https://www.faz.net/-gqe-6yjdq

Kommentar : Boni für das Volk

Millionen fürs Malochen - VW-Mitarbeiter erhalten 7500 Euro extra Bild: dapd

Nicht nur Manager kassieren in diesen Tagen satte Boni, auch viele Mitarbeiter profitieren vom Erfolg ihres Unternehmens. Das weckt gefährliche Begehrlichkeiten für üppige Nachschläge beim Flächentarif.

          3 Min.

          Von einer Bewegung mit dem Namen „Occupy Wolfsburg“ ist bislang nichts bekannt. Auch sind keine campierenden Wutbürger vor der Konzernzentrale von Volkswagen gesichtet worden, die mit einer Zeltstadt vor der Autostadt auf die Auswüchse des Kapitalismus aufmerksam machen wollen. Schließlich steht Europas größter Autobauer seit kurzem für den größten Lohnexzess des vergangenen Jahres: 17,5 Millionen Euro - so viel verdiente Martin Winterkorn, der Vorstandsvorsitzende, im vergangenen Jahr. Damit hat er Josef Ackermann, den Chef der Deutschen Bank, von der Spitze der Gehaltsliste verdrängt.

          600 Mal mehr als ein Durchschnittsverdiener

          17,5 Millionen Euro - das ist ungefähr 600 Mal so viel, wie ein deutscher Durchschnittsverdiener in der Tasche hatte. Doch die Aufregung hält sich bislang jedenfalls in Grenzen. Glaubt man aktuellen Umfragen, gehört der promovierte Naturwissenschaftler Winterkorn sogar zu Deutschlands beliebtesten Managern. Warum aber wird dem einen - Ackermann - das Millionensalär ständig vorgehalten, dem anderen - Winterkorn - nicht?

          Vorstandschef Winterkorn hat angesichts einer Gehaltssteigerung von 63 Prozent dennoch gut lachen
          Vorstandschef Winterkorn hat angesichts einer Gehaltssteigerung von 63 Prozent dennoch gut lachen : Bild: dpa

          Weil Winterkorn sichtbare Werte für sein Unternehmen schafft, könnte ein Teil der Antwort lauten. Und weil er diesen Erfolg nach außen erkennbar mit seinen Mitarbeitern teilt. Es war ein geschickter Schachzug der PR-Abteilung, wenige Tage vor Bekanntgabe der Vorstandsvergütung die Boni-Zahlungen an die Mitarbeiter an die Öffentlichkeit zu geben. Jeder der 90.000 Tarifbeschäftigten darf sich über eine Sonderüberweisung von 7500 Euro freuen. Verfehlt haben die Meldungen über die Erfolgsboni bei VW - wie bei den vielen anderen deutschen Konzernen - ihre Wirkung nicht. Wenn in diesen Tagen Hunderttausende Beschäftigte vom wirtschaftlichen Erfolg ihrer Arbeitgeber profitieren, wächst damit auch unausgesprochen die Zustimmung für die Leistungszulagen der Führungskräfte, welche ihre Unternehmen mit ihren Entscheidungen durch oftmals sehr unsichere Gewässer ans sichere Ufer geführt haben.

          Unausgesprochener Pakt zwischen Arbeit und Kapital

          Dabei machen sich die Konzerne mit den Sonderausschüttungen eigentlich nur eine alte Maxime aus dem Mittelstand zu eigen: „Wenn es der Firma gutgeht, geht es auch den Mitarbeitern gut.“ Nach diesem Prinzip lassen viele Unternehmer seit jeher ihre Belegschaften an steigenden Gewinnen teilhaben. Das bedeutet jedoch wiederum in schwierigen Zeiten auch: Wenn die Kasse leer ist, müssen alle mal den Gürtel enger schnallen. Dieser mehr oder weniger offene Pakt zwischen Kapital und Arbeit macht sicherlich auch ein gutes Stück des Erfolgsgeheimnisses im deutschen Mittelstand aus, um den dieses Land zunehmend im Ausland beneidet wird.

