https://www.faz.net/-gqe-rv6b

Arbeitskampf bei AEG : „Das müssen wir jetzt durchziehen“

  • Aktualisiert am

Lautstarker Protest Bild: AP

Die Kampfbereitschaft heizten die IG Metall-Funktionäre an, gegen die winterliche Kälte bot die Gewerkschaft ein Dutzend Feuertonnen und wärmende Rhythmen auf. Im Trillerpfeifen-Konzert begann der Streik beim AEG-Hausgerätewerk in Nürnberg.

          3 Min.

          Trommelwirbel durchbrechen die Stille der Nacht, als Jürgen Wechsler die Bühne vor dem Werkstor in der Muggenhofer Straße betritt. „Der Streik bei AEG hat begonnen“, ruft der IG Metall-Vize ins Mikrofon. „Wir streiken, weil uns Electrolux keine andere Wahl läßt. Sie wollen diesen Standort mutwillig schließen. Das werden wir nie akzeptieren.“ Das Tönen der Trillerpfeifen wird lauter, als Wechsler die letzten Worte ausspricht. Glockenschläge mischen sich in die Rufe der aufgebrachten Belegschaft.

          Rund 600 AEGler sind an diesem Freitag um 6 Uhr vor dem Nürnberger Stammwerk erschienen, um nach dem Aus ihres Werks um einen Sozialtarifvertrag zu kämpfen, vielleicht die Schließung doch noch abzuwenden. Einige halten Transparente hoch oder tragen T-Shirts mit Aufschriften wie „Du bist in Deutschland Arbeit Erfolgreich Gestrichen“ oder „Aus Entlassungen Gewinn“. Auch Mitarbeiter anderer Unternehmen der Region und sogar vom Chip-Hersteller Infineon aus München sind zur Kundgebung gekommen.

          „Früher war 'Made in Germany' noch gleichbedeutend für Qualität“, erzählt der stellvertretende AEG-Betriebsratsvorsitzende Roland Weiß am Rande. „Darauf waren die Mitarbeiter auch stolz. Und jetzt macht Electrolux alles kaputt“, fügt er leise hinzu. Ein Unternehmen, das für die Schließung eines Werkes 240 Millionen Euro übrig habe, sollte auch für seine Mitarbeiter etwas übrig haben, meint er - und die Fassungslosigkeit steht ihm ins Gesicht geschrieben.

          Nach der Nachtschicht zum Streik

          „Daß das Werk erhalten bleibt, glaube ich nicht mehr“

          „Daß das Werk erhalten bleibt, glaube ich nicht mehr“, sagt eine 38jährige Mitarbeiterin resigniert. Ihren Namen will sie nicht nennen. „Das ist doch nicht wichtig“, meint sie. Wichtig sei, daß sie ihr Geld erhalte, daß die IG Metall die Forderungen nach Abfindungen und Ersatzarbeitsplätzen für die betroffenen 1.700 Mitarbeiter durchsetze. Auch ihre Kollegin hofft auf eine Auffanggesellschaft. Seit 1977 habe sie bei AEG in der Frühschicht gearbeitet. „In meinem Alter nimmt mich doch niemand mehr“, sagt die 52 Jahre alte Frau und hält sich mit einem vorsichtigen Lächeln an ihrem Becher mit heißem Kaffee fest.

          Inzwischen hat eine Kundgebung auf dem Vorplatz begonnen. Kämpferisch rufen Wechsler, AEG-Betriebsrat Harald Dix und Bertold Huber, zweiter Vorsitzender der IG Metall Deutschland, abwechselnd Durchhalteparolen ins Mikrofon. „Electrolux hat sich verkalkuliert“, schreit Wechsler in die Menge. Die Schließungskosten würden höher sein als die veranschlagten 240 Millionen Euro. Kunden und Bürger würden Electrolux aus Solidarität boykottieren, die Firma habe die Öffentlichkeit europaweit gegen sich aufgebracht. „Der Streik wird erst vorbei sein, wenn Electrolux den Schließungsbeschluss zurücknimmt“, verspricht er. „Auch wenn es wochenlang dauert“.

          IG-Metall-Vize Huber kritisiert „nackten Kapitalismus“

          Huber ruft auf zum Kampf gegen den „nackten Kapitalismus“ und verspricht einen Arbeitskampf, den die gesamte IG Metall mittrage. Auch Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD) läßt sich zu früher Stunde vor dem Werkstor blicken. „Die Menschen in der Region stehen auf Eurer Seite“, ruft er den Streikenden zu. „Bei uns geht's um die Würde der Menschen und das Recht auf Arbeit in einem funktionsfähigen Unternehmen.“ Parolen, die die AEGler seit Bekanntwerden der Schließungspläne im Juni 2005 schon Dutzende Male gehört haben.

          Seit sechs Uhr, so betont Wechsler, gebe es keine Trockner, Geschirrspüler und Waschmaschinen mehr aus Nürnberg. Auch Ersatzteile würden nicht mehr hergestellt. Ein Umstand, den die neuen AEG-Werke in Polen bald schmerzlich zu spüren bekommen dürften. „Wenn wir so weitermachen, wird in einigen Tagen die Produktion in Polen stehen“, freut sich der Gewerkschafter.

          Daß die Produktion von Nürnberg bis Ende 2007 ausgerechnet in zwei neue Werke nach Polen verlagert wird, ist für Montagearbeiter Joachim Ironie des Schicksals. Vor 20 Jahren zog der Pole nach Deutschland, um hier Arbeit zu finden. Seit fünf Jahren ist er bei AEG. Ein Zurück kommt für ihn nicht in Frage. „Von 250 Euro im Monat, die in Polen verdient werden, kann ich nicht leben“, sagt der 39jährige. Er habe zwei Kinder, sieben und zwölf Jahre alt. Seine Frau arbeite halbtags im Krankenhaus. „Da kann ich nicht so einfach weg von hier weg“, erklärt der gelernte Gas- und Wasserinstallateur. Zu allem Überfluß ist er nicht einmal gewerkschaftlich organisiert, bekommt während des Streiks also kein Geld. „Wenn das hier einige Wochen dauert, habe ich nichts mehr“. Er hätte sich auch krankschreiben lassen können. Aber das sei nicht in Frage gekommen. „Ich bin aus Solidarität mit meinen Kollegen hier“, sagt er. „Das müssen wir jetzt durchziehen.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.