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Armut in Deutschland : Vanessas grenzenlose Welt

Vanessa wurde einfach überbehütet. Und das mag damit zusammenhängen, dass ihre Mutter so sehr auf das Geld schauen muss. Normen und Regeln, die ein Kind in Vanessas Alter eigentlich kennen sollte, blieben auf der Strecke. Aus Peters’ Sicht wollte die Mutter kompensieren, was sie der Tochter wegen finanzieller Einschränkungen nicht bieten konnte: Zoobesuche, Erlebnisbad, Gitarrenunterricht. Sie wollte „einfach das Beste tun“ für ihr Kind, so sagt sie selbst. Peters formuliert es anders. „Sie wollte das Kind total lieb haben. Extrem lieb haben. Und hat dabei nicht gemerkt, dass sie ihr nicht beigebracht hat, sich an Regeln zu halten.“

Wer Vanessa fragt, wer ihre Familie ist, dem sagt sie „meine Mama – meine Mama ist cool“. Von ihrem Bruder erzählt sie nichts. Und der Papa? „Hängt immer nur vor der Glotze rum.“ Das ist Vanessas Wahrheit. Ein anderer Teil der Wahrheit ist, dass der Vater krank ist, dass er schweres Asthma hat. Vanessa kennt ihren Papa noch gar nicht lange. Als sie zwei war, kam er ins Gefängnis, als sie fünf war, kam er wieder raus. Betrunkenes Fahren ohne Führerschein, ein Unfall mit Verletzten, auch vorher seien schon ein paar andere Dinge gewesen. Mehr erzählt Vanessas Mutter darüber nicht. Als sie noch kleiner war, dachte Vanessa, der Papa sei im Krankenhaus. Jetzt ist sie schon groß genug und weiß, wo er wirklich war. Auch, dass er nicht lesen und schreiben kann, weiß Vanessa. „Und der weiß nicht mal, was 300 plus 300 ist. 300 plus 300 sind... 1-2-3-4-5-6“ – Vanessa zählt es an ihren Fingern ab. „300 plus 300 sind 600. Und der sagt dazu 500!“

„Wie weit geht der Rhein eigentlich noch?“

Vanessa kennt Kinder, deren Vätern mehr einfällt. Die morgens ins Büro gehen. Davon, dass es auch diese Lebensentwürfe gibt, hat sie eine gewisse Vorstellung. Ins Büro gehen, das ist – neben Lehrerin sein – die zweite Idee, die Vanessa von der Arbeitswelt im Kopf hat. Und Büro-Spielen ist neben Schule-Spielen eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen am Nachmittag. „Mein Zimmer ist mein Büro“, sagt sie, und ein bisschen sieht man das auch: Gleich neben dem Schreibtisch verbirgt eine Spanplatte Vanessas „Geheimversteck“ – eine kleine Regalecke mit Heftklammern, altem Schmierpapier, Kugelschreibern, Radiergummis. Darüber auf dem Fenstersims steht ein Drucker. „Da ist die Tinte aber leer“, sagt Vanessa. Aber was gäbe es auch auszudrucken in diesem Haushalt ohne Computer und ohne Internet?

Und nach Feierabend? In den Ferien? Vanessa hat noch nie in ihrem Leben Urlaub gemacht. Aber auch von dem, was ein Urlaub ist, hat sie trotzdem eine Idee im Kopf. Urlaub, das ist Wegfliegen in die Türkei, so wie ihre Freundin aus der Nachbarschaft, die dort jeden Sommer ihre Großeltern besucht. Und was würde Vanessa machen, wenn sie auch mal in die Türkei fliegen dürfte? „Spielen halt“, sagt sie; für Details fehlt ihr die Vorstellungskraft. Woher sollte die auch kommen? Andere haben etwas erlebt, Vanessa nicht. Selbst die Klassenfahrt der Schule hat sie nicht mitgemacht. Am Geld lag das ausnahmsweise nicht. Vanessa traute sich nicht, die Mutter traute es ihr nicht zu: „Sie war zu dem Zeitpunkt einfach noch nicht so weit.“

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