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Arabischer Buchmarkt : Fest im Griff von Zoll und Zensur

  • Aktualisiert am

Der Markt für arabische Bücher ist ein ganz besonderer Bild: dpa

Buchmessen dienen Arabern zwischen Bagdad und Beirut, Kairo und Casablanca nicht allein als Treffpunkt; meist werden sie als wirklicher Marktplatz gebraucht. Der arabische Buchmarkt wächst trotz mancher Widerstände.

          Buchmessen sind für Araber zwischen Bagdad und Beirut, Kairo und Casablanca nichts Neues. Verlegern und Lesern dienen sie nicht allein als Treffpunkt; meist werden sie als wirklicher Marktplatz gebraucht. Denn für viele arabische Leser stellen Messen die einzige Möglichkeit dar, ein gewünschtes Buch zu bekommen. Der Buchhändler um die Ecke kann Titel nicht so einfach bestellen wie in Europa. Denn noch immer gibt es kein arabisches "Verzeichnis lieferbarer Bücher". Und Bücher aus dem Ausland müssen die hohe Hürde des Zolls nehmen. Importlizenzen, Importzölle und die verbreitete Zensur hemmen die Einfuhr.

          Dennoch wächst der arabische Buchmarkt. Ghassan Tuéni, der Vorstandsvorsitzende des angesehenen Beiruter Verlags Dar al Nahar, sagt, er verkaufe in diesem Jahr 10 bis 15 Prozent mehr Bücher als im Vorjahr. Mehrere Jahre dauere diese Tendenz bereits an, und in den Buchläden sehe er, daß dies auch für andere gelte. Dar al Nahar ist einer der mehr als 1.000 unabhängigen Verlage in der arabischen Welt. Deren größtes Handicap ist, daß es keinen entwickelten Vertrieb gibt. Große Zeitungen wie "al Ahram" in Kairo und "al Nahar" in Beirut, die auf vorhandene Vertriebsstrukturen zurückgreifen können, sind daher gegenüber kleineren Verlagen im Vorteil.

          Probleme beim Vertrieb, mit der Zensur und sprachlichen Unterschieden

          Wenige arabische Verlage erreichten die ganze arabische Welt, sagt Hans Schiler, Eigentümer des gleichnamigen Verlags in Berlin, der sich auf Bücher über die arabische und die islamische Welt spezialisiert hat. Der ägyptische Großverlag Dar al Shuruq gehört dazu, auch der Verlag Dar al Nahar, der sich auf anspruchsvolle Sachbücher und Belletristik spezialisiert hat, und - wenn auch mit einer beschränkten Klientel - die Verlagshäuser der großen Universitäten wie der American University in Kairo und der Université St. Joseph in Beirut.

          Absatz in der gesamten arabischen Welt finden vor allem die Verlage, die arabische und islamische Klassiker herausgeben. Deren Werke finde man ebenso häufig in regulären Buchhandlungen wie in religiösen Zentren, beobachtet Schiler. Schon aufgrund des informellen Charakters des Marktes sei es schwierig, Schätzungen über dessen Größe anzustellen. Die Verlage haben jedoch nicht nur mit dem Vertrieb als Hindernis zu kämpfen. Wohl könne man Bücher in anderen arabischen Ländern verkaufen, aber immer wieder gebe es Schwierigkeiten, die Verkaufserlöse auch aus dem Land zu transferieren, klagt Tuéni.

          Auch die Kosten für Übersetzungen stiegen. Immer häufiger finanzierten private Gönner - wie im Libanon die Faris-Stiftung oder die Nadia-Tuéni-Stiftung - Übersetzungen. Sprachlich gelte es zu bedenken, daß Stil und Satzstruktur des Hocharabischen in Ägypten anders seien als in Tunesien und in Syrien anders als in Marokko. Die Zensur und der hohe Anteil der Analphabeten stellten weitere Probleme dar.

          Zuhause verboten - im Ausland gefeiert

          Nicht wenige arabische Autoren würden außerhalb ihres Landes gefeiert, seien zu Hause aber verboten, sagt Schiler. Daher publizierten sie im Westen auf englisch oder französisch. Umgekehrt reisten etliche arabische Leser nach London oder Paris, um unzensiert Bücher zu kaufen. Die Funktion der Exilverlage erfüllt auch Beirut. Denn der Libanon ist nach wie vor das freieste Land der arabischen Welt. Zudem ist es spätestens seit dem 19. Jahrhundert das arabische Druckzentrum mit ausgebildetem Personal, modernen Maschinen und hohem Druckstandard. Die interessantesten Neuerscheinungen der arabischen Welt werden im Libanon herausgegeben. Auch ihre Auflagen liegen meist bei nur 2.000 Stück. Ägypten wiederum ist der größte Produzent und der größte Markt; neben anspruchsvollen Büchern überfluten Groschenhefte den Markt. Marokko gilt ebenfalls als großer, aber eher geschlossener Markt.

          Klassiker dominieren die Buchhandlungen - Anteil der religiösen Bücher hoch

          Jedes Jahr kommen in der arabischen Welt schätzungsweise 20.000 bis 30.000 neue Bücher auf den Markt. Beim Betreten arabischer Buchhandlungen fällt die Dominanz von Klassikern auf. Nach Angaben des "Arab Human Development Reports" der Vereinten Nationen liegt in der arabischen Welt der Anteil der religiösen Bücher am Büchermarkt bei 17 Prozent und ist damit mehr als dreimal so hoch wie auf der ganzen Welt. Arabische Klassiker, etwa Ibn Chaldun und al Mutanabbi, gehören in kostbaren Ledereinbänden aus Prestigegründen in den gehobenen Bücherschrank. Allerdings nimmt der Anteil der wissenschaftlichen Literatur für das Studium (vor allem der Naturwissenschaften und der Informatik) ebenso rasch zu wie die sehr populären Ratgeber, die meist aus einer westlichen Sprache übersetzt worden sind.

          Leseländer sind der Irak und Sudan, dort werden aber kaum Bücher produziert. Auch Algerien importiert viele Bücher. Zunehmend wichtig wird der Golf. Noch sind die Golfstaaten Lesemärkte und keine Produktionsstätten für Bücher. Kuweit komme aber wieder, sagt Tuéni. Und er sei sicher, daß bald auch in Dubai, wo viele Libanesen leben und viel Kapital vorhanden ist, Verlage gegründet würden.

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