https://www.faz.net/-gqe-8fac3

Politik der Zentralbanken : Erhöht das billige Geld die Ungleichheit?

Umgekehrter Robin Hood: Die mächtigste Zentralbank der Welt, die amerikanische Federal Reserve, muss sich den Vorwurf anhören, sie nehme von den Armen und gebe den Reichen. Bild: AFP

Die Politik der Zentralbanken kommt vor allem den Reichen zugute – so lautet jedenfalls ein häufiger Vorwurf. Wissenschaftler sehen das allerdings differenzierter.

          4 Min.

          Diesen Vorwurf hört die mächtigste Zentralbank der Welt, die amerikanische Federal Reserve, nicht gerne. Sie sei „in gewisser Weise ein umgekehrter Robin Hood“ – sie nehme von den Armen und gebe den Reichen. Der das gesagt hat, Kevin Warsh, saß selbst fünf Jahre lang, während der heißen Phase der Finanzkrise, im Vorstand der Fed. Heute ist er Fellow der Hoover Institution an der Universität Stanford und Mitglied der „Group of Thirty“, eines elitären Kreises aus Vertretern der Hochfinanz, Wissenschaftlern und Zentralbankern. Der konservative Finanzfachmann Warsh argumentiert wie auch linke Kritiker der Fed-Politik der „Quantitativen Lockerung“ durch den Ankauf von Wertpapieren und Anleihen: „Wenn du Zugang zu Krediten hast und wenn du eine große (Wertpapier-)Bilanz hast, dann hat dich die Fed reicher gemacht.“

          Philip Plickert
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Die Gewinne fielen bei den Wohlhabenden und den smarten Investoren an, sagt Warsh. Auch andere Kritiker, sowohl auf der Linken als auch auf der Rechten, werfen der Fed-Politik eine problematische Umverteilungswirkung vor. Etwa der einstige republikanische Präsidentschaftskandidat Mitt Romney: „Der größte Beitrag zur beklagten zunehmenden Ungleichheit kommt von der Fed-Politik des Quantitative Easing, die die Zinsen niedrig gehalten und die Aktienkurse in die Höhe getrieben hat“, sagte er. „Wer viele Aktien hatte, hat eine Menge Geld verdient.“

          Schon seit einiger Zeit wird kontrovers über die Verteilungswirkung der Geldpolitik diskutiert, verstärkt, seit die Fed mit dem „Quantitative Easing“ begonnen hatte. Bei dieser geldpolitischen „Lockerung“ kaufte sie seit Ende 2008, dem Höhepunkt der Rezession, bis Herbst 2014 Wertpapiere im Volumen von mehr als anderthalb Billionen Dollar, was die Kurse in die Höhe trieb und die Zinsen senkte. Ziel war es, durch noch niedrigere Zinsen die Wirtschaft anzuregen und die Arbeitslosigkeit zu senken. Doch welcher Effekt ist wirklich eingetreten? Darüber gehen die Meinungen auseinander. Während einige sagen, am sichtbarsten und unmittelbarsten sei der Anstieg der Wertpapierkurse, betonen andere, die Fed habe damit die Wirtschaft aus der Rezession gezogen und Millionen Amerikanern neue Stellen verschafft. Das senke die Ungleichheit wieder.

          Das QE-Programm

          In Europa hat die Europäische Zentralbank (EZB) im vergangenen Jahr ebenfalls ein QE-Programm begonnen. Seit März 2015 kauft sie bis mindestens März 2017 monatlich für 60 Milliarden Euro vor allem Staatsanleihen und wird, wenn man die Reinvestitionen mitberücksichtigt, mit dem Programm etwa 1,8 Billionen Euro in die Märkte pumpen. Notenbanker, die das Programm eher skeptisch sehen, äußerten zuvor auch Bedenken, weil es zu steigender Ungleichheit führen könnte. Das EZB-Direktoriumsmitglied Yves Mersch sagte in einer Rede: „Unkonventionelle Geldpolitik, im Besonderen Anleihenkäufe in großem Umfang, scheinen die Einkommensungleichheit zu erhöhen, wenngleich es schwierig ist, das genau zu quantifizieren.“

          In Europa und Deutschland könnte der Effekt sogar ausgeprägter sein als in Amerika, erklärte der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, David Folkerts-Landau. Der Aktienbesitz sei hier weniger breit gestreut als in Amerika. Vielmehr konzentriert er sich bei den reicheren Teilen der Bevölkerung. Ein Viertel des obersten, vermögendsten Fünftels der Europäer hat Aktiendepots, während im untersten Fünftel nur jeder Fünfzigste Aktien besitzt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Zapfenstreich für Merkel : Abschied mit Fackeln und Schlagern

          Mit dem Großen Zapfenstreich verabschiedete sich die Bundeswehr von Angela Merkel nach 16 Jahren im Amt. Die Kanzlerin hält zwei Ratschläge bereit – und freut sich über Schlager aus Ost und West.
          Militärübung Zapad: Alexandr Lukaschenko Mitte September auf dem Truppenübungsplatz Obuz-Lesnovsky

          Sorgen um die Ukraine : Lukaschenko droht für Putin

          Der Minsker Machthaber kündigt „Manöver“ mit Russland nahe der Ukraine an – und stellt sogar die Stationierung russischer Nuklearwaffen in Belarus in Aussicht.
          Tritt von der politischen Bühne ab: Sebastian Kurz am Donnerstag in Wien

          Österreichs früherer Kanzler : Wie lange ist Kurz weg?

          Österreichs früherer Kanzler Sebastian Kurz legt seine politischen Ämter nieder und spricht davon, dass er seine Begeisterung verloren habe. Ob es ein Abschied für immer sein soll, bleibt offen.