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Antifaltenmittel : Botox für Deutschland

  • -Aktualisiert am

Botox-Spritze: Wer schön sein will, muss den Pieks ertragen. Bild: Röth, Frank

In Amerika ist das Antifaltenmittel Botox ein Renner. In Europa ist die Skepsis größer: „Wir müssen die Frauen erziehen“, sagt der Europachef des Herstellers. Das Mittel soll jetzt auch bei Migräne helfen.

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          Was ist nur mit den Deutschen los? „Die Leute geben ein Vermögen für Cremes aus, die kaum helfen“, sagt Paul Navarre. „Und ganz wenig für Botox, obwohl das einen direkten Effekt bringt.“ Navarre muss so reden, schließlich ist er Europa-Chef von Allergan, dem Hersteller des Antifaltenmittels Botox. Mit Botox ist Allergan, einst auf Augenheilkunde spezialisiert, in der ästhetischen Medizin weltweit eine Macht geworden. Allerdings viel stärker in Amerika als in Europa.

          Navarres Plan für Deutschland ist deshalb klar: „Wir müssen die Frauen erziehen“, sagt er. „Wir wollen ihnen zeigen, dass es nicht darum geht, eine andere zu werden. Sie soll bleiben, wer sie ist, nur dabei fünf Jahre jünger aussehen.“

          Das ist das Versprechen von Botox, für das man sich allerdings das Nervengift Botulinumtoxin immer wieder unter die Haut spritzen lassen muss. Den skeptischen Europäern ist das nicht so leicht zu vermitteln. Eine große Marketing-Kampagne, die man vor sechs Jahren in verschiedenen europäischen Ländern versuchte, ging schief, erreichte die Konsumenten nicht. „Wir waren zu früh“, sagt Navarre.

          „Die Europäer sind noch nicht so weit“

          Jetzt versucht Allergan es sanfter, über Internetseiten, die erst einmal aufklären. „Die Europäer sind noch nicht so weit, offen über Botoxzu sprechen“, sagt Navarre. In Deutschland gelte: Man konsumiere Botox nur, wenn man es nachher kaum sehe.

          Trotzdem wird der Umsatz für Allergan in Europa in diesem Jahr um 13 Prozent wachsen, in Deutschland noch mehr. Das liegt an Plan B. Denn so bekannt Botox hierzulande auch für die Beseitigung von Zornesfalten oder Krähenfüßen im Gesicht ist, die ästhetische Medizin macht für Allergan in Deutschland nur etwa 20 Prozent des Geschäfts aus. Der Rest ist das, was Botox sonst noch kann.

          Für medizinische Anwendungen statt ästhetische ist Deutschland ein riesiger Markt. Eine Kampagne hat Allergan gerade in Berlin auf Plakaten und im Internet gestartet. Dort klärt die Firma über chronische Migräne auf. Denn ja: Botox hilft manchen Patienten offenbar auch vorbeugend gegen Migräne. Zugelassen ist es außerdem gegen Inkontinenz und Spastiken.

          Was die Migräne angeht, gibt es allerdings ein Problem. Viele Patienten gehen nicht oder kaum zum Arzt und kaum einer kennt die Behandlung mit Botox, die seit anderthalb Jahren zugelassen ist. Deshalb die Kampagne, in der Botox allerdings nur sehr dezent auftaucht. „Market creation“ nennt das Navarre.

          Ebenfalls zugelassen ist Botox gegen die Reizblase und damit gegen Inkontinenz. Anderswo wird geforscht, ob Botox auch gegen Schmerzen hilft. „Botulinumtoxin ist so eine Art Wundermittel“, schwärmt Navarre. „Alle forschen dazu, nicht nur wir.“ Für Allergan lohnt sich das, denn für jede Indikation, für die Botox neu zugelassen wird, beginnt auch der Patentschutz neu. Billige Nachahmerpräparate, die es in der ästhetischen Medizin längst gibt, sind dann eine Weile kein Thema.

          Das stete Auffinden neuer Möglichkeiten für das Nervengift kann allerdings ganz schnell zu Ende sein: wenn Allergan von der kanadischen Firma Valeant übernommen wird, die das seit Monaten versucht - gegen den Willen des Managements. Valeant hat schon angekündigt, Forschung und Entwicklung im Fall des Falles drastisch zu reduzieren, fast einzustellen. Navarre findet das skandalös - wie auch der Rest des Managements. Deshalb trägt er beim Besuch in Deutschland ein blaues Gummiarmband, das Mitarbeiter entworfen haben. Jeder, der es trägt, will damit sagen: Wir wollen eigenständig bleiben.

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