https://www.faz.net/-gqe-8l64q

Arbeitsmarkt : Flüchtlinge ziehen erst nach 20 Jahren mit Inländern gleich

Ein Flüchtling aus Afghanistan konjugiert während einer Unterrichtseinheit eines Deutschkurses für Flüchtlinge das Verb „arbeiten“. Bild: dpa

In Deutschland ist die Kluft zwischen geflüchteten Menschen und anderen Migranten groß – vor allem Frauen tun sich am Arbeitsmarkt schwer.

          Flüchtlinge haben unter allen Migranten die größten Problemen an den europäischen Arbeitsmärkten. Es dauert bis zu 20 Jahre, ehe sie das Beschäftigungsniveau von Inländern erreicht haben. Vor allem geflohene Frauen tun sich bei der Suche nach einem Arbeitsplatz schwer. Neben der Anerkennung ausländischer Abschlüsse verhinderten vor allem unzureichende Sprachkenntnisse, dass viele Asylbewerber in ihren Zielländern zügig eine Stelle finden. In Deutschland ist dies zu besonders ausgeprägt. Dies sind die Kernaussagen eines gemeinsamen Arbeitspapieres der Europäischen Kommission und der Organisation für wirtschaftliche Kooperation und Entwicklung (OECD), das am Mittwoch während einer Online-Pressekonferenz vorgestellt wurde. In Deutschland stoßen die Ergebnisse derzeit auf besonders großes Interesse. Die Arbeitsagentur rechnet zum Jahresende mit 350000 arbeitslosen Flüchtlingen im Hartz-IV-System. Am kommenden Mittwoch will Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit Unternehmensvertretern darüber sprechen, wie deren Beschäftigungschancen verbessert werden können.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für Unternehmen.

          Die Untersuchung bezieht sich auf Daten von 2014, also noch vor der großen Flüchtlingswelle aus dem vergangenen Jahr. Verglichen wird die Entwicklung in den meisten EU-Mitgliedstaaten (außer Niederlande, Dänemark und Irland) sowie der Schweiz und Norwegen. „Die Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt ist ein langer Prozess“, fasste OECD-Fachmann Thomas Liebig zusammen. Für Deutschland sieht er trotz der festgestellten Defizite auch Positives. So ließen die Anstrengungen der vergangenen Jahre etwa in Form von Integrationskursen auf deutliche Verbesserung hoffen.

          In den meisten Ländern war das Gros der Flüchtlinge männlich

          Der Untersuchung zufolge war Deutschland nach absoluten Zahlen schon vor dem vergangenen Herbst das Hauptzielland für Flüchtlinge in Europa. Im Jahr 2014 lebten hierzulande rund 662000 Flüchtlinge im erwerbsfähigen Alter zwischen 15 und 64 Jahren. Mit deutlichem Abstand folgte Großbritannien mit etwas mehr als 300000 vor Schweden mit einer knappen Viertelmillion und Frankreich mit rund 200000. In Relation zur eigenen Bevölkerung nahm Schweden die meisten Flüchtlinge auf. Insgesamt nahmen sechs (west-)europäische Länder gut 90 Prozent aller Flüchtlinge auf. Auf Mittel- und Osteuropa entfielen schon damals sehr geringe Kontingente.

          In den meisten Ländern war das Gros der Flüchtlinge männlich. Am höchsten war der Männeranteil in Italien mit mehr als Dreivierteln, dahinter folgten Norwegen und Deutschland mit mehr als 60 Prozent. Nach aktuellen Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge ist der Männeranteil in Deutschland mit dem Anstieg des vergangenen Jahres in Richtung 70 Prozent gestiegen.

          Sprachkenntnisse sind unterdurchschnittlich

          Auffallend schlecht schneiden in der Studie die landessprachlichen Kenntnisse der Flüchtlinge in Deutschland ab. Ausschlaggebendes Kriterium für die Autoren war das nach internationalen Standards festgestellte Niveau B1, das fortgeschrittene Sprachkenntnisse attestiert und allgemein als notwendige Voraussetzung für eine Integration in die Unternehmen gilt. In Deutschland verfügen zehn Jahre nach ihrer Ankunft gerade einmal rund 40 Prozent der Flüchtlinge über B1-Kenntnisse. In Spanien waren es dagegen nahezu 100 Prozent, in Schweden mehr als 80 Prozent. Damit liegt der Wert für Deutschland auch deutlich unter dem EU-Durchschnitt von gut 60 Prozent. Allerdings weist Liebig darauf hin, dass aktuelle Zahlen aus Integrationskursen in Deutschland auch schon Quoten von rund 60 Prozent ausweisen.

