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Arbeitsmarkt : Leiharbeiter verdienen bis zur Hälfte weniger

Für viele ungelernte Arbeiter bietet die Zeitarbeit einen guten Einstieg Bild: Irl, Maria

Einer neuen Studie zufolge, die der F.A.Z. vorliegt, verdrängen Zeitarbeiter keine Stammbelegschaften. Mit ihrem Lohn, der bis zu 50 Prozent unter dem Niveau der festangestellten Mitarbeiter liegt, tragen sie allerdings die Kosten und Nachteile der Flexibilisierung.

          Diese Zahlen sind für die aktuelle Diskussion über die Regulierung der Zeitarbeit brisant. Nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung, die der F.A.Z. vorliegt, verdrängen Zeitarbeiter keine Stammbelegschaften. „Vielmehr dienen sie vornehmlich als Arbeitskräftereserven und Antwort auf notwendige Flexibilisierung“, heißt es. Allerdings tragen die Leiharbeiter damit die Kosten und Nachteile der Flexibilisierung. Denn sie verdienen bis zu 50 Prozent weniger für vergleichbare Tätigkeiten, heißt es in der Untersuchung, die im Auftrag der Stiftung vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung erstellt worden ist.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Die Zeitarbeit ist vor knapp einem Jahrzehnt in Deutschland liberalisiert worden, vor allem um mehr Erwerbslose und Geringqualifizierte in den Arbeitsmarkt zu bringen. Bis heute hat sich die Zahl der Zeit- oder Leiharbeiter auf rund 90.0000 verdreifacht. Das entspricht allerdings nur einem Anteil von 2 bis 3 Prozent an allen Beschäftigten in Deutschland. Dennoch dringen vor allem der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und seine Mitglieder darauf, die Branche schärfer zu regulieren. Derzeit laufen Verhandlungen mit den Zeitarbeitgebern über einen Tarifvertrag zur Gleichbezahlung von Zeit- mit Stammmitarbeitern. Zwei Verhandlungsrunden haben jedoch noch keine konkreten Ergebnisse hervorgebracht. Sollten die Tarifparteien zu keiner Lösung kommen, will Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) ein Gesetz erlassen.

          Eigene Tarifverträge

          Weil hierzulande Zeitarbeitsunternehmen, anders als zum Beispiel in Frankreich, als rechtlich vollwertige Arbeitgeber auftreten, schließen sie eigene Tarifverträge ab. Derzeit betragen die Einstiegslöhne für un- und angelernte Arbeiter im Westen 7,89 Euro und im Osten 7,01 Euro. Der DGB wirft den Kundenunternehmen vor, Zeitarbeit zur Umgehung höherer Tariflöhne und zum Abbau von Stammbelegschaften einzusetzen.

          Zumindest mit der zweiten These räumt die Bertelsmann-Studie nun auf. Der Aufbau von Zeitarbeit bei gleichzeitigem Abbau der Stammbelegschaft sei „nur sehr selten zu beobachten“. Selbst während der Wirtschaftskrise in den Jahren 2008 und 2009 sei dies nur in 3 Prozent der Kundenunternehmen der Fall gewesen. In jedem vierten Fall passierte sogar das Gegenteil: Wurde Zeitarbeit abgebaut, wuchs die Zahl der Stammkräfte, was auf eine Übernahme hindeuten könnte. Deren Zahl hat nach Berechnungen des Instituts der Deutschen Wirtschaft im vergangenen Jahr rund 300.000 betragen.

          Zeitarbeiter kommen häufig aus der Arbeitslosigkeit

          Dagegen stützt die Studie die Behauptung, dass Zeitarbeiter auch bei gleicher Qualifikation deutlich weniger verdienen. Demnach verdient eine Leihkraft mit Berufsausbildung in Westdeutschland 47 Prozent und im Osten 36 Prozent weniger als ein Stammarbeiter mit gleichem Bildungsniveau. Generell sind die Unterschiede in den alten Bundesländern größer als in den neuen. Bei Montierern in den Metallberufen zum Beispiel verdiene der Leiharbeiter 1.540 Euro brutto im Monat und der Festangestellte 2.990 Euro, was einen Unterschied von 48 Prozent bedeute. Als Grund für diese hohen Unterschiede nennen die Autoren neben den generell niedrigeren Zeitarbeitslöhnen vor allem individuelle Merkmale wie längere Phasen der Arbeitslosigkeit. Die Zeitarbeit rekrutiert einen großen Teil ihrer Mitarbeiter aus der Arbeitslosigkeit. Auch wechselhafte Erwerbsbiographien seien ein wichtiger Grund.

          Als Konsequenz schlägt die Bertelsmann-Stiftung vor, die Gleichbezahlung von Zeitarbeitern und Stammkräften nach einer Einarbeitungszeit von drei Monaten festzulegen. Damit könnten Unternehmen weiter die Flexibilität nutzen, jedoch trügen die Beschäftigten nicht dauerhaft die Kosten. Die Frage, nach welcher Einsatzdauer die Gleichbezahlung greifen soll, ist einer der großen Streitpunkte in den Verhandlungen. Die Spanne geht vom ersten Tag bis zu neun Monaten.

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