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Anton Schlecker : Wie dem Drogeriekönig sein Reich entglitt

Eine Bildmontage der Firma Schlecker zeigt Anton Schlecker mit Ehefrau Christa (rechts von ihm) und seinen Kindern Lars und Meike Bild: Schlecker/DAPD

Ein guter Spürsinn fürs Geschäft machte Anton Schlecker zum Milliardär. Dass die Welt sich änderte, hat er übersehen. Sein Realitätsverlust hat den Niedergang der Filialkette verursacht.

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          Die Filialbesuche von Christa und Anton Schlecker sind legendär. Solange Schlecker noch als der zwar unsympathische, aber erfolgreiche Drogeriekönig Europas galt, wurde das Vorgehen durchaus mit gewissem Respekt vermerkt: es schien ja zu wirken, wenn die Belegschaft wusste, dass ohne jede Vorwarnung die Eigentümer auftauchen könnten. Christa Schlecker zog dann immer einen weißen Handschuh über, um auf den Regalen nach Staubkörnchen zu fahnden. In den Augen der Schleckers war das eine erfolgversprechende Methode, in der Belegschaft für permanente Leistung zu sorgen: „Dieses konsequente Druckmachen, dieses permanente Kontrollieren, dieses tagtägliche Anschieben, dieses immer wieder sich wiederholende Ermahnen und Hinweisen gehört gewiss nicht zu den angenehmsten Tätigkeiten einer Führungskraft, mit Sicherheit aber zu den erfolgsentscheidenden“, heißt es in einer Schlecker-Broschüre.

          Es sollte alles bestens aussehen

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Christa und Anton Schlecker ahnten wohl nicht, dass ihre Filialbesuche längst zur Show geworden waren. Unangekündigt waren die Visiten offenbar schon längst nicht mehr, sondern sorgsam vorbereitet von Filialmitarbeiterinnen und Führungskräften. So etwa eine Stunde Vorlauf habe man typischerweise gehabt, berichtet eine Mitarbeiterin. In dieser Zeit habe man in anderen Geschäften Ware geholt, um die Lücken in den Regalen zu füllen. Es sollte ja alles bestens aussehen: Potemkinsche Dörfer für den Drogeriekönig.

          Wie lange das Spiel schon so funktioniert, lässt sich kaum nachweisen. Tatsache ist, dass schon im Sommer 2010 Mitarbeiter davon berichteten, dass Warenbestellungen unvollständig geliefert wurden. Für die Mitarbeiter war der Niedergang greifbar geworden, und schmerzlich: wenn sie die Umsatzziele nicht einhielten, wurde den Filialen das Stundenkontingent gekürzt – die Misere verschärfte sich. In jenem Sommer vor zwei Jahren wurde auch offensichtlich, dass Schlecker Liquiditätsengpässe haben dürfte: Das Geld für die geleisteten Überstunden wurde zurückbehalten, zunächst ohne jede Erklärung, später mit der Behauptung, man wolle Arbeitszeitkonten einführen, wie andere moderne Unternehmen auch. „Zeitkonten statt Bankkredit“, titelte die Frankfurter Allgemeine Zeitung damals.

          Gefährlicher Imageverlust

          Schlecker leide unter Imageverlusten, „die das Unternehmen und damit auch Arbeitsplätze gefährden“, räumte der langjährige Marketingdirektor Uwe Blank damals in einer für Schlecker völlig untypischen Offenheit ein. Die Fakten waren ohnehin nicht mehr zu übersehen: innerhalb des ersten Halbjahrs habe Schlecker in Deutschland 1,2 Millionen Haushalte als Käufer verloren, vermeldete die Konsumforschungsgesellschaft GfK damals. Dass sich Schlecker trotzdem noch so lange halten konnte, ist wohl nur damit zu erklären, dass Anton Schlecker selbst, seine Frau und seine beiden Kinder Meike und Lars noch einmal mehrere hundert Millionen Euro aus ihrem Privatvermögen investierten, in der Hoffnung, den Trend umkehren zu können.

          Dichtgemacht: Die Filialen müssen schließen. Bilderstrecke

          Dagegen scheiterte Schleckers Versuch, eine Bank zur Kreditvergabe zu bewegen. Ihnen war die Filialkette suspekt – aus gutem Grund: Schlecker war in der Rechtsform „e. K.“ organisiert, als eingetragener Kaufmann. Weil er damit die Haftung ganz allein trug, war Transparenz nicht gefordert, aber eben auch nicht gegeben.

          Der jüngste Metzgermeister der Republik

          Rechenschaft, so glaubte Anton Schlecker offenbar, schulde er ganz allein sich selbst. Er war es schließlich, der Europas größte Drogeriefilialkette geschaffen hatte. Das Unternehmer-Gen mag er geerbt haben. Schon sein Vater, der ebenfalls Anton hieß, war ein erfolgreicher und gefürchteter Geschäftsmann, der sieben Metzgereien und eine Fleischfabrik betrieb.

