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Studie : Viele Geringverdiener verzichten auf Hartz IV

Rund 800.000 Haushalte beziehen Wohngeld Bild: AP

Die Zahl der Arbeitnehmer, die ihren Hartz-IV-Anspruch nicht wahrnehmen, könnte wesentlich höher sein als bisher angenommen. Das gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Institut hat Berechnungen veröffentlicht, wonach eine halbe Million vollzeitbeschäftigte Geringverdiener ihren Anspruch auf ergänzendes Arbeitslosengeld II verfallen lassen.

          Die Zahl der Arbeitnehmer, die ihren Hartz-IV-Anspruch nicht wahrnehmen, könnte wesentlich höher sein als bisher angenommen. Das gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Institut hat am Mittwoch Berechnungen veröffentlicht, wonach eine halbe Million vollzeitbeschäftigte Geringverdiener ihren Anspruch auf ergänzendes Arbeitslosengeld II verfallen lassen.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Laut Bundesagentur für Arbeit umfasst die Gruppe der „Aufstocker“ in einer Vollzeitstelle derzeit rund 335.000 Beschäftigte. Nach Berechnungen der F.A.Z. liegen die durchschnittlichen Nettolöhne von Geringverdienern in vielen Branchen unterhalb oder nur wenig über dem jeweiligen Transferanspruch.

          Das Boeckler-Projekt arbeitet mit Daten des Sozioökonomischen Panels, einer Befragung von 11.000 Haushalten. Als Gründe für den Verzicht auf ergänzende Sozialhilfe sind laut Mitteilung „mangelnde Informiertheit“, die Furcht vor einer Stigmatisierung sowie das komplizierte Antragsverfahren anzunehmen.

          Auf Nachfrage der F.A.Z. sagte Claus Schäfer von der Boeckler-Stiftung, dass die Betroffenen sich statt für Arbeitslosengeld II auch für staatliche Hilfe in Form von Wohngeld und Kinderzuschlag entschieden haben könnten. Darüber habe man aber noch keine Angaben.

          Der Paritätische Wohlfahrtsverband hatte in dieser Woche Modellrechnungen vorgelegt, wonach sich für Hilfsbedürftige diese Alternative zum Arbeitslosengeld II häufig rechnen kann (Wohlfahrtsverband sieht Lohnabstand). Die Große Koalition hatte durch ein höheres Wohngeld versucht, die Zahl der Bezieher von Hartz IV zu verringern. Nach Angaben des Bundesbauministeriums bezogen im vergangenen Jahr durchschnittlich rund 800.000 Haushalte Wohngeld. Die Ausgaben betrugen 784 Millionen Euro.

          Für Schäfer geht die Diskussion um fehlende Arbeitsanreize für Leistungsempfänger in die falsche Richtung. Auch die Pläne der Bundesregierung zur Ausweitung der Hinzuverdienstgrenzen hält die Boeckler-Stiftung für problematisch. Dies würde die Anreize für Arbeitgeber steigern, die Löhne noch weiter zu senken. Wirkungsvoller seien dagegen höhere Hartz-Regelsätze und ein allgemeiner Mindestlohn, um eine Ausweitung des Niedriglohnsektors zu verhindern. Der Deutsche Gewerkschaftsbund will im Mai darüber entscheiden, seine Forderung von um einen auf 8,50 Euro anzuheben (siehe DGB will einen Mindestlohn von 8,50 Euro). Das Ifo-Institut sieht im Falle der Einführung einer solchen Lohnuntergrenze 1,2 Millionen Stellen in Gefahr.

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