          Die Angestellten im öffentlichen Dienst wollen auch Ihr Stück vom Kuchen haben und fordern 6,5 Prozent mehr Geld
          Die Angestellten im öffentlichen Dienst wollen auch Ihr Stück vom Kuchen haben und fordern 6,5 Prozent mehr Geld : Bild: dpa

          Wenn nun der VW-Chef von einem Jahr aufs andere 63 Prozent mehr verdient, dann können 6,5 Prozent für „normale“ Angestellte und Arbeiter in diesem Land doch nicht zu viel sein. Der Gedanke liegt vielleicht nahe, führt aber so pauschal in die Irre. Denn wenn derzeit Gewerkschaften Lohnforderungen in solchen Höhen in verschiedenen Tarifrunden erheben, verhandeln sie über Mindeststandards für ganze Branchen und Industrien und damit für große und kleine Unternehmen mit höchst unterschiedlichen wirtschaftlichen Voraussetzungen. Während in der Metall- und Elektroindustrie die Automobilhersteller im vergangenen Jahr Rekorde einfuhren, macht jedes fünfte Unternehmen überhaupt keinen Gewinn. Der IG Metall fällt es daher zunehmend schwerer, zwischen den weit auseinanderdriftenden Vorstellungen der einzelnen Bezirke noch zu vermitteln und eine gemeinsame Lohnforderung zu formulieren.

          Schlecker als tariftreuer Vorzeigeunternehmer

          Wie wichtig ein gut austarierter und atmender Flächentarifvertrag ist, zeigt das Beispiel der insolventen Drogeriemarktkette Schlecker. Tausende verzweifelte Mitarbeiterinnen kämpfen um den Erhalt ihres Arbeitsplatzes mit dem Argument, dort würden immerhin Tariflöhne bezahlt, während die Alternativen im Einzelhandel sonst vor allem aus Minijobs bestünden. Ausgerechnet der letztlich gescheiterte Anton Schlecker, dessen Image sich zuletzt irgendwo zwischen dem eines Stasi-Offiziers und dem eines Sklaventreibers bewegte, wird damit als Vorzeigeunternehmer aufs Podest gehievt. Dass es in Verbindung mit vielen Fehlentscheidungen des Managements - Standorte, Image, Preispolitik - letztlich auch die hohen (Tarif-)Lohnkosten waren, die dem Konzern zum Verhängnis wurden, wird dabei freilich ausgeblendet.

          Weil der Flächentarif also nicht mehr als den Vergütungssockel darstellen darf, beinhalten heute schon viele Tarifwerke entsprechende Klauseln, um die Löhne und Gehälter an die wirtschaftliche Situation der Unternehmen anzupassen. Dies ist zunehmend im Sinne der Beschäftigten, für die als Erfahrung aus der Finanzkrise die Sicherung der Arbeitsplätze Vorrang hat vor den Nachkommastellen einer Lohnerhöhung. Gerade im Mittelstand steigt die Nachfrage nach transparenten Modellen zur Gewinn- oder Kapitalbeteiligung von Mitarbeitern. Von dieser Offenheit können sich übrigens die Autokonzerne noch eine Scheibe abschneiden, bringen sie ihre üppigen Boni doch eher nach Gutsherrenart unters Volk. Doch es werden mutmaßlich auch mal wieder schwierigere Zeiten anbrechen. Und dann kann Transparenz auch helfen, die Akzeptanz von Managergehältern zu erhöhen.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Folgen:

          Topmeldungen

          Die Bundeskanzlerin am Mittwoch vor der Pressekonferenz im Kanzleramt.

          Verlängerter Teil-Lockdown : Wo ist der rote Faden?

          Merkel und die Ministerpräsidenten stehen immer im Verdacht, selbst wenn sie noch so ausgewogen handeln, doch relativ wahllos zu entscheiden. Das mehrt die Unzufriedenheit – ist aber der goldene Mittelweg.

          Zum Tod von Diego Maradona : In den Händen Gottes

          Bei der WM 1986 wurde er in Argentinien zum Heiligen. Er war einer, der es nach ganz oben schaffte. Nun muss die Fußball-Welt sich von einem ihrer größten Spieler verabschieden: Im Alter von nur 60 Jahren ist Diego Armando Maradona gestorben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.