          Anton Junior, mit 21 Jahren der jüngste Metzgermeister der Republik, eröffnet Mitte der 60er Jahre den ersten Supermarkt – etwas ganz besonderes in seinem Heimatstädtchen Ehingen auf der Schwäbischen Alb, etwas das die Kunden anlockt. 1975 wird alles noch moderner: In die Metzgerei des Vaters in der Ehinger Bahnhofstraße baut Anton Schlecker eine Rolltreppe ein. Jetzt werden im Erdgeschoss Würste verkauft und im oberen Stock Putzmittel und Körperpflege. Für diese Waren ist kurz zuvor die gesetzliche Preisbindung gefallen, das heißt: Schlecker kann die Kundschaft jetzt über günstige Preise locken.

          Ein Tante-Emma-Ersatz

          Zwei Jahre später betreibt Schlecker schon 100 Drogerie-Geschäfte, im Jahr 1984 sind es tausend. In den besten Zeiten gibt es 14.000 Schlecker-Filialen in 13 Ländern. Im Jahr 2008 zählt Schlecker allein in Deutschland 38.000 Beschäftigte, die einen Umsatz von 4,3 Milliarden Euro erwirtschaften, europaweit wird ein Umsatz von 7,4 Milliarden Euro erzielt.

          Die Expansion lässt sich der sparsame Schwabe von den Lieferanten finanzieren. Zahlungsziele von 90 Tagen habe er sich herausgehandelt, heißt es: weil aber die meisten Waren nach der Lieferung sehr schnell verkauft waren, hatte Schlecker auf diese Weise liquide Mittel zum Nulltarif. Neue Filialen bringen ebenfalls frisches Geld. Oft, so wurde schon in den 90er Jahren kolportiert, müsse ein Markenartikler die Erstausstattung einer Filiale sogar gratis liefern, zumindest ein Eröffnungsrabatt aber werde gefordert. Wehren können sich viele Hersteller kaum – Schlecker ist Marktführer und hat entsprechende Handelsmacht. Das Schneeballsystem funktioniert freilich nur, so lange immer neue Filialen eröffnet werden. Sogar in kleinen Dörfern ist Schlecker bald präsent, als eine Art Tante-Emma-Ersatz.

          „Als Fehler würde ich es nicht bezeichnen“

          Ein alternatives Konzept kommt Schlecker offenbar nicht in den Sinn, auch die Einrichtung von moderneren Großfilialen („Schlecker XL“) geschieht eher halbherzig. Erst in größter Not zieht Anton Schlecker Norbert Wieselhuber zu Rate. Der Experte für Familienunternehmen präsentiert einen Vorschlag, den der Drogeriekönig nicht akzeptieren kann: Er solle eine externe Unternehmensführung berufen und den schon lange mit Imageproblemen behafteten Namen Schlecker aufgeben. Stattdessen willigt der Unternehmer in eine innerfamiliäre Nachfolgeregelung ein: Lars und Meike Schlecker, ausgestattet mit unverbrauchten Gesichtern und einer exzellenten Hochschulbildung, sollen Schlecker neu positionieren, heißt es im Herbst 2010.

          Viel Macht haben die Kinder indes nicht, vielleicht auch nicht den nötigen Durchblick, oder nicht den Mut, sich das Scheitern des Vaters einzugestehen. Er würde sich niemals anmaßen, den Vater zu kritisieren, sagt Lars Schlecker im Februar 2011, einige Monate nach seiner Berufung in die Schlecker-Führung: „Ich denke in manchen Dingen zwar etwas anders, aber als Fehler würde ich es nicht bezeichnen.“

          Es dämmert

          Ein paar Monate später zeichnet sich ab, dass die Wende nicht gelingen wird. Henkel und Beiersdorf stellen ihre Lieferungen ein, weil sie Schlecker angesichts schrumpfender Abnahmemengen nicht weiter die Super-Konditionen von einst gewähren wollen, die Schlecker-Einkäufer aber nicht nachgeben. Und selbst den gutgläubigsten Mitarbeitern dämmert allmählich, dass es wirklich ernst bestellt ist um die wirtschaftliche Lage ihres Arbeitgebers: Immer wieder gibt es Tage, an denen Zeitungen und Zigaretten fehlen – jene Waren, die nur gegen Vorkasse ausgeliefert werden.

          Die Einkaufsgemeinschaft Markant, über die Schlecker die meisten Orders abwickelt, zieht im Januar 2012 schließlich die Notbremse und verlangt die Barzahlung einer Rechnung über knapp 30 Millionen Euro. Schlecker kann das Geld nicht auftreiben – und muss Insolvenz beantragen. Wie schlimm es um die Filialkette wirklich steht, scheint der Familie noch nicht wirklich bewusst zu werden. „Wir denken nicht daran, das Unternehmen zu verkaufen. Wir glauben an unser Konzept, es ist klasse“, sagt Meike Schlecker eine Woche nach dem Insolvenzantrag. Nur ganz leise klingt Selbstkritik an: Man habe zu spät begonnen und sei zu langsam gewesen. „Auch mein Vater steht ganz klar hinter der Restrukturierung“, betont sie.

          Zu sagen hat der Drogeriekönig aber nichts mehr, das Kommando hat der Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz. „Dem Inhaber ist ein allgemeines Verfügungsverbot auferlegt“, heißt es im Handelsregister. Die Ära Schlecker ist vorbei.

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