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Beschäftigung : Zäsur in der Zeitarbeit

Gleichbezahlung klingt gut, ist aber schwierig Bild: dapd

Die Zeitarbeit steht vor einem Einschnitt: Die Gleichbezahlung von Stamm- und Zeitarbeitern soll kommen. Doch noch gibt es viele Hürden.

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          Die Zeitarbeit steht vor einem tiefen Einschnitt. Es gilt als sicher, dass eine Regelung zur Gleichbezahlung von Stamm- und Zeitarbeitern kommen wird, auch wenn die Verhandlungen zwischen den Arbeitgebern der Branche und den Mitgliedern des Deutschen Gewerkschaftsbundes über ein tarifliches Modell erst an diesem Mittwoch beginnen. Denn für den Fall, dass die Gespräche scheitern, will Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen ein Gesetz auf den Weg bringen.

          Einige wichtige Fragen sind nach den Sondierungsrunden der Tarifpartner noch offen: Was heißt gleiche Bezahlung? Wann soll das Prinzip greifen: vom ersten Tag an? Oder wird es eine mehrmonatige Einarbeitungszeit mit Abschlägen geben? Im besten Fall könnte die Neuregelung die Akzeptanz der Zeitarbeit verbessern. Wird die Regulierung jedoch zu teuer, stehen viele Arbeitsplätze gerade für Geringqualifizierte auf dem Spiel.

          Arbeitgeber bewegen sich erst unter Druck

          Das Thema ist so alt wie die Zeitarbeit selbst. Eigentlich ist gesetzlich schon festgelegt, dass Zeitarbeiter wie Stammkräfte bezahlt und behandelt werden müssen. Doch sieht das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz eine Öffnungsmöglichkeit vor, nach der andere Vergütungen in Tarifverträgen vereinbart werden können. Diese Klausel hat dafür gesorgt, dass heute nahezu für die gesamte Zeitarbeitsbranche eigene Tarifverträge gelten, die dafür sorgen, dass die Löhne für Zeitarbeiter niedriger sind als für die Stammbelegschaft. Die Zeitarbeitgeber haben immer vor ausufernder Bürokratie gewarnt, sollte die Öffnungsklausel gestrichen und die Gleichbezahlung zur Pflicht werden. Dass sie nun, da die Politik mit dem Gesetz droht, konstruktiv an einer tariflichen Lösung mitarbeiten, wirft kein sonderlich gutes Licht auf die Branche. Viele haben mit ihrer schlechten Reputation gut gelebt, weil die Gewinne üppig waren. Nun erhoffen sie sich eine Imagepolitur, um als Arbeitgeber weiterhin attraktiv zu bleiben.

          Die Gewerkschaften wähnen sich kurz vor dem Ziel. Kampagnen wie "Gleiches Geld für gleiche Arbeit" der IG Metall haben ihre Wirkung in Politik und Gesellschaft nicht verfehlt. Der Zeitarbeiter am Band darf nicht weniger bekommen als die Stammkraft, die nebenan dieselbe Tätigkeit verrichtet - ein Vergleich, der das Gerechtigkeitsempfinden vieler Menschen trifft und dennoch eine Schimäre ist. Warum verdient ein Lagerhelfer schon heute mehr, wenn er ein Regal in einem Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie einräumt, als wenn er dies in der Gastronomie oder im Handel tut? Diese Kluft würde durch die nun diskutierten Branchenzuschläge sogar noch wachsen. Dann wird dem Zeitarbeiter noch schwerer zu vermitteln sein, warum er nach dem Einsatz in einem Metallbetrieb nun zu deutlich niedrigeren Bezügen die gleiche Tätigkeit für einen Holzverarbeiter verrichten soll.

          Gewerkschaftsmotto ist eine Schimäre

          Es ist daher an der Zeit, die Debatte über Nutzen und Grenzen der Zeitarbeit zu versachlichen. Deren Liberalisierung vor einem knappen Jahrzehnt fand vor dem Hintergrund von offiziell fünf und tatsächlich mehr als sieben Millionen Arbeitslosen statt. Weil am hohen Kündigungsschutz nicht gerüttelt werden sollte, zollte die Politik dem Flexibilisierungswunsch der Wirtschaft durch Erleichterungen bei Zeitarbeit, Befristungen und Minijobs Tribut. Mit dem Ergebnis, dass heute mehr Menschen in Deutschland Arbeit haben als je zuvor.

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          Der Anteil der Zeitarbeiter an allen Beschäftigten liegt hierzulande mit zwei Prozent dennoch nur im europäischen Mittelmaß. Dass die absolute Zahl die Marke von einer Million trotz Aufschwungs noch nicht genommen hat, liegt daran, dass mehr Zeitarbeiter von Kunden übernommen werden. Doch dieser Klebeeffekt ist gar nicht entscheidend für die Frage nach der arbeitsmarktpolitischen Bedeutung von Zeitarbeit: Sie ist für viele Menschen die einzige Chance, in den ersten Arbeitsmarkt zurückzukehren - zu Einstiegslöhnen für ungelernte Helfer, die zum Jahresende im Westen mehr als 8 Euro in der Stunde betragen werden. Manch ausgebildete Floristin oder Friseurin würde gerne tauschen.

          Unternehmen brauchen flexibles Personal

          Für viele Kundenunternehmen steht Flexibilität, nicht die Lohnhöhe im Mittelpunkt beim Einsatz von Zeitarbeit. Denn die Weltwirtschaftskrise hat gerade auch dem Mittelstand vor Augen geführt, wie schnelllebig sein Geschäft sein kann. Die Bestellung über 100 Baumaschinen aus China kann über Nacht eintreffen und am nächsten Tag wieder storniert werden. Der Planungshorizont wird kürzer, der Druck, Aufträge rasch abzuarbeiten, steigt. Um beidem gerecht zu werden, braucht ein Arbeitgeber das, was in der Betriebswirtschaft kühl Flexibilitätsreserve genannt wird. Ob das eingesetzte Instrument dazu Zeitarbeit heißt oder anders, ist aus Sicht des Unternehmers letztlich gleichgültig. Er muss Vorsorge tragen, dass sein Betrieb in schweren Zeiten nicht unter zu hohen Personalkosten erstickt.

          Zeitarbeit sichert somit auch die Stammbelegschaften ab. Ohne diese Flexibilität steigt die Gefahr, dass Produktion dauerhaft abwandert. Der aggressiven Funktionärsrhetorik zum Trotz ist diese Problematik vielen Arbeitnehmern sehr wohl bewusst. Das nährt die Hoffnung auf ein Modell für die Zeitarbeit, welches die nötige Luft zum Atmen lässt.

          Erste Runde ohne Ergebnisse

          Die Verhandlungen zwischen den Arbeitgebern der Zeitarbeitsbranche und der IG Metall über ein Modell zur Gleichbezahlung sind am Mittwoch vertagt worden. Beide Seiten wollen am 20. März wieder zusammenkommen, um über eine Annäherung der Bezahlung von Stamm- und Zeitarbeitern zu sprechen. Bislang gelten dafür unterschiedliche Tarifverträge. "Eine schnelle Lösung ist nicht in Sicht", sagte Helga Schwitzer, Verhandlungsführerin der IG Metall, nach dem dreistündigen Treffen in Düsseldorf. Unterdessen forderte Martin Kannegiesser, Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, endlich eine Befriedung des Themas Zeitarbeit.

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