https://www.faz.net/-gqe-owxq

Arbeitsmarkt : Ökonomen sperren sich gegen eine Ausbildungsabgabe

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Eine erzwungene Ausbildungsabgabe belaste den Mittelstand, heißt es. Befürchtet wird außerdem, daß Unternehmen sich von ihren Verpflichtungen „freikaufen“.

          2 Min.

          Die von der Bundesregierung geplante Ausbildungsabgabe stößt bei Ökonomen auf einhelligen Widerstand. "Zwang war noch nie ein Mittel, um Unternehmen dazuzubringen, mehr Lehrstellen anzubieten", sagte der Bildungsfachmann des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel, Federico Foders, dieser Zeitung. Die Abgabe werde vor allem Mittelständler betreffen, von denen sich viele voraussichtlich von ihrer Verpflichtung "freikaufen" würden. In einer Konjunkturschwäche müßten die Unternehmen entlastet statt weiter belastet werden.

          Ähnlich argumentiert das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit (BA) in einer jüngst vorgelegten Studie. Danach eignet sich eine Ausbildungsabgabe "wegen vielfältiger konstruktionsbedingter Mängel" nicht dazu, "die Krise am Ausbildungsmarkt zu bewältigen". Auch auf kurze Sicht melden die Wissenschaftler Zweifel an, ob die Abgabe tatsächlich zu mehr Lehrstellen führt. Zum einen steige dadurch die Abgabenlast für die Unternehmen insgesamt; dies wirke sich sogar negativ auf die Beschäftigung aus. Zum anderen warnen die Ökonomen vor "erheblichem bürokratischem Aufwand" und damit verbundenen zusätzlichen Kosten. Dieser Aufwand beginne schon bei der Festlegung, welche Ausbildungsquote insgesamt sowie in den einzelnen Branchen angestrebt werden soll und welche Betriebe einbezogen werden sollen.

          Ausbildungsmisere konjunkturell und strukturell bedingt

          Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) warnt davor, daß der moralische Aspekt des Ausbildens wegfalle, wenn sich die Unternehmen von ihrer Verpflichtung freikaufen könnten. Zudem werde es zu einer Umverteilung kommen, meint RWI-Arbeitsmarktfachmann Thomas Bauer. Betriebe mit kostengünstigen Ausbildungsangeboten würden bevorzugt, während sich Unternehmen mit teuren Programmen vom Markt zurückzögen. Damit könnte es gerade in zukunftsträchtigen Branchen zu einem Lehrstellenmangel kommen, während in anderen Zweigen über den Bedarf hinaus ausgebildet werde.

          Die Wissenschaftler verweisen darauf, daß die derzeitige Ausbildungsmisere konjunkturell und strukturell bedingt sei. Um die Ausbildungsbereitschaft anzukurbeln, müsse daher zunächst die Wirtschaftsentwicklung in Schwung kommen. Dazu sollten Steuern und Abgaben gesenkt sowie die Tarifverträge geöffnet werden. Darüberhinaus setzen sie sich für eine Modernisierung des dualen Ausbildungssystems ein.

          Breitere Ausbildung in den Schulen

          Neue Berufsbilder müßten geschaffen werden und den Jugendlichen müsse eine flexible Zusammenstellung der Lehrinhalte ermöglicht werden. Das RWI stellt dabei das duale Ausbildungssystem insgesamt in Frage. Gesucht würden künftig nicht mehr hoch spezialisierte Arbeitskräfte, sondern vielseitig einsetzbare Mitarbeiter, die mehrere Male in ihrem Erwerbsleben den Beruf wechselten. Statt in den Betrieben sollten Lehrlinge daher eine breitere Ausbildung in den Schulen erhalten.

          Eine schnelle Lösung der Lehrstellennot ist mit diesen Mitteln freilich nicht zu erreichen, räumen die Ökonomen ein. "Diese Lösungsansätze können nur dann erfolgreich sein, wenn sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt insgesamt verbessert", schreibt das IAB.

          Weitere Themen

          Unternehmer im Klimastreik Video-Seite öffnen

          Nachhaltig wachsen! : Unternehmer im Klimastreik

          Längst protestieren neben Schülern auch immer mehr Gründer für mehr Klimaschutz. „Entrepreneurs for Future“ ist mit über 4000 deutschen Unternehmen eine von vielen Initiativen, die jetzt deutlich machen: Es ist an der Zeit, anders zu wirtschaften!

          Zuckerberg im Kreuzfeuer

          Kritische Fragen zu Libra : Zuckerberg im Kreuzfeuer

          Facebook-Gründer Mark Zuckerberg steht unter Druck. Im Repräsentantenhaus muss er die geplante Kryptowährung Libra verteidigen. Die Abgeordneten befürchten, sie könne den Dollar gefährden und damit die Weltpolitik beeinflussen.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.