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Höhere Sterblichkeit : So hart hat Corona die Pflegeheimbewohner getroffen

Das Coronavirus hat in vielen Pflegeheimen gewütet. Bild: dpa

Der Schutz der Schwächsten ist nicht gelungen, zeigt eine AOK-Untersuchung: Im Corona-Jahr 2020 sind deutlich mehr Bewohner von Pflegeheimen gestorben als in früheren Jahren.

          3 Min.

          Die Schwächsten zu schützen, das war das erklärte Ziel der Politik, als sich das Coronavirus im Frühjahr vergangenen Jahres rasend schnell in Deutschland ausbreitete. Dass das nicht gelungen ist, haben nicht nur die vielen Corona-Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen auf traurige Weise gezeigt – es lässt sich auch mit Zahlen belegen. So lag die Sterberate von Bewohnern von Pflegeeinrichtungen schon drei Wochen nach dem Start des ersten Lockdowns – also Anfang April – 20 Prozent höher als im Mittel der fünf Vorjahre, wie aus dem am Dienstag veröffentlichten Pflege-Report des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (Wido) auf Grundlage von Abrechnungsdaten von Ärzten und Krankenhäusern hervorgeht. In den ersten drei Monaten der zweiten Welle – von Oktober bis Dezember – wurde das Niveau der Vorjahre sogar um 30 Prozent überschritten.

          Britta Beeger
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          „Die Infektionsschutzmaßnahmen während der Pandemie reichten nicht aus, um die im Heim lebenden pflegebedürftigen Menschen ausreichend zu schützen“, sagte Antje Schwinger, Leiterin des Forschungsbereichs Pflege im Wido und Mitherausgeberin des Reports. Das lässt sich auch an einigen weiteren Kennziffern zeigen. So entfiel zwischen April und Juni 2020 jede dritte Covid-19-Diagnose (33 Prozent) bei über 60-Jährigen auf Bewohner von Pflegeheimen. Ein ähnliches Bild ergibt sich für jene Covid-Patienten über 60, die im Krankenhaus versorgt wurden: Hier liegt der Anteil der vollstationär Pflegebedürftigen bei 30 Prozent.

          Auch die Isolation hat Folgen

          Die Auswertung des Instituts beruht auf Abrechnungsdaten der Pflege- und Krankenkassen der AOK der Jahre 2015 bis 2020, die im Jahresschnitt zwischen 380.000 und 400.000 Pflegebedürftige ab 60 Jahren in vollstationären Pflegeheimen umfassen. Sie kann daher als besonders valide betrachtet werden. Einbezogen wurden alle Versicherten, bei denen die Covid-19-Diagnose durch einen PCR-Test bestätigt wurde. Dem Robert-Koch-Institut (RKI) hingegen wird nur für einen kleinen Teil der Corona-Fälle gemeldet, ob die Betroffenen in einer Betreuungseinrichtung lebten. Auch die Statistiken der Bundesländer, denen in der Regel die Heimaufsicht obliegt, weisen nach deren Angaben zum Teil Lücken auf.

          Der Report belegt auch, was schon früh in der Pandemie viele Fachleute erwartet haben: Wenn sie an Covid-19 erkranken, haben Pflegeheimbewohner ein deutlich höheres Risiko zu versterben: Von den vollstationär Pflegebedürftigen ab 60 Jahren, die im Krankenhaus behandelt wurden, starben der Auswertung zufolge 45 Prozent – fast jeder zweite. Unter jenen Patienten, die nicht oder ambulant gepflegt wurden, waren es hingegen nur 25 Prozent. Der Grund dürfte sein, dass viele Pflegebedürftige unter Vorerkrankungen wie Herz-Kreislauf- oder Immun-Erkrankungen, Demenz oder Krebs leiden.

          All diese Erkenntnisse müssten in künftigen Pandemie-Konzepten berücksichtigt werden – ebenso wie die gesundheitlichen, insbesondere auch psychischen Belastungen für die Pflegebedürftigen durch Besuchsverbote, Ausgangssperren und Kontaktverbote innerhalb der Einrichtungen und die damit einhergehende Isolation, mahnt Forschungsbereichsleiterin Schwinger. Die starken Einschränkungen für Heimbewohner waren im ersten Lockdown auch aus ethischer Sicht hochkontrovers diskutiert worden. In dem Report heißt es, Versorgung und Teilhabe seien dadurch „in einem schwer tolerierbaren Ausmaß beeinträchtigt“ gewesen.

          Eine Online-Befragung des Wido unter 500 Angehörigen von stationär Pflegebedürftigen verdeutlicht das Ausmaß der Einschränkungen: 43 Prozent der Befragten berichteten, dass sie zwischen März und Mai 2020 gar keinen persönlichen Kontakt gehabt hätten. Ein weiteres Drittel gab an, das sei nur selten möglich gewesen. Die Angehörigen berichteten zudem, 16 Prozent der Pflegebedürftigen hätten das eigene Zimmer gar nicht verlassen können, 25 Prozent selten. Da verwundert es kaum, dass die Angehörigen darüber hinaus beobachteten, dass sich der körperliche, geistige und psychische Zustand der Pflegebedürftigen verschlechterte. Besonders häufig nannten sie vermehrte Gefühle von Einsamkeit, Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit, aber auch eine nachlassende geistige Fitness und weniger körperliche Beweglichkeit. Bei der Interpretation ist zu beachten, dass es sich jeweils um Fremdeinschätzungen handelt. Nach Aussage der Autoren decken sich die Ergebnisse in der Tendenz aber mit anderen Befragungen.

          In der zweiten Welle wurde dann von Seiten der Politik stärker versucht, grundlegende Kontakte und Besuche durch FFP2-Masken, Antigen-Schnelltests für Besucher und verpflichtende Tests für das Personal aufrechtzuerhalten. Es gelte nun dringend zu überprüfen, welche dieser Schutzmaßnahmen in künftigen Pandemien zur Standardausstattung für die Heime gehören sollten, schreiben die Autoren des Reports. Und schlussfolgern: „Was auf keinen Fall noch einmal zur Gefährdungsvermeidung herangezogen werden darf, ist die generelle Isolierung alter Frauen und Männer von der Außenwelt und von ihren Angehörigen.“ Eine Erkenntnis, zu der auch die Politik gelangt ist. So hat beispielsweise der NRW-Ministerpräsident und CDU-Vorsitzende Armin Laschet die komplette Abriegelung der Heime in einem Interview als Fehler bezeichnet.

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