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Arbeitsrecht : Am Sonntag erhebt sich die Seele

Die verkaufsoffenen Adventssonntage werden wieder viele Menschen in die Innenstädte locken. Bild: dpa

Da treten sie zum Kirchgang an, Familienleittiere voran: Hütchen, Schühchen passend, ihre Männer unterfassend. So war es einmal. Doch die Zeiten des sonntäglichen Kirchenbesuchs sind vorbei.

          An Sonn- und Feiertagen ist es den Deutschen untersagt zu arbeiten. Dass dieses Verbot nicht absolut gilt, davon kann man sich zum Beispiel am zweiten und vierten Adventssonntag in Berlin überzeugen, wo die ganze Stadt sich in eine große Shopping-Mall verwandelt. Das deutsche Arbeitsrecht erlaubt Ausnahmen, „in denen die Beschäftigung von Arbeitnehmern an Sonn- und Feiertagen zur Befriedigung täglicher oder an diesen Tagen besonders hervortretender Bedürfnisse erforderlich ist“. Der Besuch von Videotheken, Bibliotheken, der Anruf bei Callcentern oder das Brauen von Bier und die Herstellung von Schokoladeneis fallen nicht unter diese Ausnahmeregel, hat ein hessisches Gericht gerade entschieden.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Warum darf der Mensch in Berlin zwar ausnahmsweise sonntags einkaufen, wenn ihm zugleich verwehrt wird, sonntags in einer hessischen Bibliothek Bücher zu lesen? Darauf gibt es keine vernünftige Antwort. Die Ausnahmebestimmung des deutschen Arbeitsrechts führt zwangsläufig nach Absurdistan: Woher sollen deutsche Richter wissen, welche Bedürfnisse gerade am Sonntag „besonders“ aus den Menschen herausbrechen? Um es ins Extrem zu treiben: Früher hatten viele Menschen das Bedürfnis, am Sonntag einen Gottesdienst zu besuchen („Da treten sie zum Kirchgang an / Familienleittiere voran“), heute gehen sie lieber ins Fitnessstudio oder zum Brunch ins Café. Soll man deshalb die Arbeitszeit der Pfarrer am Sonntag verbieten oder einschränken?

          Wer die Ausnahme vom Arbeitsverbot von den Bedürfnissen der Menschen abhängig macht, müsste konsequenterweise die Sonntagsarbeit dem Markt überlassen. Denn nur der Markt (und nicht ein vermeintlich allwissendes, in Wirklichkeit willkürliches Gericht) ist der Ort, an welchem die unerforschlichen Bedürfnisse der Menschen ihr Angebot finden. Das ist am Sonntag nicht anders als am Werktag. Wer jetzt aber ein flammendes Plädoyer für das Ende der gesetzlichen Sonntagsruhe befürchtet, kann beruhigt werden. Festzuhalten ist lediglich, dass die Verfasser der deutschen Arbeitsgesetze das Grundgesetz (und die Weimarer Reichsverfassung) nicht verstanden haben, wenn sie Ausnahmen der Sonntagsruhe von menschlichen Bedürfnissen abhängig machen.

          Im Grundgesetz nämlich ist nicht von Bedürfnissen die Rede. Stattdessen wird lapidar dekretiert: „Der Sonntag bleibt als Tag der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt.“ Basta. Gut so. Als Begründung für das autoritative Dekret dient die Erfahrung der Menschheitsgeschichte, wonach der Alltag des Lebens kollektiver Rhythmen bedarf, um erträglich zu bleiben. Die Weltgeschichte schreitet quasi im Siebenachteltakt voran. Das macht die Zeit allererst als Zeit erfahrbar, andernfalls wäre sie nur ein breiter amorpher Strom, der am Ende alle krank, gar verrückt werden ließe. Einatmen und Ausatmen, Sympathikus und Parasympathikus beschreiben ein Grundmuster der Humanbiologie. Nicht die Bedürfnisse standen am Anfang des Sonntags, sondern eher die Bedürfnislosigkeit: „Wenn die Spinne Langeweile / Fäden spinnt und ohne Eile / Giftig-grau die Wand hochkriecht“, um noch einmal den Liedermacher Franz-Josef Degenhardt („Sonntags in der kleinen Stadt“) zu zitieren.

          Der Sonntag ist deshalb gerade nicht die Ausnahme einer humanen Marktwirtschaft. „Ora et labora“, beten und arbeiten sollten die Mönche des heiligen Benedikt; ihre Klöster wurden erfolgreiche Wirtschaftsunternehmen. Allenfalls betriebswirtschaftlich-dumpfbackige Unternehmensberater können auf die Idee kommen, Wohlstand und Wohlbefinden eines Volkes ließen sich dadurch bessern, dass auch der Sonntag für die Produktion geöffnet wird. Das Gegenteil ist wahr: „Unbedingte Tätigkeit, von welcher Art sie sei, macht zuletzt bankrott“, sagt Goethe. Oder umgangssprachlich: „Mach mal Pause“, sagt Coca-Cola: am besten in Gemeinschaft mit den anderen. Solange Ausnahmen davon Ausnahmen bleiben, geht die Welt nicht unter.

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