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Arbeit und Familie : Frauen in der Teilzeitfalle

  • -Aktualisiert am

Familiäre Zwänge: Im Büro der Frust, daheim das Schuldgefühl Bild: Fotolia

Ein bisschen Arbeit, ein bisschen Familie - davon träumen Frauen. Dafür setzen sie ihre Karriere aufs Spiel. Denn in der deutschen Teilzeit-Realität steigt man nicht auf, und wer schon oben war, steigt in Teilzeit oft ab.

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          Sechs Monate war Heike Casper auf Job-Suche. Ein halbes Jahr lang durchforstete die 41-Jährige ihre Firma nach einer Teilzeitstelle, mit der sie Führungskraft und Mutter sein konnte. „Bevor das Baby kam, war ich Bereichsleiterin, das ist zwei Ebenen unter dem Vorstand“, sagt die Betriebswirtin. „Ich habe locker 130 Prozent gearbeitet.“ Jetzt, mit dem Kind, will Casper 60 Prozent arbeiten. Aber wie? Es soll nicht irgendein Job sein, sondern eine interessante, anspruchsvolle Aufgabe. Aber derlei hat ihr Arbeitgeber nur für die Vollzeitkollegen im Angebot. Jetzt hangelt sich die Managerin von Projekt zu Projekt.

          Heike Casper lebt die deutsche Teilzeit-Realität. Hier steigt man nicht auf, und wer schon oben war, steigt in Teilzeit oft ab. Hier gibt es keine Konzepte, wie sich Teilzeitkräfte sinnvoll einsetzen oder fördern ließen. Stattdessen werden alte Aufgaben neu vergeben, und neue Aufgaben sind nicht in Sicht.

          „Teilzeit bleibt eine Karrierefalle“, sagt Corinna Kleinert vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Wer sich für ein bisschen Arbeit und ein bisschen Familie entscheidet, entscheidet sich in aller Regel gegen die Karriere. Seit dem Jahr 2000 untersucht die IAB-Forscherin Corinna Kleinert die Arbeitszeiten von Führungskräften. Ihr Fazit: „In Führungsetagen bleibt Teilzeit ein Randphänomen und reine Frauensache.“ Nur zwei Prozent der männlichen Führungskräfte reduzierten ihr Pensum – dabei zeigten Umfragen immer wieder, dass eigentlich auch die Väter gerne mehr Zeit für ihre Familien hätten.

          Bild: F.A.Z.

          Aber wer führen will, muss eben große Projekte stemmen, Stunden schrubben, stets erreichbar sein. „Männer verbringen häufiger als Frauen extrem viel Zeit im Job“, sagt Corinna Kleinert. Dafür entscheidet sich jede zweite Frau gegen Vollzeit, hat das IAB ausgerechnet (siehe Grafik). Seit den neunziger Jahren wächst die Armee der Teilzeitfrauen – nur eben in die Breite, nicht in die Höhe.

          „Man fällt einfach durch das Karriere-Raster

          Heike Casper, die eigentlich anders heißt, arbeitet seit 14 Jahren bei ihrem Arbeitgeber – einem der größten deutschen Konzerne mit mehr als 120.000 Mitarbeitern in gut 100 Ländern, der schon manchen Preis für Familienfreundlichkeit einheimste. In der Zeit des Klinkenputzens hat die Managerin ihren Arbeitgeber ganz neu kennengelernt. „Ich hätte nicht gedacht, dass man mit Teilzeit bei uns dermaßen abgemeldet ist“, sagt Casper. „Man fällt einfach durch das Karriere-Raster.“

          Bösen Willen würde Casper niemandem vorwerfen, nur systematisches Desinteresse. Gut vernetzt, wie sie ist, kennt sie ein halbes Dutzend Geschichten wie ihre. Etwa die der Kollegin, die in Teilzeit aus der Babypause zurückkehrte und nichts mehr zu tun bekam. Ihr Vollzeit-Schwangerschaftsvertreter blieb an Bord und machte die Arbeit, sie saß daneben. Oder die Kollegin, die sich in der Babypause erkundigte, ob denn die versprochene Teilzeit klappen werde. Ja, teilten die Zuständigen mit, aber sie wisse: Man könne weder eine „exakt gleichwertige Stelle“ garantieren noch den Zeitpunkt der Rückkehr. „Wir kommen rechtzeitig auf Sie zu.“ Seither ist es still.

          Dabei haben Arbeitnehmer das Recht, ihr Pensum zu reduzieren, ohne Angabe von Gründen und ohne Nachteile zu fürchten. Wenn Arbeitgeber nicht darlegen, dass die Teilzeit sie „wesentlich beeinträchtigt oder unverhältnismäßige Kosten verursacht“, müssen sie mitspielen. „Ein Stück aus dem Tollhaus“, schimpfte Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt, als die Reform 2001 in Kraft trat. Heute klingt er versöhnlicher, aber nicht begeistert: „Der Rechtsanspruch auf Teilzeit hat sich nicht bewährt“, sagt Hundt. „In der Praxis bedeutet er für Unternehmen einen hohen Verwaltungsaufwand.“

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