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Armut in Deutschland : Vanessas grenzenlose Welt

Weiter weg als bis zum Garten ihrer Oma im Nachbarstadtteil ist Vanessa noch nicht gewesen. Ihr Lieblingsausflug am Wochenende geht zu einem Spielplatz am Rhein. Der ist ganz anders als der Spielplatz neben ihrer Schule, wo Vanessa fast jeden Nachmittag ist und wo keiner mehr guckt, wenn sie kopfüber an der Schaukel hängt und ihren Körper in den Kettenseilen eindreht. Auf dem Spielplatz am Rhein, eine U-Bahn-Station entfernt, trifft sich die Mittelschicht. Eltern löffeln mit ihren Kindern gefrorenen Joghurt mit Himbeerpüree, unterhalten sich über Kita-Qualität und faire Kleidung und kaufen zwischendurch ein selbstgematschtes Sandeis von ihren Kindern. Vanessas Mutter steht allein, etwas abseits, raucht und telefoniert. Vanessa ist die Älteste in der Netzschaukel und freut sich, wenn die kleineren Kinder ihre wilden Kunststücke bewundern. Als sie genug hat, läuft sie zum Rheinufer, lässt sich den Wind durch die Haare wehen, schaut Richtung Dom und fragt ihre Mutter: „Wie weit geht der Rhein eigentlich noch? Können wir mal bis zum Ende laufen?“ Und weil Vanessa gerne schnell die Dinge beschließt, will sie einfach losrennen. Ihre Mutter hat Mühe, sie einzufangen.

Rausgeschmissen werden - und wieder reinkommen

Spürt eine Siebenjährige schon so etwas wie Perspektivlosigkeit? „Ja und nein“, sagt Iwan Peters. „Das Kind sieht natürlich schon: Papa sitzt zu Hause und tut nichts. Mama sitzt auch zu Hause. Und es ist immer wenig Geld da.“ Aber da sei eben noch viel mehr. „Der Blick von außen auf das Kind. Dass sie in dieser Straße wohnt. Dass sie bestimmte Kleidung trägt. Dass sie hin und wieder zusammen mit der Mutter bei der Tafel Schlange steht.“ Die Mittelschicht von der anderen Seite des Bahndamms schaue sehr hart und sehr negativ auf die Straße, in der Vanessa wohnt. „Alles Assis dort, heißt es dann.“ Und in der Schule werde sie automatisch als schwach eingestuft. Wegen ihres Sozialverhaltens, sagt Peters. „Da ist man schnell dabei mit allen möglichen Fördermaßnahmen. Mit Ergotherapie und Logopädie und so weiter. Und Förderung, das heißt halt auch oft, dass man die Kinder schnell aussortiert.“ Es sei denn, sie seien „echte Granaten“ und haben nur Einsen auf dem Zeugnis. „Oder vielleicht haben manche das Glück, einen der wenigen Gesamtschulplätze zu bekommen, was ihnen noch gewisse Aufstiegschancen ermöglicht. Aber das ist eben selten.“ Das alles spüre ein Kind in Vanessas Alter noch wenig. „Aber die Eltern spüren es.“ Vanessas Mutter sagt es so: „Ich kann mir ein Bein ausreißen, und sie landet trotzdem maximal auf der Hauptschule.“

Was wäre, wenn Vanessa sich etwas wünschen dürfte? Eine Unternehmung? „Ins Okidoki-Land fahren“, sagt Vanessa. Das ist ein Indoor-Spielplatz, Kinder aus ihrer Klasse haben dort schon mal Geburtstag gefeiert. Vanessa war nicht eingeladen. Sie war noch nie auf einen Kindergeburtstag in ihrer Klasse eingeladen. Der Eintritt für das Okidoki-Land kostet 12 Euro für Vanessa und ihre Mutter zusammen. „Das kann ich nicht stemmen“, sagt die Mutter und zuckt mit den Schultern. „Nicht, wenn Vanessa im Alltag mal ab und zu ein Eis haben will und ihre fünf Euro Taschengeld.“

Vanessa ist solche Antworten gewohnt und schlägt vor, stattdessen Mensch ärgere Dich nicht zu spielen. Eines der zwei Gesellschaftsspiele aus ihrem Kinderzimmerregal. „Mein Lieblingsspiel!“ Was sie so gerne mag daran? „Dass ich rausgeschmissen werde“, sagt sie und grinst. Aber wenn man rausgeschmissen wird, verliert man doch? „Die Mama verliert dann“, sagt Vanessa. „Ich nicht! Ich komm immer wieder rein!“

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