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Bildung : Warum arme Kinder arm bleiben

Für Kinder, die in Armut aufwachsen, sind die Aussichten in Deutschland meist nicht rosig. Bild: dpa

Sozial schwache Schüler haben es in Deutschland oft schwer. Das liegt an fehlenden Bildungschancen – aber nicht nur. Es gibt noch einige andere überraschende Gründe.

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          Arme Kinder bleiben arm, reiche Kinder werden auch als Erwachsene reich sein – es ist ein Vorwurf, der dem deutschen Bildungssystem immer wieder gemacht wird. Im ersten Moment ist das bemerkenswert. Denn Deutschlands Elite wirkt im frühen 21. Jahrhundert recht durchlässig. Viele Topmanager und Spitzenpolitiker stammen aus kleinen Verhältnissen oder aus der Mittelschicht. Angela Merkels Vater war Pfarrer, Gerhard Schröders ist im Krieg gestorben, die Familie hatte wenig. Siemens-Chef Joe Kaeser stammt aus der Familie eines Fabrikarbeiters im Bayerischen Wald, die Familie von Bayer-Vorstand Werner Baumann hatte eine Bäckerei in einer Krefelder Seitenstraße – gerade groß genug, um die Familie zu ernähren, wenn alle mitmachten. Es ist die Generation der Baby-Boomer, die jetzt viele Schaltstellen in Politik und Wirtschaft besetzt: Geboren oft in den 60er Jahren, profitierte sie von der großen Bildungsexpansion der 70er. Viele Deutsche erreichten damals einen höheren Schulabschluss als ihre Eltern.

          Patrick Bernau
          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Wert“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Für die Kinder von heute ist das nicht mehr so leicht, denn viele Eltern haben selbst schon einen ganz guten Schul- oder gar Hochschulabschluss. Für die anderen ist der Aufstieg tatsächlich oft schwierig. Natürlich weiß noch niemand, aus welchem Jugendlichen von heute später mal der Chef eines Großkonzerns wird. Doch eines kann man schon sagen: Welche Schule die Kinder besuchen, hängt in kaum einem Land so sehr von den Eltern ab wie in Deutschland.

          Es geht nicht ums Geld

          Jetzt hat die Industrieländer-Organisation OECD mit einer neuen Studie wieder einmal gezeigt, dass Deutschlands Bildungssystem Schüler aus sozial schwachen Elternhäusern nicht gut fördert. Die Lage ist in den vergangenen Jahren etwas besser geworden, doch das Fazit bleibt düster. 76 Prozent der Kinder von Akademikern schließen selbst ein Studium ab. Wenn die Eltern keinen Schulabschluss haben, schaffen das nur zehn Prozent der Kinder. So wenig Aufstieg gibt es nur in wenigen anderen Ländern.

          Eltern ohne Schulabschluss verdienen häufig weniger als Akademiker. Deshalb heißt es oft, arme Kinder hätten es schwer. Dabei geht es bei genauerem Hinsehen praktisch gar nicht ums Geld. Forderungen nach höheren Hartz-IV-Sätzen zielen am Kern des Problems weit vorbei. Wer die Daten genau anguckt, der merkt: Viel wichtiger als Einkommen und Vermögen im Elternhaushalt ist, wie die Eltern sich verhalten. Ob die Mutter in der Schwangerschaft geraucht hat. Ob die Eltern selbst Bildung haben und wertschätzen. Ob im Haus vorgelesen wird, ob das Kind mit einem Pausenbrot in die Schule geht und ob die Eltern auf die Hausaufgaben achten. Vor allem aber: Welche Bildungsziele die Eltern für ihre Kinder haben. Wenn Kinder in diesen Belangen Pech mit ihren Eltern haben, helfen ihnen die deutschen Schulen kaum weiter.

          Die aktuelle Forschung in Genetik und Neurowissenschaften geht davon aus, dass Intelligenz in viel höherem Maß erblich ist, als man früher gedacht hat. Trotzdem leisten die Bildungssysteme anderer Länder ganz offensichtlich mehr. Und wenn Kinder aus sozial schwachen Haushalten zurückbleiben, dann ist das nicht nur ein Drama für die betroffenen Kinder, dann leidet der Wohlstand des ganzen Landes. Auch bei den Lesern der F.A.S. steht Deutschlands Bildungssystem unter heftiger Kritik, wie die Leseraktion „Deutschlands Probleme“ gezeigt hat. Auf unserer Aktionsseite taucht die Bildung immer wieder als Mangelpunkt auf. „Wir brauchen ein Schulsystem, das jeden da abholt, wo er steht“, schreibt ein Leser. Ein anderer bemängelt: „Der Schulunterricht orientiert sich an den schwächsten Schülern in der Klasse, um die besten Schüler kümmert sich keiner.“

          Die Mittelschicht muss sich keine Sorgen machen

          Die meisten Eltern aus der Mittelschicht müssen sich indes keine Gedanken um die Schulbildung ihrer Kinder machen. Natürlich kann Bildung immer besser sein, als sie es ist. Aber wer zugunsten seiner Kinder auswandern will, der wird damit wenig erreichen. Kinder aus gutem Haus zeigten in Deutschland ebenso gute Schulleistungen wie vergleichbare Kinder in Finnland, Estland oder Japan, sagt Andreas Schleicher, der OECD-Bildungsexperte, der für die Pisa-Studien und für den jüngsten Vergleich zuständig ist. Diese drei Länder gehören zu den stärksten im internationalen Vergleich.

