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Armut in Deutschland : Vanessas grenzenlose Welt

Gut versorgt, sozial isoliert

Vanessa, die in Wirklichkeit anders heißt, hat nie einen Kindergarten besucht. Als sie vier Jahre alt war, hat sie es mal zwei Tage lang versucht. Doch als sie weinte und schrie und nicht bleiben wollte, gab die Mutter schnell nach. So dringend nötig, fand die Mutter, war der Kindergarten dann auch wieder nicht, schließlich war sie ohnehin zu Hause und konnte auf das Kind aufpassen. Überhaupt gab die Mutter immer schnell nach, wenn Vanessa etwas wollte. Auch später noch, in der ersten Klasse, wenn Vanessa oft über angebliche Bauchschmerzen klagte, weil es ihr schwerfiel, nun jeden Vormittag mit Lehrern und Mitschülern statt mit der Mama zu verbringen. Die Mutter ließ sie dann zu Hause bleiben. Und Vanessa versäumte eine Menge Unterricht.

„Armut? Das ist gar nicht das Hauptthema bei Vanessa“, findet ihre Lehrerin. Viele Kinder hier im Stadtteil leben von Hartz IV. Viele haben morgens kein Frühstücksbrot dabei, weshalb die Schule schon lange ein von Ehrenamtlichen organisiertes Schulfrühstück anbietet. Vanessa dagegen hat morgens immer ein Schulbrot in der Tasche. „Sie ist gut versorgt“, sagt die Lehrerin. Für sie ist das „Hauptthema“, dass Vanessa, bis sie in die Schule kam, nur mit Erwachsenen zu tun hatte. Dass sie nicht weiß, wie sie mit anderen Kindern umgeht. Dass sie ihnen den Stinkefinger zeigt oder mit Kraftausdrücken um sich wirft, wenn sie sagen will: „Ich möchte mit dir spielen.“

Jetzt hilft ihr auch ein Sozialarbeiter. Iwan Peters arbeitet in einer Jugendhilfeeinrichtung der Arbeiterwohlfahrt. Im Auftrag des Jugendamtes kümmert sich Peters seit zwei Jahren um Vanessa und ihre Familie. Er sieht es anders: Die Armut habe durchaus zu Vanessas schwieriger sozialer Entwicklung geführt. Es sei schließlich kein Zufall, dass in Vanessas Straße jede zweite Familie in irgendeiner Form das Jugendamt im Haus habe. „Mit Transferleistungen aufzuwachsen heißt: Man hat Einschränkungen, die auch mit Kleinigkeiten zu tun haben“, findet er. „Das fängt an bei der neuen Hose oder bei den neuen Schuhen, die gerade nicht gekauft werden können. Dann muss man halt noch ein paar Wochen länger auf kaputten Schuhen rennen. Das geht weiter, wenn man am Wochenende nicht mal eben ein Eis essen gehen kann. Oder wenn man nicht das Lieblingsbuch kaufen kann, das alle anderen gerade lesen und das man auch so gerne haben will.“

„Ich komme schon irgendwie klar mit dem Geld“

Vanessas Mutter klagt nicht. „Ich komme schon irgendwie klar mit dem Geld“, sagt sie. Wenn die Miete und die Nebenkosten bezahlt sind, hat die Familie im Monat rund 545 Euro zur Verfügung. Wenn es am Monatsende mal knapp wird, stellt sich Vanessas Mutter bei der örtlichen Tafel an, um Lebensmittel zu bekommen. „Sicher muss ich immer rechnen“, sagt sie. „Aber so weit, dass ich meinem Kind kein Schulbrot mache, so weit soll’s doch nicht kommen.“ Sozialarbeiter Peters sieht das genauso. Vanessas Mutter wisse, wie man wirtschaftet, sie könne gut kochen, in zehn von zwölf Monaten reiche das Geld.

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