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Deutscher Arbeitsmarkt : Gastarbeiter dringend gesucht

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Am 1. Mai ist es so weit. Polen, Tschechen und andere Osteuropäer dürfen frei in Deutschland arbeiten. Doch einen Ansturm erwartet keiner. Im Gegenteil: Deutsche Firmen müssen die neuen Gastarbeiter heftig umwerben.

          Seit ein paar Wochen erhält Andreas Röhm jede Menge Anfragen. Seine Personalberatung Sirius Consulting vermittelt seit Jahren Pflegekräfte aus Osteuropa an deutsche Familien. Doch jetzt meldet sich eine ganz neue Kundschaft. „Es sind mittelständische Unternehmer, die mich anrufen“, erzählt Röhm. „Sie suchen Hilfskräfte am Bau, Schweißer oder Fachkräfte fürs Hotel.“ Die Firmen wollen, dass Röhm seine Beziehungen nach Osteuropa nutzt, um die Leute nach Deutschland zu locken.

          Denn vom 1. Mai an stehen hier alle Türen offen für die Osteuropäer, deren Staaten 2004 der EU beigetreten sind. Polen, Tschechen, Slowaken, Slowenen, Ungarn und Balten können dann frei in Deutschland arbeiten – ohne dass das Arbeitsamt wie bisher umständlich prüfen muss, ob sich denn kein deutscher Arbeiter für die gleiche Aufgabe finden lässt.

          Jetzt können die Osteuropäer also nach Deutschland kommen – aber wollen sie das überhaupt? Nicht in großer Zahl, sagen Ökonomen. „Der 1. Mai wird nicht der Startschuss zur Massenmigration sein“, sagt Christoph Schmidt, Leiter des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung in Essen und Wirtschaftsweiser. Er schätzt, dass jedes Jahr höchstens 100.000 Arbeitskräfte mehr aus Osteuropa ins Land kommen. Kein gewaltiger Sprung, wenn man bedenkt, dass derzeit rund 600.000 von ihnen schon im Land sind. „Das reicht nicht aus, um unseren Bedarf an Fachkräften zu decken“, sagt Schmidt. „Es ist nicht so, dass wir nur die Tore öffnen müssen, dann kommen die Spezialisten.“

          Der millionste Gastarbeiter kam 1964 aus Portugal

          Es fehlt an Personal

          Die Forscher des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sehen das ähnlich. Sie haben drei Szenarien berechnet, wie sich die Migration aus Osteuropa entwickeln könnte. Selbst im Szenario mit der höchsten Zuwanderung, kommen jedes Jahr nur 134.000 Personen (siehe Grafik).

          Wer hätte das gedacht. Jahrelang herrschte Angst, dass Polen und Tschechen unseren Arbeitsmarkt überfluten und Deutschen die Jobs wegnehmen, sobald wir die Grenzen öffnen. Nun ist es anders: Die deutschen Unternehmen könnten gut ausgebildete Polen, Tschechen und Slowenen dringend brauchen; es fehlt an Personal. Doch gerade jetzt zeichnet sich ab, dass die jungen und kompetenten Osteuropäer gar nicht so scharf auf Deutschland sind.

          Der wichtigste Grund dafür ist, dass viele Ärzte, Pfleger, Ingenieure und Handwerker ihre Heimat längst verlassen haben – und zwar nach Großbritannien, Irland und Schweden. Diese Staaten haben ihre Grenzen schon 2004 geöffnet. Damals zogen Hunderttausende gen Westen. Zwei Jahre später öffneten Spanien, Portugal, Finnland, Griechenland und Italien ihre Arbeitsmärkte. Andere Länder erlaubten Zuwanderung zumindest in Mangelberufe. Nur Deutschland und Österreich blieben hart. „Das hatte einen Umlenkungseffekt“, sagt der IAB-Forscher Herbert Brücker. „Vor 2004 wollten 60 Prozent der Auswanderer aus Osteuropa nach Deutschland. Heute sind es noch 23 Prozent.“

          Gut ausgebildete Osteuropäer, die jetzt noch ihr Land verlassen wollen, haben mittlerweile viele Möglichkeiten – zu besten Konditionen. Personalberater Röhm sagt: „Ich würde gerne Maschinenbauer oder Elektrotechniker nach Deutschland vermitteln, aber die haben wesentlich attraktivere Angebote aus anderen Ländern.“

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