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Kritik an Tarifverträgen : Was Unternehmen zur „Tarifflucht“ treibt

Historische Errungenschaft oder Grund zur Tarifflucht? Kundgebung der IG Metall für die 35-Stunden-Woche im Frühjahr 1985 Bild: Picture-Alliance

Viele Betriebe meiden Tarifverträge – doch warum? Metall-Arbeitgeber stört besonders die 35-Stunden-Woche, zeigt eine Studie.

          Gewerkschaften wie die IG Metall sehen in der Einführung der 35-Stunden-Woche eine historische Errungenschaft. Für Arbeitgeber hingegen ist die damit verbundene Begrenzung des Arbeitszeitvolumens bis heute ein zentraler Grund, warum sie mit Flächentarifverträgen unzufrieden sind oder diese meiden.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Das zeigt eine neue Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) für den großen Bereich der Metall- und Elektroindustrie. Sie soll klären, wie sich die Tarifverträge der IG Metall und der Arbeitgeberverbände der Metall- und Elektroindustrie ändern müssten, um dort mehr Unternehmen für eine Tarifbindung zu gewinnen. Die Studie liegt der F.A.Z. vorab vor.

          Zwei von drei Unternehmen, die sich an den Metall-Flächentarifvertrag gebunden haben, sind demnach zwar insgesamt mit dieser Bindung zufrieden. Fragt man aber nach ihrem Urteil über wichtige Regelungsinhalte, kristallisieren sich einige große Kritikpunkte heraus.

          Tariflöhne für einfache Tätigkeiten zu hoch

          So sind zwei Drittel der Unternehmen im Flächentarif mit dessen Begrenzungen in Sachen Arbeitszeitvolumen unzufrieden. Daneben gibt es Kritik an der Lohnhöhe – vor allem die Tariflöhne für Einfachtätigkeiten sind aus Sicht vieler Unternehmen unangemessen hoch. Basis der Studie ist eine Befragung von 1550 Unternehmen inner- und außerhalb der Tarifbindung.

          Beim Thema Arbeitszeit fällt auf, dass vor allem Unternehmen im Westen unzufrieden sind: Dort kritisieren fast 70 Prozent eine zu enge Begrenzung des Arbeitszeitvolumens, im Osten nur 26 Prozent. Erklären lässt sich dies damit, dass der Metall-Tarif im Osten, anders als im Westen, nach wie vor die 38-Stunden-Woche vorsieht.

          Allerdings strebt die IG Metall derzeit an, auch dort die 35 Stunden durchzusetzen. Mit einem ersten Anlauf war sie im Jahr 2003 gescheitert.

          Gewerkschaften wünschen sich gesetzlichen Zwang

          Hintergrund der Studie ist auch die politische Diskussion über sinkende Tarifbindung in Deutschland. Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigen, dass insgesamt noch etwa ein Viertel aller Betriebe an Flächentarife gebunden sind; vor zehn Jahren waren es noch ein Drittel.

          Gewerkschaften und Regierung klagen über eine „Tarifflucht“ und arbeiten an Plänen, Arbeitgeber künftig öfter durch gesetzlichen Zwang an Tarifverträge zu binden, zum Beispiel durch Ausweitung der sogenannten Allgemeinverbindlichkeitserklärung.

          Aus welchen näheren Gründen Unternehmen Flächentarifverträge meiden, ist indes bisher wenig erforscht. Dabei könnten Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände solches Wissen in ihren Tarifrunden nutzen, um gezielt Vorbehalte gegen eine freiwillige Bindung zu entschärfen. Die IW-Forscher Hagen Lesch, Helena Schneider und Sandra Vogel stoßen nun in diese Lücke.

          Der von ihnen analysierte Metall-Flächentarif, der gleich ein halbes Dutzend Branchen von der Autoindustrie über den Maschinenbau bis zur Medizitechnik überspannt, gilt heute nur für jeden siebten Betrieb in diesem Bereich. Allerdings sind darunter viel mehr große Betriebe als kleine, weshalb er dennoch fast die Hälfte der Beschäftigten dort erfasst.

          Tradition als Grund für Bindung an den Flächentarif

          Dass das Thema Arbeitszeit im Bereich des Flächentarifs besonders heikel ist, bestätigen die Befragungsergebnisse für diejenigen Unternehmen, die stattdessen einen abweichenden Haustarifvertrag mit der IG Metall haben. Hier hat nur ein Drittel Probleme mit einer zu engen Begrenzung des Arbeitszeitvolumens; der Anteil ist also nur halb so hoch wie im Flächentarif.

          Zugleich geben fast 70 Prozent der Unternehmen mit Haustarifvertrag an, dass das Kriterium Arbeitszeitvolumen für sie ein Hauptgrund ist, den Flächentarif zu meiden. Interessant aber auch: Für Unternehmen, die gar keinen Tarifvertrag haben, steht dies nicht ganz so stark im Vordergrund. Ihnen missfällt umso mehr das tarifvertragliche Eingruppierungssystem, das die Zuordnung jeder Tätigkeit den einzelnen Lohngruppen regelt.

          Eher grundsätzlicher Art sind dagegen die Motive, mit denen Unternehmen im Flächentarif erklären, warum sie sich an ihn binden: 88 Prozent nennen schlicht Tradition – man war immer schon dabei. Unmittelbarer (Streik-)Druck der IG Metall oder Druck des Betriebsrats spielt indes nur für knapp die Hälfte die zentrale Rolle. Mittelbar wirkt dieser Druck aber häufiger: Mehr als zwei Drittel geben an, dass sie im Verbund des Flächentarifs von der Friedenspflicht zwischen den Tarifrunden profitierten und insgesamt weniger „erpressbar“ seien.

          Einige Unternehmen sind schlecht informiert

          Wenn Unternehmen die Tarifbindung meiden, liegt dies indes auch daran, dass sie gar nicht wissen, welche Spielräume für flexible, betriebsspezifische Lösungen auch innerhalb des Flächentarifvertrags bestehen. Der Studie zufolge kennen nur 43 Prozent der Unternehmen ohne Tarifbindung, welche Regelungen dafür zur Verfügung stehen. Und von denen, die sie kennen, glauben nur wenige, dass ihnen die IG Metall eine für sie passende Abweichung wirklich gewähren würde.

          Die Forscher leiten aus ihren Ergebnissen zum einen den Rat an die Tarifparteien ab, „problematische Regelungen“ etwa zu Arbeitzeit und Entgelt zu überprüfen. Unternehmen und Arbeitnehmer müssten Tarifverträge gemeinsam als vorteilhaft ansahen, wenn man mehr Tarifbindung wolle. Zum anderen stellen die Forscher einige radikalere Überlegungen an: So sei zu fragen, ob ein einheitlicher Metall-Tarifvertrag für alle Branchen vom Auto bis zur Medizintechnik zukunftsfähig sei.

          Ebenso sei an mehr Differenzierung zwischen großen und kleinen Unternehmen zu denken – auch um jüngeren Firmen den Einstieg in Tarifverträge zu erleichtern. Stattdessen gesetzlich einzugreifen zu wollen, gehe dagegen „an den eigentlichen Problemen vorbei“.

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