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Arbeitskosten : China ist kein Billigstandort mehr

Fabrik in der südchinesischen Provinz Guangdong Bild: REUTERS

Mit dem wachsenden Wohlstand steigen auch in China die Arbeitskosten für Unternehmen. Immer mehr chinesische Unternehmen denken über Werksverlagerungen nach. Kambodscha ist der beliebteste Alternativstandort.

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          Steigende Arbeitskosten machen der Wirtschaft in China zu schaffen. In immer mehr Fällen können die Produktivitätsfortschritte die wachsenden Aufwendungen nicht ausgleichen, so dass die Unternehmen eine Verlagerung ihrer Werke erwägen. Einer Umfrage der Bank Standard Chartered zufolge planen in der Industriehochburg des Perlflussdeltas in Südchina 30 Prozent der Unternehmen einen Umzug ins kostengünstigere Landesinnere, weitere 9 Prozent wollen China ganz verlassen. Im vergangenen Jahr waren die Werte nicht einmal halb so hoch. Der beliebteste Alternativstandort im Ausland ist Kambodscha, wo die Löhne um 10 bis 30 Prozent niedriger seien, gefolgt von Bangladesch und Vietnam.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Gemäß einer Untersuchung der Deutschen Bank, die sich auf ganz China bezieht, wachsen die Löhne in der Industrie seit 2008 real gesehen stärker als das Bruttoinlandsprodukt je Mitarbeiter. 2012 sei die Produktivität so gering gestiegen wie seit 1999 nicht, so dass sie heute schwächer ausfalle als in Thailand oder Malaysia. Seit Chinas Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO 2001 hätten sich, in Dollar gerechnet, die Industrielöhne real verdreifacht. Sie erreichten fast das Niveau der Philippinen. Die Lohnstückkosten hätten 2011 und 2012 stärker zugenommen als in der südostasiatischen Staatengemeinschaft Asean, zu der Kambodscha und Vietnam ebenso gehören wie Malaysia, Thailand und die Philippinen. Umzugswillige Betriebe können den großen chinesischen Markt von dort aus beliefern, denn seit 2010 gilt zwischen China und Asean ein Freihandelsabkommen.

          Anstieg der Mindestlöhne

          Auch deutsche Unternehmen in China spüren den Kostendruck. „Nach einer leichten Abschwächung Ende des vergangenen Jahres erwarten sie 2013 wieder steigende Lohnkosten“, sagt der Sprecher der Deutschen Handelskammer in Peking, Daniel Abel. Er bezieht sich auf eine Umfrage aus dem März, wonach die Bezüge von Arbeitern in deutschen Betrieben im laufenden Jahr voraussichtlich um 9,9 Prozent steigen dürften und jene von Angestellten um 8,8 Prozent. Die Ertragskraft werde darunter aber nicht leiden, dafür sorge die positive Entwicklung der Märkte und der Produktivität, versichert Abel. Ähnlich argumentiert Kelvin Lau von Standard Chartered. Seiner Ansicht nach gleichen die meisten Unternehmen die steigenden Arbeitskosten durch Kapitalinvestitionen aus, etwa eine höhere Automatisierung. Er warnt aber zugleich, dass einige Unternehmen gezwungen seien, die steigenden Kosten auf die Preise überzuwälzen.

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          Laus Bank erwartet für 2013 einen durchschnittlichen Lohnanstieg von nominal 9,2 Prozent, nach 7,6 Prozent in der Umfrage des vergangenen Jahres; das Inflationsziel der Regierung beträgt 3,5 Prozent. Für die Entwicklung gibt es viele Gründe. Zum einen sieht der laufende Fünfjahresplan der Führung einen Anstieg der Mindestlöhne um wenigstens 13 Prozent im Jahr vor; in der Finanzkrise war ihre Erhöhung ausgesetzt worden. Im laufenden Jahr haben schon elf Provinzen und Metropolen die Mindestlöhne angehoben, im Durchschnitt um 16 Prozent. Die Liste führen die Südprovinzen Guangxi und Guangdong (Kanton) an; in letzterer liegt das Perlflussdelta. Der höchste Tarif gilt in der Sonderwirtschaftsregion Shenzhen nördlich von Hongkong mit 1600 Yuan (200 Euro) im Monat.

          Die Arbeitsbevölkerung geht  zurück

          Die meisten Industriebetriebe zahlen deutlich mehr als den Mindestlohn, was an einem weiteren Kostentreiber liegt, dem Arbeitskräftemangel. 2012 ging die Arbeitsbevölkerung im Alter von 15 bis 59 Jahren erstmals seit den 70er Jahren zurück, um 3,5 Millionen Personen. Das Angebot an gutem Personal sei so knapp, dass qualifizierte Beschäftigte bei einem Stellenwechsel Lohnerhöhungen von 20 bis 40 Prozent durchsetzten, hat die Deutsche Handelskammer herausgefunden. Zusätzlich zu den Löhnen treiben die Nebenkosten die Aufwendungen in die Höhe. Der Arbeitgeberanteil an den fünf Sozialversicherungen summiert sich auf 42 Prozent der ausgezahlten Bezüge. Das gilt zwar schon lange, aber die Teilnehmer an der Umfrage im Perlflussdelta gaben an, dass die Behörden die Programme strenger als bisher durchsetzten.

          Die neuen Zahlen haben nach Ansicht der Fachleute auch positive Implikationen. Dazu gehöre, dass einfache Arbeit nicht mehr attraktiv sei und die Wanderarbeiter zunehmend in ihren Heimatprovinzen Beschäftigung fänden. „Es gibt eine Verschiebung der Dynamik entlang der Wertschöpfungskette und durch die Provinzen“, schreibt Hannah Levinger von der Deutschen Bank. „Das ist positiv im Sinne der angestrebten Veränderung im chinesischen Wachstumsmodell.“ Für Lau von Standard Chartered zeigen die Ergebnisse zudem, dass sich die fernöstliche Wachstumsdelle nicht negativ auf den Arbeitsmarkt auswirkt. „China ist auf dem Weg der Erholung.“

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