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Arbeitszeit : Die Franzosen sollen länger arbeiten

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„Mehr arbeiten erlaubt mehr Wohlstand”: Frankreichs Premier Raffarin Bild: AP

Mehr Flexibilität, mehr Überstunden, mehr Arbeitszeit: Die Regierung in Paris rüttelt an ihrer „sozialen Errungenschaft“ und lockert die 35-Stunden-Woche. Die Chancen für eine Gesetzesänderung stehen gut.

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          Die französische Regierung will die 35-Stunden-Woche auflockern, um die Beschäftigungschancen zu erhöhen und den Franzosen bessere Verdienstmöglichkeiten einzuräumen. Premierminister Jean-Pierre Raffarin kündigte auf einer Pressekonferenz in Anwesenheit von acht Ministern Maßnahmen an, um die Flexibilität der Wirtschaft zu stärken.

          Danach können Unternehmen sogar bis zur zulässigen Obergrenze innerhalb der Europäischen Union von 48 Stunden in der Woche gehen, wenn sie entsprechende Vereinbarungen mit ihren Mitarbeitern getroffen haben. Auch Branchenvereinbarungen sollen in diesem Zusammenhang zugelassen werden.

          Zusätzliche Überstunden möglich

          Sollte auf der Ebene der Unternehmen oder der Branche kein Übereinkommen erzielt werden, dann gilt ein erweiterter Rahmen von zusätzlichen Überstunden: Künftig dürfen über die 35-Stunden-Woche hinaus 220 Stunden im Jahr zusätzlich gearbeitet werden. Bisher lag die Grenze bei 180 Stunden, im vergangenen Jahr hatte sie noch 130 Stunden betragen.

          Der Arbeitgeberverband Medef begrüßte die Reformen. „Es wird möglich sein, mehr zu arbeiten und mehr zu verdienen. Die Beschäftigten und die Unternehmen werden davon profitieren“, sagte der Verbandspräsident Ernest-Antoine Seillière. Die sozialistische Partei und Gewerkschaftssprecher äußerten sich dagegen ablehnend. Raffarin kündigte an, daß er Anfang nächsten Jahres seine Vorschläge in Gesetzesform im Parlament einbringen will. Vertreter der Regierungspartei UMP, die über eine Mehrheit in der Assemblé National verfügt, äußerten sich ebenfalls positiv.

          Klein-Unternehmer leiden

          Raffarin kündigte auch an, daß für kleine Unternehmen, die am stärksten unter der 35-Stunden-Woche leiden, die Sonderregelung eines geringeren Überstundenzuschlages - 10 anstatt 25 Prozent - um weitere drei Jahre bis 2008 verlängert werden soll. Die 35-Stunden-Woche behindert vor allem Klein-Unternehmer, sagte Raffarin, der nach eigenen Angaben mit Zustimmung von Staatspräsident Jacques Chirac handelt. „Mehr arbeiten erlaubt mehr Wohlstand, mehr Wachstum und damit mehr Beschäftigung zu schaffen“, erklärte der Premierminister.

          Die 35-Stunden-Woche in Frankreich ist anders als in Deutschland eine landesweit geltende Regelung, der alle Unternehmen unterliegen. Die großen Konzerne haben damit oft keine Probleme, weil sie neue Arbeitszeitmodelle einführten. Gleichzeitig genießen sie die Lohnzurückhaltung, die die Gewerkschaften im Gegenzug hinnahmen.

          Ein einschnürendes Korsett

          Doch für kleine Unternehmen wirkt die Arbeitszeit-Regelung meistens wie ein einschnürendes Korsett. Viele Franzosen arbeiten mehr als 35 Stunden in der Woche und sammeln damit zusätzliche Urlaubstage an. „Am Freitag oder am Montag eine Besprechung mit mehreren Mitarbeitern zu organisieren, ist oft nicht möglich“, ist eine häufig zu hörende Klage von Führungskräften. Präsident Chirac hat die 35-Stunden-Woche in diesem Jahr dennoch als „soziale Errungenschaft“ gepriesen.

          Damit hat er entschieden, an ihr festzuhalten. Auch Raffarin bekräftigte am Donnerstag, daß sich an der gesetzlichen Wochenarbeitszeit nichts ändern werde. Doch die Vorschriften sollen flexibler werden. Künftig sollen die Beschäftigten etwa auch angehäufte Urlaubstage vom Unternehmen zurückkaufen können. In Betrieben mit Arbeitszeitkonten könnten sich die Mitarbeiter ihre Überstunden auch auf Rentenvereinbarungen anrechnen lassen, indem sie beispielsweise früher in Rente gehen.

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