https://www.faz.net/-gqe-dbv

FDP-Arbeitsmarktexperte Johannes Vogel : „Wir müssen ihnen den roten Teppich ausrollen“

  • Aktualisiert am

Johannes Vogel ist Mitglied im Bundesvorstand der FDP und Generalsekretär der FDP von Nordrhein-Westfalen. Bild: ddp images/dapd/Michael Kappeler

Deutschland soll stärker um Fachkräfte aus dem Ausland werben, sagt Johannes Vogel. Im F.A.Z.-Gespräch wirbt der FDP-Politiker für ein Punktesystem in Industrieländern, eine niedrigere Lohngrenze und mehr Zuwanderung.

          Deutschland gehen absehbar die gut ausgebildeten Arbeitskräfte aus. Die Bundesregierung hat nun ein Konzept beschlossen, in dem nur sehr zurückhaltend um ausländische Fachkräfte geworben wird. Ist das Thema damit für diese Legislaturperiode erledigt?

          Nein, auf keinen Fall. Die Regierung hat ein Konzept beschlossen, das einen Minimalkonsens abbildet. In den Koalitionsfraktionen wird weiter diskutiert. Das Regierungskonzept ist gut, was das heimische Fachkräftepotential anbelangt. Das hat Priorität. Aber es wird nicht reichen, um die Fachkräftelücke von mehr als 6 Millionen bis 2025 zu schließen. Das ist so, als wenn das Land Hessen nichts mehr zum Bruttosozialprodukt beitrüge. Wir brauchen mehr Zuwanderung.

          Aus den Fraktionen kommt Druck, sich auf eine Senkung der Gehaltsschwelle für Zuwanderer zu einigen?

          Für die FDP ist die Senkung der Gehaltsgrenze ein wichtiger Punkt. Wenn wir festlegen, dass ein Zuwanderer 66.000 Euro verdient, damit er ungehindert herkommen kann, das Durchschnitts-Einstiegsgehalt aber deutlich darunter liegt, dann kann das nicht funktionieren. Die Gehaltsschwelle muss auf 40.000 Euro sinken.

          Was ist an dem Argument der Gewerkschaften, eine niedrigere Gehaltsschwelle sei nur ein Hebel für Arbeitgeber, um Billigarbeitskräfte ins Land zu holen?

          40.000 Euro Einstiegsgehalt für einen Ingenieur sind doch kein Billiglohn! Es geht darum, den qualifizierten Ausländern, die sich für eine Arbeit in Deutschland interessieren, realistische Chancen zu eröffnen. Die Gewerkschaften müssen erkennen, dass an jeder Fachkraft, die zu uns kommt, weitere Arbeitsplätze hängen.

          Wird die Koalition sich über eine neue Gehaltsschwelle noch vor der Sommerpause einigen?

          Das ist gut möglich. Aber wir dürfen uns nicht mit einer geringeren Gehaltsgrenze zufriedengeben. Wir müssen über ein Punktesystem, wie es in Kanada existiert, nachdenken.

          Die FDP muss derzeit unbedingt punkten, in der Koalition und im Wahlvolk. Geht das mit der Forderung nach dem Punktesystem?

          Ein Punktesystem hat zwei Vorteile. Das aufnehmende Land kann die Zuwanderung nach den Bedürfnissen seines Arbeitsmarktes steuern. Auf der anderen Seite ist so ein System auch für Ausländer verständlich. Die Industrieländer wetteifern ja um die besten Köpfe. Da ist die Verständlichkeit des Systems ein Wettbewerbsfaktor. Auch wenn bei manchen hier immer noch eine andere Wahrnehmung herrscht: Die hochqualifizierten Fachkräfte kampieren nicht an der Grenze. Wir müssen ihnen den roten Teppich ausrollen.

          Was heißt das?

          Wir brauchen einen Systemwechsel: Im Moment muss ein Ausländer aus einem Nicht-EU-Staat einen Arbeitsvertrag vorweisen, bevor er sich überhaupt auf den Weg machen kann. Das sollte für Hochqualifizierte künftig kein zwingendes Kriterium mehr sein, sondern nur noch eines, das Punkte einbringt. Daneben sollten Ausbildung, Alter, Berufserfahrung und natürlich Sprachkenntnisse zählen.