          Welche Schüler im deutschen Bildungssystem Schwierigkeiten haben, das lässt sich relativ klar eingrenzen: Es sind meistens die Kinder von eingewanderten Eltern. Und zwar nicht die Kinder von eingewanderten Hochschulabsolventen. Die sind an der Schule mindestens so stark wie die von deutschen Hochschulabsolventen. Problematisch wird es dagegen oft dann, wenn die eingewanderten Eltern eine schlechte Schulbildung haben. Aus diesen Familien schaffen nur sieben Prozent der Kinder einen Bachelor- oder Master-Abschluss, fast die Hälfte erreicht nicht einmal einen Schulabschluss. Der Anteil ist vier Mal so hoch wie unter Kindern, deren Eltern beide in Deutschland geboren worden sind.

          Wie der Aufstieg gelingen kann, das weiß Grünen-Politiker Cem Özdemir. Er ist selbst Kind von Einwanderern, sein Vater hat keinen Schulabschluss gemacht. Vor einigen Jahren erinnerte er sich im F.A.S.-Interview an seine Schulzeit auf der Schwäbischen Alb: „Ich hatte einen Mitschüler, dessen Oma uns immer zum Wandern mitnahm. Das hat mir gutgetan, dass ich meine Zeit anders verbringen konnte als vor dem Fernseher oder auf der Straße. Wenn ich dann bei dieser Familie zu Hause war und die Mutter nach den Hausaufgaben geschaut hat – dann tat sie das eben auch bei mir.“

          Die Schulen in Problemvierteln kommen nicht nach

          Doch solche Begegnungen kommen im Deutschland des 21. Jahrhunderts seltener vor als in Özdemirs Jugend. Die Familien sind weiter voneinander getrennt, vor allem in den großen Städten, in die gerade viele Leute ziehen wollen: Die gebildete, wohlhabende akademische Mittelschicht wohnt zum Beispiel in Berlin-Prenzlauer Berg, in München-Schwabing oder im Frankfurter Nordend. Hohe Ausländeranteile und sozial schwache Familien dagegen gibt es im Wedding, in Hasenbergl oder am Frankfurter Berg. „Die Unterschiede in Deutschland kommen durch die Problemviertel zustande“, sagt Bildungsökonom Ludger Wößmann vom Münchener Ifo-Institut. Er hat nachgezählt, was sowieso viele vermuten: Wenn aus dem Ausland zugezogene Familien viele Menschen aus ihrem Herkunftsland in der Nähe haben, dann sprechen die Kinder schlechter Deutsch und brechen eher die Schule ab. „Ghettoisierung behindert die Integration von Migrantenkindern“ – das ist Wößmanns Fazit.

          Den Schulen fällt es schwer, da noch gegenzusteuern. Vor einigen Jahren wurde die Berliner Rütli-Schule zum Symbol für schwache Schulen, weil das Lehrerkollegium sich angesichts der Zustände öffentlich beschwerte und sogar die Schließung der Schule forderte. Heute gibt es Problemschulen in Deutschland immer noch viel zu oft.

          Die OECD jedenfalls hat vergangene Woche vorgerechnet: Ein Schüler aus einem sozial schwachen Elternhaus erreicht im Pisa-Test 99 Punkte mehr, wenn er eine Schule mit mittelmäßigem Sozialprofil besucht, als auf einer Schule mit schlechtem Sozialprofil. 99 Punkte, das ist der Fortschritt von vier Schuljahren. In kaum einem Land Europas sind die Unterschiede stärker ausgeprägt. Nur in Frankreich mit seinen berüchtigten Vorstädten vor allem rund um Paris ist der Unterschied zwischen guten und schlechten Schulen noch größer. Selbst in den Vereinigten Staaten sind die Schulen nicht so unterschiedlich, dass sie einen größeren Einfluss auf die Leistungen der Kinder hätten, als das in Deutschland der Fall ist.

          Was also kann man tun? Bildungsökonom Ludger Wößmann denkt darüber nach, Asylbewerbern ihren Wohnort häufiger vorzuschreiben, damit sich keine Ghettos bilden. Eine Alternative sei, Schüler zwischen den Stadtvierteln zu tauschen, so dass Kinder aus armen Familien auf gute Schulen kommen und Kinder aus reichen Familien auf andere – doch ob sich die Eltern darauf einlassen, ist fraglich. Denn die Ergebnisse der OECD deuten auch deutlich darauf hin, dass das die Leistungen der wohlhabenden Kinder beeinträchtigen könnte.

          Manchmal allerdings reicht schon etwas Eigeninitiative, zum Beispiel an der Heidelberger Waldparkschule. Die liegt nicht im Heidelberger Neckartal, sondern oben auf dem Berg, nah an einem sozialen Brennpunkt, und sie sollte geschlossen werden. In ihrer Not dachten sich die Lehrer einige neue Maßnahmen aus: Sie nahmen zusätzliche Schulabschlüsse ins Programm, passten ihren Unterricht mehr auf die Bedürfnisse der einzelnen Schüler an und hospitierten in anderen Schulen, um sich von den erfolgreichen Arbeitsweisen der anderen etwas abzugucken. „Die Leute stellten sich vor, dass hier jeder rappt und nachts die Mülltonnen brennen“, sagt Schulleiter Thilo Engelhardt über die Zeit früher. Heute hat sich der Ruf der Waldparkschule so sehr verbessert, dass die Schülerzahl in fünf Jahren von 194 auf 454 gestiegen ist. Die sozialen Schichten vermischen sich jetzt ganz von selbst, auch Heidelberger Professoren schicken ihre Kinder hierher. So anstrengend das Programm für die Lehrer klingt, der Schulleiter berichtet, dass die Schule auch bei Lehrern beliebter geworden sei. „Die können sich aufs Unterrichten konzentrieren und sind nicht ständig mit Löwenbändigung beschäftigt.“

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