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Arcandor : Die Scherben der Ära Middelhoff

  • -Aktualisiert am

Der Kaufhaus-Konzern Arcandor steht wie vor vier Jahren am Rande des Abgrunds. Eine Vision könnte indessen Wirklichkeit werden: das Zusammengehen von Karstadt und Kaufhof.

          Hurra, wir leben noch", ertönt in diesen Tagen ein alter Milva-Song im Radio. Es ist die bitter-ironische Werbung von Sinn-Leffers. Der Textil-Filialist hat es vor wenigen Wochen geschafft, das Insolvenzplanverfahren erfolgreich abzuschließen, und damit eine neue Chance bekommen. Auf der Strecke geblieben sind dabei indes eine Fülle von Arbeitsplätzen und fast die Hälfte aller Geschäfte. Einen ähnlich hohen Preis muss das ehemalige Schwesterunternehmen Wehmeyer zahlen. Immerhin hat es in der Insolvenz aber einen neuen Investor gefunden. In das "Hurra, wir leben noch" würden auch die mehr als 3000 Hertie-Mitarbeiter gern einstimmen. Jedoch gehen in der ebenfalls aus dem (in Arcandor umgetauften) Karstadt-Quelle-Konzern hervorgegangenen Warenhaus-Kette demnächst die Lichter ganz aus. Und in der Zentrale der ehemaligen Muttergesellschaft wird derzeit Tag und Nacht gekämpft, damit nicht auch dort in wenigen Wochen das Aus droht. Arcandor bittet schon um Staatshilfe. Scherbenhaufen überall, nicht unerhebliche Teile davon sind Altlasten der Ära Thomas Middelhoff.

          Am Rande des Abgrunds habe er das Unternehmen im Mai 2005 als neuer Vorstandsvorsitzender übernommen, hat Thomas Middelhoff immer wieder erzählt, um seinem Wirken die angemessene Tragweite zukommen zu lassen. Zumindest bis zum Spätsommer vergangenen Jahres, als mit dem drohenden Scheitern existentiell wichtiger Bankenverhandlungen die Abrisskante schon wieder bedrohlich nah war, ließ er sich noch das Etikett des Sanierers anheften. "Rückblickend steht fest, dass das Ziel, den Konzern zu retten und auf eine tragfähige Basis zu stellen, erreicht wurde", hat er noch Ende Februar Weggefährten in einem Abschiedsbrief als Arcandor-Chef geschrieben. Eine rosarote Brille muss er beim Verfassen dieser Zeilen getragen haben. Oder hat er das völlig intransparente, durch die Veränderung des Bilanzstichtages nicht mehr wirklich vergleichbare und durch Unmengen von Sonderposten bereinigte Zahlenwerk am Ende selbst nicht mehr durchschaut?

          Mit Nebengeschäften verzettelt

          Wahrnehmung und Wirklichkeit passten da jedenfalls längst nicht mehr zusammen. Keine drei Wochen später sprach sein Nachfolger Karl-Gerhard Eick von gewaltigen Baustellen, umschrieb mit noch recht vorsichtig gesetzten Worten die Gesamtverfassung des Konzerns als schwierig und die Verschuldungsquoten als bedenklich. Es ist richtig, dass es Middelhoffs Vorgänger waren, die den Konzern damals an den Rand des Ruins geführt haben. Mit viel zu vielen Nebengeschäften am Ende völlig verzettelt, stand der damalige Karstadt-Quelle-Konzern bei Middelhoffs Amtsantritt kurz vor der Zahlungsunfähigkeit.

          Es ist auch richtig, dass es den heutigen Arcandor-Konzern ohne Middelhoff längst nicht mehr gäbe. Denn ohne die dank seiner engen Vernetzung in der Finanzwelt sehr schnell über die Bühne gebrachten Notverkäufe eines ganzen Straußes von Tochterunternehmen, Beteiligungen und Immobilien wäre der Handelsriese schon vor vier Jahren insolvent geworden. Dass man damals bei der Auswahl der neuen Investoren für die einzelnen Unternehmen nicht immer besonders pingelig war, mag dem Zeitdruck geschuldet gewesen sein. Wenn Hertie heute vor dem Aus steht, dann liegt das aber längst nicht nur an den viel zu hohen Mieten, die dem Unternehmen von den neuen Investoren aufgebrummt wurden, oder an falschen Strategien des vielfach ausgetauschten neuen Managements. Die damals ausgemusterten, völlig inhomogenen und vielfach unattraktiv gelegenen kleinen Karstadt-Kompakt-Filialen hatten in dieser Struktur nie eine Chance.

          Die Umstrukturierung hat das halbe Eigenkapital aufgezehrt

          Richtig ist zudem, dass Middelhoff den Umsatz des Konzerns fast verdoppelt und die Internationalität des bis dahin fast ausschließlich deutschen Händlers stark nach vorn gebracht hat. Zugegeben, er hat auch Schulden abgebaut, zumindest zunächst. Und er hat mit dem Schmieden des Touristik-Konzerns Thomas Cook die heute einzige wertvolle Beteiligung des Konzerns aufgebaut.

          Der Umbau vom nationalen Handels- zu einem internationalen Handels- und Touristikkonzern hat Arcandor aber auch aufs äußerste belastet. Die Bilanz der Umstrukturierung ist erschreckend: Sie hat das halbe Eigenkapital aufgezehrt. Nachdem die Abgabe von Neckermann nur noch mit teuren Draufgaben zu realisieren war und die Zahlungseingänge für den verkauften Immobilienbesitz nach Ausbruch der Finanzmarktkrise nicht mehr wie ursprünglich geplant verlaufen sind, gibt es trotz des Verkaufs des gesamten Tafelsilbers heute keine Reserven mehr: Wie gewonnen, so zerronnen. Der Konzern klagt Monat für Monat über hohe Mittelabflüsse und hat heute milliardenschwere Verbindlichkeiten allein aus den hohen Mieten für seine Warenhäuser.

          Das Unternehmen steht jetzt wieder da, wo es im Mai 2005 schon stand: am Rande des Abgrunds. Eine von Middelhoffs vielen Visionen könnte indessen Wirklichkeit werden, das Zusammengehen von Karstadt und Kaufhof. Doch klappt es am Ende mit der Deutschen Warenhaus AG, werden die Spielregeln wohl kaum noch aus Essen diktiert.

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