          Die Regierung soll Leute holen, die erst noch einen Job suchen müssen?

          Stellen Sie sich doch mal einen jungen gut ausgebildeten Vietnamesen vor, der tatsächlich nicht in den Vereinigten Staaten oder Kanada arbeiten möchte, sondern in Deutschland. Der muss sich erst mal die F.A.Z. nach Hanoi abonnieren, den Stellenteil studieren und sich bewerben. Dann muss er entweder sehr viel Geld verdienen oder sich von der Bundesagentur für Arbeit im Zuge der Vorrangprüfung bescheinigen lassen, dass kein Deutscher oder EU-Ausländer die Stelle will. Und am Ende muss er sich vom Ausländeramt noch fragen lassen, ob seine Ehefrau nicht vielleicht Hartz IV schnorren will. Kanada macht es ihm da leichter. Er füllt in zehn Minuten ein Internetformular auf der Botschafts-Seite aus - und bekommt sofort eine Antwort, ob er zuwandern darf. Wenn ja, kann er sich in Ruhe einen Job suchen. Wir müssen das Schild „Warnung vor dem bissigen Hund“ durch „Herzlich willkommen“ ersetzen.

          „Herzlich willkommen“ hat aber in der Vergangenheit auch nicht den erwünschten Zustrom gebracht, erinnert sei nur an die Greencard für IT-Ingenieure der Regierung Schröder...

          ... natürlich darf man die Erwartung nicht überziehen. Aber ein transparentes Punktesystem wäre eine Neuerung, die eine Willkommenskultur ausstrahlt - über solche Einzelaktionen hinaus. Außerdem müssen wir im Ausland um Fachleute werben, wie es Amerikaner und Kanadier auch tun. Weil wir von der Sprache her weniger attraktiv sind, müssen wir da umso besser sein. In der Welt muss sich herumsprechen, dass Deutschland offen ist. Wenn die Bundesregierung jetzt im krisengeplagten Spanien um junge Leute werben will, ist das gut, aber auf mittlere Sicht nicht ausreichend.

          Die Union steht Ihren Plänen gespalten gegenüber. Haben Sie die CDU-Bundesministerinnen von der Leyen (Arbeit) und Schavan (Bildung) an Ihrer Seite und CSU-Innenminister Hans-Peter Friedrich gegen sich?

          Innenminister Friedrich ist ja rationalen Argumenten zugänglich. Ich bin mir sicher, dass sich die Koalition früher oder später zu einem modernen System durchringen wird - einfach weil der Arbeitsmarkt es braucht.

          Sie sind noch nicht mal 30 Jahre alt, also aufgewachsen mit den Kindern der Kinder von Gastarbeitern aus den sechziger Jahren. Ist Deutschland in Ihrer Wahrnehmung ein Einwanderungsland?

          Natürlich. Wir haben nur zu spät angefangen, uns dazu zu bekennen. Trotz aller Integrationsprobleme ist die Einwanderung eine Erfolgsgeschichte. Jetzt geht es darum, mit qualifizierten Fachkräften die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern.

          Weitere Themen

          Deutschland wird besser bei der Integration

          OECD-Studie : Deutschland wird besser bei der Integration

          Deutschland ist schon lange ein Einwanderungsland – vor allem für Geringqualifizierte. Deren Integration gelingt jetzt etwas besser, zeigt eine Studie. In einem Bereich hat Deutschland aber massive Probleme.

          Der Kampf ums Erdgas Video-Seite öffnen

          Schneller Schlau : Der Kampf ums Erdgas

          Es geht um viele Milliarden – und Deutschland ist einer der größten Importeure der Welt von Erdgas. Kein Wunder also, dass andere Länder mit harten Bandagen um Lieferverträge konkurrieren.

          Topmeldungen

          „Mit den aktuell Verantwortlichen, das muss man ganz klar und hart sagen, geht gar nichts“: Cem Özdemir über den umstrittenen Islam-Dachverband Ditib

          Cem Özdemir über Ditib : „Das ist ein Täuschungsmanöver“

          Der türkischstämmige Grünen-Abgeordnete Cem Özdemir lässt kein gutes Haar am Neuanfang des umstrittenen Islam-Dachverbandes Ditib. Im gegenwärtigen Zustand gehöre Ditib nicht zu Deutschland. Ein Interview.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.