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Arbeitszeit : Offene Türen eingerannt

  • -Aktualisiert am

Besser Auszeit als Entlassung Bild: dpa

Viele Unternehmen suchen nach Alternativen zu Entlassungen, zum Beispiel flexiblere Arbeitszeitmodelle.

          3 Min.

          Ein Sabbatical-Programm mit Rückkehrgarantie bietet die Netzwerksparte von Siemens, Information & Communication Networks (ICN), ihren Mitarbeitern an. Damit will der Konzern Entlassungen vermeiden und gute Mitarbeiter halten, erklärt eine Sprecherin des Konzerns. 135 Mitarbeiter hätten das Angebot bislang angenommen. ICN streicht außerdem 2000 Jobs und wird die Zahl der Fertigungsstellen weltweit halbieren. Erwartetes Einsparpotenzial: 1,2 Milliarden Euro. Insgesamt kündigt Siemens die Streichung von 10.000 Stellen an.

          Auch Merrill Lynch greift zu nie gesehenen Maßnahmen. Das Geldhaus bietet einem Teil seiner 65.900 Mitarbeiter - mit Ausnahme der 19.600 Broker und Beschäftigten mit weniger als zwei Jahren Betriebszugehörigkeit - eine bis zu zwölfmonatige Auszeit an. Der Rest kann ein Jahresgehalt plus 40 Prozent des Bonus vom vergangenen Jahr als Abfindung erhalten, wenn er geht - wer nicht geht, muss mit einer Kündigung rechnen.

          Nachdem die Commerzbank das Weihnachtsgeld für ihre Mitarbeiter in diesem Jahr auf 1.260 Euro beschränkt, verhandelt auch Lufthansa mit ihren Mitarbeitern über eine Kürzung. Der Chef der Kranich-Linie, Jürgen Weber, denkt außerdem über die Vier-Tage-Woche nach. Das Ziel dabei sei, Entlassungen zu vermeiden. Kurzarbeit und Kündigungen seien jedoch nicht ausgeschlossen.

          Entlassungen kosten mehr als sie bringen

          Die Liste der gestrichenen Stellen schwillt weltweit täglich weiter. Doch viele Unternehmen haben gelernt, dass Kündigungen nicht die ideale Lösung sind. Die Einsparungen sind weit geringer als erhofft und die Folgeprobleme größer als befürchtet. Zunehmend versuchen die Firmen daher, andere Wege der Kostensenkung zu finden.
          Vorschnelles "Downsizing" kostet mehr als es einbringt. Zu dem Ergebnis kam die Münchener Unternehmensberatung Masai. Für einen Mitarbeiter mit einem Jahresbruttogehalt von 62.500 Mark fallen nach zehn Jahren Betriebszugehörigkeit 25.000 Mark Abfindung an. Die Entlassung von Führungskräften käme erheblich teurer. Hinzu kämen die Kosten für die Wiederbesetzung der Stelle, wenn die Auftragslage sich gebessert hat. Anderthalb Jahresgehälter veranschlagt Winfried Hamel, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Düsseldorf. Eine Kündigung lohne sich daher erst, wenn die Stelle mindestens 18 Monate unbesetzt bleibe.

          Nach Einschätzung von Masai bezieht diese Kalkulation nicht mit ein, welche Kosten gerade überhastete Kürzungen mit sich bringen könnten: Imageschäden, Know-how-Verlust, Vertrauensverlust in der Belegschaft sowie gesunkene Innovationskraft und Produktivität. „Die Erfahrung zeigt, dass immer zuerst die produktivsten Mitarbeiter gehen“, weiß Marc Staudenmayer, Geschäftsführer von Masai. Nach einem zehnprozentigen Stellenabbau büßten Unternehmen durchschnittlich drei Prozent ihres Gewinnes ein. Ein 20-prozentiger Aderlass führe zu Einbußen von sieben Prozent. Selbst freiwilliger Lohnverzicht bringe in der Regel nicht den gewünschten Effekt.

          Viele Unternehmen haben aus Erfahrung gelernt

          Unternehmen, die während der vergangenen Rezession 15 Prozent und mehr ihrer Stellen gestrichen haben, schnitten nach einer Berechnung der Consulting-Gruppe Bain & Company zudem noch Jahre später an der Börse weit schlechter ab als der Durchschnitt aller anderen Unternehmen. Bei Firmen, die wiederholt Stellen abgebaut hätten, seien die Kursverluste stärker ausgefallen.

          Zumindest zahlreiche deutsche Unternehmen haben offenbar aus ihren Erfahrungen der 90-er Jahre gelernt. Viele hatten sich nach dem Einheitsboom mit massiven Entlassungs- und Frühpensionierungswellen entlastet und zwei Jahre später massiven Facharbeiter- und Expertenmangel beklagt. Viele versuchen heute, mit anderen Mitteln ihre Personalkosten zu senken.

          Zum Beispiel mit Kurzarbeit. Die Zahl der Kurzarbeiter stieg im September bundesweit um 19.900 auf 89.500, das waren 27.800 mehr als im Vorjahr. „So negativ diese Entwicklungen auch sind: Kurzarbeit ist allemal besser als Arbeitslosigkeit“, betonte der Präsident der Bundesanstalt für Arbeit, Bernhard Jagoda. Praktisch alle Wirtschaftszweige hätten zu dem Anstieg beigetragen. Er appellierte an die Unternehmen, „intelligentes Arbeitszeitmanagement“ zu betreiben, etwa mit Arbeitszeitkonten.

          Zahl der Arbeitszeitkonten nimmt zu

          Damit rennt er zumindest bei einigen offene Türen ein: Mehr als ein Drittel aller Beschäftigten in Deutschland ist im Besitz eines Arbeitszeitkontos, errechnete Susanne Koch für das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit (IAB) - Tendenz steigend. Ein Teil der Arbeitszeit wird dabei gespart und in flauen Zeiten abgefeiert oder für Altersteilzeit oder Sabbatical benutzt. Aus Kochs Sicht eine erfreuliche Entwicklung: Die Zahl der bezahlten Überstunden ließe sich senken und die Arbeitszeit flexibel nach unten anpassen. Bislang sei dies bloß mit Kurzarbeit möglich gewesen.

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