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Arcelor-Chef Guy Doll : Der Verteidiger

  • -Aktualisiert am

Guy Dolle Bild: AP

Bald werden fünf, sechs globale Stahlkonzerne die Branche bestimmen, sagte Guy Dolle voraus. Daß Arcelor als unabhängiger Konzern dazugehört, stand für ihn nie in Frage. Als Juniorpartner von Mittal ist er hingegen gänzlich ungeeignet.

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          Nach eigenem Bekunden ist Guy Dolle, der Chef des Stahlkonzerns Arcelor aus Luxemburg, „ein ganz normaler Mensch wie jeder andere“. Das darf man ihm allerdings nur eingeschränkt abnehmen. Durch offensichtliche Allüren, die ihn Sympathien kosten würden, ist er noch nicht aufgefallen. Bodenständig und verbindlich, so wirkt er auch meist nach außen.

          Bei der Vorlage von Bilanzen überläßt er das Pflichtprogramm gerne Vorstandskollegen. Dann sitzt er mit anscheinend nur mäßigem Interesse daneben. Nur wenn es ums große Ganze geht, etwa die Zukunft der Stahlindustrie oder ähnliches, dann meldet sich Dolle auch schon mal mitten im Vortrag anderer zu Wort und sorgt für die nötige Klarheit. Und dann wird er, hintergründig humorvoll, auch deutlich. Als Ratingagenturen vor zwei Jahren unter anderem bei Stahlkonzernen Pensionsrückstellungen als Verbindlichkeiten ansahen und mit Herabstufungen ihrer Noten drohten, stichelte Dolle mit verschmitztem Grinsen: „Den Angelsachsen fällt es schwer, Feinheiten in Europa zu begreifen.“

          Der Franzose Dolle hat zwei Faible: Stahl und Fußball. Früher war er selbst in einer Fußball-Ligamannschaft aktiv und dort Kapitän. Die französische Sportzeitung „L'Equipe“ gehört noch heute zu seiner Lieblingslektüre, und in Metz, wo er aufgewachsen ist, geht er ins Stadion. Geboren wurde Dolle 1942 in Roye-sur-Matz im Departement Oise, nördlich von Paris. Sein Vater war Kunstglaser, ein Spezialist für Kirchenfenster, was die Familie nach Metz, nahe der deutschen Grenze, führte. Dolle ist verheiratet, seit mehr als dreißig Jahren mit der gleichen Frau, wie er schmunzelnd anmerkt, und hat zwei Kinder. Sohn und Tochter sind - und darauf ist Dolle stolz - wie der Vater Ingenieure.

          Überraschend an die Arcelor-Spitze

          Das Stahlgeschäft kennt Dolle von der Pike auf. Seine berufliche Karriere begann er nach einem Abschluß an der Kaderschmiede Ecole Polytechnique bei einem Forschungszentrum der französischen Stahlindustrie. Dort modellierte er unter anderem Hochofenprozesse am Computer. 1980 kam er zum französischen Arcelor-Vorgängerunternehmen Usinor, bei dem er in verschiedenen Konzerngesellschaften Führungspositionen innehatte, unter anderem auch kurz bei der deutschen Saarstahl AG. Dort, und das ist ein dunkler Moment in seiner Biographie, mußte er nach Einleitung des Konkursverfahrens zurücktreten.

          Mehr Erfolg hatte er in Frankreich. Im Usinor-Konzern gelang ihm die weitgehend reibungslose Integration anderer Stahlunternehmen. 1999 rückte Dolle als zweiter Mann neben Usinor-Chef Francis Mer an die Spitze und war für das Tagesgeschäft verantwortlich. Seine Berufung an die Arcelor-Spitze galt als Überraschung. Dolle war zwar nicht der Architekt, aber doch der erfolgreiche Vollzieher der Fusion von Usinor, Arbed aus Luxemburg und der spanischen Aceralia zum Arcelor-Konzern. Seit Ende 2001 führt Dolle den damaligen Weltmarktführer erfolgreich als Vorstandschef.

          Engagiert für Preisstabilität

          Die Stahlbranche hat Dolle einiges zu verdanken. Früher brach der Stahlpreis regelmäßig ein, wenn die Nachfrage konjunkturbedingt nachließ. Jeder Anbieter versuchte dann nur noch seine Stahlkapazitäten auszulasten. Die Preise erholten sich nur mühsam. In den letzten Jahren rief Dolle bei rückläufigen Preisen zu Kapazitätseinschränkungen auf, Arcelor marschierte voran. Und siehe da, der Preisrückgang hielt sich in Grenzen.

          Größe ist für Dolle in der Stahlindustrie fast schon ein Wert an sich, wie er nicht müde wird zu wiederholen. Denn die Branche steckt in einer klassischen Sandwich-Position. Auf der Einkaufsseite steht ihr das Oligopol der Erzanbieter, die vergangenes Jahr Preiserhöhungen von bis zu 70 Prozent durchsetzten, gegenüber. Auf der Kundenseite sieht sich die Stahlindustrie der Nachfragemacht der Automobilindustrie ausgesetzt, die ihre Zulieferer unter Druck setzt. Seit Jahren schon predigt Dolle geradezu eine Konsolidierung in der Branche. Es werde nicht mehr lange dauern und fünf oder sechs globale Stahlkonzerne mit jeweils 80 bis 100 Millionen Tonnen Kapazität würden die Branche bestimmen, sagte er voraus. Daß Arcelor als unabhängiger Konzern zu den Überlebenden dazugehört, stand für Dolle nie in Frage. Daß er sich unter der Fuchtel von Mittal als Juniorpartner einfügt, kann man sich beim besten Willen nicht vorstellen. Dann geht er lieber zu Fußballspielen. Der Vertrag des 63 Jahre alten Arcelor-Chefs endet im Oktober dieses Jahres.

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