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Kritik an Antragsstopp : Förderung der Spielebranche auf der Kippe

Felix Falk, Geschäftsführer des Lobbyverbandes Game, setzt sich für einen konsequente Fortführung der Computerspieleförderung des Bundes ein. Bild: dpa

Nicht nur für 2022, auch für 2023 ist der Fördertopf des Wirtschaftsministeriums leer. Die Ankündigung kam für viele plötzlich. Entwicklerstudios sehen einen anderthalbjährigen Gang durch die Wüste voraus.

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          Die Bestürzung der deutschen Videospiel-Branche über den Antragsstopp der Computerspieleförderung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz am Montagabend war groß. Von einer „Vollbremsung“ für den Standort Deutschland sprach Felix Falk vom Lobbyverband Game. Die 50 Millionen Euro für das Jahr 2022 sind vergriffen. Schockiert hat eher ein zweiter Aspekt. „Man muss auch zugeben: Ein Fonds ist irgendwann ausgeschöpft. Das war zu erwarten. Aber dass auch für 2023 schon alle Mittel vergriffen sind, ist ein herber Schlag“, sagt Mathias Reichert, Geschäftsführer des Entwicklerstudios Deck13.

          Gregor Brunner
          Redakteur in der Wirtschaft.

          In einer weiteren Mitteilung legte das Wirtschaftsministerium am Mittwoch dar, wie viel Geld seit Beginn der Förderung 2019 an die Spielebranche ging und in welchem Maße für 2023 schon Vorbindungen eingegangen wurden. So flossen bisher 129 Millionen Euro in 447 Projekte. 2023 werden voraussichtlich über 150 Projekte mit 80 Millionen Euro gefördert – 30 Millionen Euro mehr als im Jahr 2022.

          Das Ministerium betont auch, dass schon bewilligte Fördergelder ausgezahlt werden und Anträge, die vor dem Stichtag 31. Oktober eingegangen sind unter dem Vorbehalt der Mittelverfügbarkeit weiter bearbeitet werden. Damit handele es sich um keinen Förder- sondern einen Antragsstopp.

          Deutschland verliert gegen andere Standorte

          Dennoch: Wann die Förderung wieder angefragt werden kann, steht in den Sternen. Von Entwicklerstudios ist zu hören, dass von langer Hand geplante Projekte, die die Förderung als Baustein eingeplant hatten, nun komplett neu bewertet und strukturiert werden müssen. Benedikt Grindel vom deutschen Ubisoft-Tochterunternehmen Bluebyte spricht über eine wesentlich kompliziertere Kommunikation mit der Konzernzentrale in Frankreich: „Wenn die planbare Förderung in Deutschland wegfällt, überlegt sich Ubisoft, wo wir günstiger produzieren können. So mag der Kern eines Projektes noch hier in Deutschland entwickelt werden, einzelne Teile davon könnten dann abwandern.“

          Einzelne Unternehmen und Entwickler beklagen schon länger ihre schwierige Verhandlungsposition mit internationalen Partnern und Verlegern, die den deutschen Sonderweg der Subventionierung kritisch sehen. Einer Studie des Game-Verbandes zufolge arbeiten 95 Prozent der Länder, die ein Spiele-Förderkonzept haben, mit besser planbaren Steuererleichterungen und -gutschriften. Die Stabilität, die mit der Abrufbarkeit dieser Vergünstigungen über die jährlichen Steuererklärung einhergeht, wird von Verlegern und Investoren geschätzt. „Bei einer durchschnittlichen Laufzeit von drei Jahren nun für eineinhalb Jahre nicht auf die Förderung zählen zu können, wird für viele Projekte ein fatales Signal sein. Wir verlieren durch die plötzliche Ankündigung am gesamten Standort Planbarkeit und das Vertrauen unserer Verleger“, kommentiert Mathias Reichert von Deck13.

          Spiele in der Haushaltsdebatte des Bundestages

          Was ist noch zu retten? Otto Fricke, haushaltspolitischer Sprecher der FDP im deutschen Bundestag stellte die Möglichkeiten am Mittwoch in einem Gespräch mit Game-Geschäftsführer Falk dar. Einerseits findet in der Nacht vom 10. auf den 11. November die Bereinigungssitzung des Haushaltsausschusses des Bundestages statt. Dort könnten noch Mittel, die in anderen Bereichen nicht aufgebraucht wurden, für die Computerspieleförderung umgewidmet werden. Andererseits könnte in den finalen Beratungen über den Haushalt des Wirtschaftsministeriums Ende November noch für das Jahr 2023 eine Erhöhung der Förderung ausgehandelt werden.

          Die Summen dürften der Branche aber nicht genügen. Zudem ist zu erwarten, dass die Antragsannahme ebenso schnell wieder geschlossen wird, wie sie öffnet, da sich in den dazwischenliegenden Monaten ein Antragsstau anbahnen dürfte. Über das weitere Verfahren mit der Förderung herrschen unter Entwicklern große Bedenken und Unsicherheit.

          Verschränkung der Modelle

          Dabei kann das Modell der Förderung für manch Projekte durchaus Sinn ergeben, heißt es aus der Branche. „Kleinere Projekte müssen sich über anfängliche Finanzierungsprobleme Gedanken machen. Hier kann eine Förderung sehr helfen“, sagt Bluebyte-Geschäftsführer Grindel. Man wünscht sich vonseiten der Unternehmen eher eine Verflechtung der beiden Modelle: Anschubförderung für kleine Projekte und Steuererleichterungen, die größeren Projekten auf lange Zeit eine bessere Handhabe über ihrer Ausgaben ermöglichen. „Größere Projekte, wie wir sie entwickeln, haben eher mit Kostenproblemen zu kämpfen. Steuergutschriften sind für den Umgang hiermit besser geeignet“, erklärt Grindel weiter.

          Auch Fricke macht im Gespräch mit Falk Werbung für Steuererleichterungen. Weder sei mit der großen Nachfrage nach der Förderung in diesem Jahr noch mit der derzeitigen Kostenentwicklung gerechnet worden. Die Lösung des Problems allein über einen Fonds sei nun nicht mehr adäquat. „Mit dem derzeitigen Status bin ich nicht zufrieden“, konstatiert er. „Im Gespräch mit internationalen Investoren muss ich immer den deutschen Sonderweg erklären.“

          Die Mitglieder des Game-Verbandes argumentieren mit der nachhaltigen Schaffung von Arbeitsplätzen und der Generierung von weiteren Steuereinnahmen, wenn mehr hochqualifizierte Fachkräfte über die Förderung in Deutschland angesiedelt werden können. Benedikt Grindel zeigt auf: „Deutschland ist international der fünftgrößte Absatzmarkt für digitale Spiele. Von diesem Umsatz verbleibt aber nur ein Bruchteil bei deutschen Entwicklern. In diesen Größenordnungen reden wir also nicht nur von einer spezifischen Kulturförderung, sondern von Industriepolitik und Wettbewerbsfähigkeit.“

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