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AOK-Ärzteatlas : Den Ärztemangel erklärt

  • Aktualisiert am

Landarztpraxis in Bayern Bild: dpa

Hat Deutschland zu wenig Ärzte? Eigentlich nicht, sagen Wissenschaftler der Krankenkassen. Trotzdem herrscht manchmal Ärztemangel. Dafür haben sie eine einfache Erklärung.

          2 Min.

          Blickt man auf die „Versorgungslandkarten“ im Ärzteatlas 2016 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK, scheinen Sorgen unbegründet. Selbst bei den Hausärzten gibt es, betrachtet man die Bundesländer als Ganzes, keinen Mangel - im Gegenteil, vielfach liegt die Zahl der niedergelassenen Ärzte deutlich über dem geplanten Soll. Doch der Schein trügt, so das Fazit der Wissenschaftler. Denn weniger an der Zahl, als an der Verteilung hapert es. Tummeln sich Ärzte in Ballungszentren rund um Berlin, München oder Hamburg, wollen zu wenige in die Peripherie.

          Die bundesweite Medizinerdichte steigt dabei seit Jahre an, wie aus Daten des Statistischen Bundesamtes und der Bundesärztekammer hervorgeht. Im vergangenen Jahr kamen auf 1000 Einwohner 4,5 berufstätige Ärzte, 1991 waren es etwa drei pro 1.000. Auch im internationalen Vergleich ist die Ärztedichte in der Bundesrepublik überdurchschnittlich hoch. Deutschland lag im Jahr 2013 laut einer OECD-Statistik mit seiner Quote auf Platz 5 von 34 bewerteten Staaten. Spitzenreiter war demnach Griechenland mit 6,3 Ärzten pro 1000 Einwohner, gefolgt von Österreich, Norwegen und Portugal. Schlusslicht war die Türkei mit 1,8 Medizinern.

          Dabei gibt es nach Angaben der Wissenschaftler in allen Fachrichtungen in Deutschland, auch bei den Hausärzten, mehr niedergelassene Ärzte als laut Bedarfsplanung angestrebt. In knapp der Hälfte der Planungsbereiche gibt es rechnerisch sogar zu viele Ärzte. Eigentlich eine positive Bilanz. Doch die Überversorgung hat aus Sicht der Wissenschaftler Tücken. „Die Überversorgung in einigen Regionen bindet Ressourcen, die anderswo fehlen“, sagte der Vize-Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK, Helmut Schröder.

          Die Dichte ist demnach in den einzelnen Bundesländern sehr unterschiedlich ausgeprägt. Spitzenreiter im Vergleich der Bundesländer sind die Stadtstaaten Hamburg, Bremen und Berlin. Auch Bayern und das Saarland liegen über dem Bundesdurchschnitt. Am unteren Ende der Skala finden sich einige der ostdeutschen Bundesländer, aber auch Flächenländer wie Niedersachsen. So gibt es rechnerisch zwar genügend niedergelassene Ärzte, doch diese wohnen und arbeiten lieber in Ballungszentren als in der Provinz. Auch bei Kinder- und Jugendpsychiatern ist die Verteilung unausgewogen.

          Hinzu kommt die Altersstruktur. Vor allem im hausärztlichen Bereich gebe es eine vergleichsweise hohe Zahl an älteren Ärzten, die auf absehbare Zeit Praxisnachfolger suche oder dies bereits tue, schreiben die Wissenschaftler in ihrer Studie. Mittlerweile ist demnach ein Drittel der Hausärzte 60 Jahre oder älter. Am höchsten ist der Anteil der älteren Mediziner in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Westfalen-Lippe und Bayern.

          Zwar plädieren die Forscher dafür, nicht in allen Regionen, insbesondere in den überversorgten Städten und Kreisen, jeden Arztsitz wieder zu besetzen. In einigen Regionen könne es aber auf absehbare Zeit zu einer weiteren Verschlechterung der Ärztedichte kommen. Die Lage der offenen Arztsitze sei für den jüngeren Nachwuchs oftmals unattraktiv.

          Hier muss aus Sicht der Forscher aktiv für die Stellen und die Fachrichtung geworben werden. Es sei bereits jetzt fraglich, ob die heranwachsende Medizinergeneration sich ausreichend mit dem Berufsfeld der „Allgemeinmedizin“ identifiziere. „Ärztlicher Nachwuchs wird in den kommenden Jahren vor allem im hausärztlichen Bereich benötigt“, so Schröder.

          Abschließend blickt der Ärzteatlas jedoch auch kritisch auf die eigene Analyse. Um eine Sicherung der Versorgung zu bewerten, greife es „möglicherweise zu kurz“, sich nur die Zahlen anzusehen. Hier muss aus Sicht der Forscher auch diskutiert werden, inwieweit bei einer alternden Bevölkerung mit mehr chronischen Erkrankungen auch nichtärztliche Gesundheitsberufe verstärkt eingebunden werden können und sollten.

          Darüber hinaus müsse hinterfragt werden, ob etwa Medizinische Versorgungszentren bereits ausreichend genutzt würden. Diese seien für den medizinischen Nachwuchs oftmals attraktiver, da sie flexiblere Arbeitsbedingungen böten.

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