. Andere Wirtschaftsforscher sind nicht so optimistisch. „Nach der Finanzkrise hat es sieben Jahre gedauert, bis die Arbeitslosenrate von 8 auf 4 Prozent gefallen ist“, sagt NIESR-Ökonomin Lenoel. „Wir prognostizieren, dass es diesmal etwa fünf Jahre dauern wird, bis wir wieder bei 4 Prozent sind.“ Einige Branchen werden längere Zeit schwere Narben tragen. Und gerade für viele junge Leute dürfte es schwierig werden, wieder im Berufsleben Fuß zu fassen.

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