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Arbeitslos in Rotterdam : Irgendwas kann jeder

„Gratis Service” für Kunden des Supermarkts Bild: Lucas Wahl

Wer in Rotterdam Sozialhilfe bezieht, muss jetzt etwas tun für sein Geld. Jeder bekommt eine Aufgabe. Niemand dürfe „hinter den Geranien verkümmern“, sagt Dominic Schrijer, Beigeordneter für Soziales. Seine Gegner schimpfen über „Zwangsarbeit“.

          Aus dem Augenwinkel sieht die Kundin an der Kasse, wie ein Schwarzer nach ihrer Milchtüte greift. Entrüstet blickt sie sich um. Doch da hält David Dallas aus Sierra Leone der älteren Dame schon die Tragetasche hin, in die er den Tetrapack gesteckt hat, und lächelt aufmunternd. Erst jetzt fällt der Holländerin auf, dass an allen zwölf Kassen des Albert-Hijn-Supermarkts im Rotterdamer Süden Männer und Frauen in weißen Sweatshirts Aufstellung genommen haben. Auf ihren Kragen steht „Gratis Service“. Jetzt strahlt die Dame den unerwarteten Dienstleister an. Mit starkem Akzent wünscht er ihr einen schönen Tag. Schon rollen die Tomaten des nächsten Kunden auf ihn zu. Seine Schicht dauert vier Stunden. Übermorgen hat er wieder Dienst.

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

          David Dallas ist ein Sonderfall des niederländischen Arbeitsmarkts. Vor zehn Jahren beantragte er Asyl, jetzt genießt er Bleiberecht. Das Sozialamt forderte ihn kürzlich auf, sich von „Werkland“ einstellen zu lassen. Diese auf „Reintegration“, will sagen: auf die schweren Fälle, spezialisierte Zeitarbeitsfirma zahlt ihm den Mindestlohn. Für etwa 1000 Euro netto im Monat muss er nun mal Einkaufstüten füllen, mal niederländische Grammatik pauken. Das Unternehmen wird dafür von der Stadt bezahlt, die David Dallas ja keine Sozialhilfe mehr überweisen muss. Die Supermarktkette zahlt keinen Cent.

          Vorboten einer fleißigeren Zukunft

          David Dallas ist zugleich ein Pionier des niederländischen Arbeitsmarkts. Wenigstens die Rotterdamer Stadtregierung sieht in ihm und seinen knapp 30 Kollegen im Supermarkt-Schichtdienst Vorboten einer besseren, einer aktiveren, einer fleißigeren Zukunft. Dominic Schrijer, Beigeordneter für Soziales, will die von der Wirtschaftskrise schwer getroffene Industrie- und Hafenstadt binnen vier Jahren „arbeitslosigkeitslos“ machen. Niemand, wirklich niemand dürfe dauerhaft „hinter den Geranien verkümmern“, sagt Schrijer, der die Sozialdemokraten als Spitzenkandidat in die Kommunalwahl am 3. März führt. „Irgendwas kann jeder.“ Und sei es Tütenpacken.

          Schrijer nennt es unsozial, die Leute sich selbst zu überlassen

          In Rotterdam erhalten rund doppelt so viele Einwohner Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe wie im Durchschnitt der Niederlande, wo schon die im vorigen Dezember gemessene Arbeitslosenquote von vier Prozent die Politiker alarmiert hat. Dominic Schrijer verspricht nicht, jedem erwerbslosen Rotterdamer eine Stelle auf dem freien, dem „ersten“ Arbeitsmarkt zu verschaffen. Aber er will sich nicht damit abfinden, dass an Schulen oder in Kirchengemeinden, in Nachbarschaftszentren oder Altenheimen viel „vernünftige“ Arbeit unerledigt bleibe, weil niemand dafür bezahlen könne, während zugleich Zigtausende Rotterdamer Geld fürs Nichtstun bekämen. „Als ich vor vier Jahren in die Stadtregierung kam“, empört sich Schrijer, „hat man mir weismachen wollen, von den rund 50.000 Erwerbslosen werde die Hälfte nie wieder arbeiten können. Das ist aberwitzig!“

          Der Sozialdemokrat argumentiert nicht so gerne mit Geldmangel, wenn er den traditionellen niederländischen Sozialstaat kritisiert, „in dem wir die Arbeitslosen erst bedauern und dann versorgen“. Er tritt nicht als Anwalt von Steuerzahlern auf, die ihre arbeitslosen Landsleute nicht länger durchfüttern wollen, sondern er nennt es unsozial, die Leute sich selbst zu überlassen: „Ihr ganzes Leben verändert sich: Sie stehen später auf, verlieren den Kontakt zur Gesellschaft, werden links liegengelassen.“

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