          In anderen Ländern werden die Flüchtlinge schlechter integriert

          Die Autoren haben die Fähigkeiten der Flüchtlinge auch mit denen anderer Migranten von außerhalb der EU verglichen. Für Deutschland kommt diese Gruppe immerhin auf einen Wert von rund 70 Prozent, was etwa denen in Nachbarländern wie Österreich, der Schweiz und Belgien entspricht. Damit fällt die Kluft zwischen Flüchtlingen und anderen Migranten aber so hoch aus wie in keinem anderen Land mit Ausnahme von Großbritannien, wo sich beide Gruppen allerdings auf einem deutlich höheren Niveau bewegen.

          In engem Zusammenhang damit dürfte stehen, dass in nahezu allen untersuchten Ländern die Flüchtlinge deutlich schlechter in den Arbeitsmarkt integriert sind als andere Migranten. In Deutschland beträgt die Beschäftigungsquote von Flüchtlingen 57 Prozent und liegt damit 18 Punkte unter dem Wert für in Deutschland geborene Personen. „Damit haben Flüchtlinge auch deutlich größere Probleme als alle anderen Gruppen von Zuwanderern, einen Arbeitsplatz zu finden“, sagte Liebig. Das gilt besonders für Frauen: 2014 waren nur 43 Prozent der weiblichen Flüchtlinge erwerbstätig, die Quote unter Inländerinnen betrug 71 Prozent. „Es wäre sinnvoll, ein besonderes Augenmerk auf die Beschäftigung von geflohenen Frauen zu legen.“

          Die Autoren sind auch der Frage nachgegangen, ob hochqualifizierte Flüchtlinge entsprechend beschäftigt sind. Für Deutschland ergibt sich hier ein großes Potential, denn 70 Prozent der Hochqualifizierten sind unterhalb ihrer Qualifikation beschäftigt – so viele wie in keinem anderen EU-Land. Die Gründe dafür sind laut Liebig vielfältig.

          Weitere Themen

          Die erste Frau mit Salz Video-Seite öffnen

          Unternehmerin im Senegal : Die erste Frau mit Salz

          Marie Diouf hat es von einer Arbeiterin zur Unternehmerin gebracht: Als erste Frau im Senegal beschäftigt sie 20 Arbeiter auf ihrem eigenen Salzfeld.

          60 Satelliten auf einmal ins All Video-Seite öffnen

          Internet 2.0 von SpaceX : 60 Satelliten auf einmal ins All

          Die erdnahen Trabanten stellen die erste Stufe eines geplanten Netzwerks des Internetdiensts Starlink dar, das Hochgeschwindigkeits-Internet für zahlende Kunden auf der ganzen Welt zur Verfügung stellen soll. Starlink ist ein Projekt des Unternehmers Elon Musk.

          Topmeldungen

          Boris Johnson im Januar während einer Rede in Dublin

          Sorgen in der Wirtschaft : Zittern vor Boris Johnson

          Der Hardliner ist in Großbritannien der Favorit für die Nachfolge von Theresa May. Das lässt Unternehmen bangen: Er strebt einen No-Deal-Brexit an – ohne Rücksicht auf Verluste.
          „Seit über 25 Jahren packen wir einmal im Jahr das gesamte Spielzeug für acht Wochen in den Keller“, berichtet Kita-Leiterin Elfriede Reissmüller, „und die Kinder werden aufgefordert, ihre Phantasie und Kreativität verstärkt einzusetzen.“

          Kita ohne Spielzeug : Weg mit den Bauklötzen!

          Eine Kita ohne Spielzeug – klingt widersinnig. Tatsächlich aber kann die fehlende Ablenkung Wunder wirken und wichtige Fähigkeiten für das spätere Leben ausbilden.
          Ende Oktober 2018 steht Damian Boeselager, einer der Gründer der proeuropäischen Partei Volt, in Amsterdam bei einer Kundgebung auf der Bühne

          Kleinpartei vor Europawahl : Viel ge-Volt

          Große Versprechen, großer Idealismus: Volt ist proeuropäisch und tritt in acht Ländern zur Europawahl an. Wer ist die Kleinpartei, die es erreichte, dass der „Wahl-O-Mat“ kurzzeitig offline ging?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.