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Anti-Kartell-Gesetz : Als die F.A.Z. der Hauptfeind des BDI war

Aufmerksamer F.A.Z.-Leser: Wirtschaftsminister Erhard 1955 Bild: mauritius images

Vor rund 60 Jahren eskalierte der Konflikt über das Anti-Kartell-Gesetz. Es war auch ein Kampf um das Überleben der F.A.Z.- mit ihrem ordoliberalen Wirtschaftsteil war sie der Großindustrie ein Dorn im Auge.

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          Seit der Gründung der Frankfurter Allgemeinen reiben sich ihre Gegner an der Zeitung. Schon in den fünfziger Jahren sei sie als „Sprachrohr der Industrie“ diffamiert worden – dabei beweise die Geschichte der F.A.Z. das Gegenteil, wie der junge Historiker Maximilian Kutzner in einem Vortrag an der Goethe-Universität jüngst erklärte.

          Philip Plickert
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Das zeigte sich besonders in den Gründerjahren, als der Wirtschaftsteil der F.A.Z. aus ordnungspolitischer Überzeugung einen erbitterten Kampf gegen die Kartelle focht und für das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen eintrat, das Wirtschaftsminister Ludwig Erhard als das „Grundgesetz der Sozialen Marktwirtschaft“ bezeichnete.

          Deutschland war seit dem Kaiserreich ein Land mit hoher Kartelldichte in der Industrie gewesen. Die ordoliberalen Wirtschaftswissenschaftler der Freiburger Schule von Walter Eucken und Erhard wollten dies beenden, weil sie Kartelle und Monopole wirtschaftlich für schädlich und als Bedrohung für die Freiheit ansahen, wenn die Bürger privater ökonomischer Macht ausgeliefert seien.

          Die Wirtschaftsredaktion der F.A.Z. um ihren Gründungsherausgeber Erich Welter hatte sich schon kurz nach ihrer Gründung 1949 entschieden hinter das Vorhaben eines Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB) gestellt. Sie erhielt zum Teil vertrauliche Entwürfe zum GWB, ihre Korrespondenten nahmen an Gesprächsrunden im Wirtschaftsministerium teil und berichteten laufend über das (Un-)Wesen der Kartelle im Land. Das erregte großen Ärger des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) unter seinem Vorsitzenden Fritz Berg, der damals von einigen kartellfreundlichen Großkonzernen beherrscht war und Erhards GWB-Vorstöße mit allen Mitteln bekämpfte.

          Es kam zum Anzeigenboykott

          „Der BDI wurde der stärkste Widersacher der Zeitung und des Wirtschaftsressorts, sie war ihr Hauptfeind“, erklärte Kutzner. Um der kartellkritischen Kommentierung der F.A.Z. etwas entgegenzusetzen, brachte der BDI sogar eine eigene Zeitschrift heraus, die sich „Die Kartelldebatte“ nannte, die den wirtschaftlichen Wert von Kartellen herausstellte. Der Konflikt mit der F.A.Z. wurde mit zunehmender Härte geführt, um die Jahre 1955 herum eskalierte er.

          Es kam zu einem Anzeigenboykott vieler Industrieunternehmen, der die Zeitung beinahe in die Insolvenz getrieben hätte. In dieser Notlage stützten sie nur eine Reihe mittelständischer Unternehmen, etwa die Salamander-Schuhfabrik, die weiterhin Anzeigen schalteten. „Die F.A.Z. war also keineswegs das Sprachrohr der Industrie, sondern hat ihre Unabhängigkeit verteidigt“, resümiert Kutzner.

          Auch die Frühgeschichte der F.A.Z. und des Wirtschaftsressorts beleuchtet er in seiner Dissertation, die er gegenwärtig an der Universität Würzburg schreibt. Tatsächlich ging die Gründung der F.A.Z. auf eine Initiative der 1947 gegründeten Wirtschaftspolitischen Gesellschaft (Wipog) zurück, in der sich ehemalige und aktive Politiker wie der einstige preußische Finanzminister Otto Klepper, Theodor Heuss und Ludwig Erhard mit Unternehmern wie dem Salamander-Geschäftsführer Alex Haffner und Robert Pferdmenges sowie Journalisten wie Erich Welter und dem Verleger Gerd Bucerius engagierten.

          Planwirtschaftlich-sozialistischer Zeitgeist

          Welter hatte engen Kontakt mit Eucken, dem Kopf der Freiburger Schule. Die Wipog brachte einen Teil des Gründungskapitals auf. Die F.A.Z. kam damals, nach Gründung der Bundesrepublik und dem Ende der Lizenzpflicht durch die Besatzungsmächte, spät und traf auf einen „voll besetzten Markt“, woran Alt-Herausgeber Jürgen Jeske in der Goethe-Universität erinnerte.

          Der marktwirtschaftlich-ordoliberale Wirtschaftsteil sei damals der inhaltlich stärkste Teil gewesen, sagt Historiker Kutzner. Haffner rühmte sich später, 1949 „die einzige Tageszeitung ohne sozialistische Lizenzträger“ in der britischen und amerikanischen Zone gegründet zu haben – was allerdings übertrieben war.

          Richtig ist aber, dass der Zeitgeist auch in Westdeutschland überwiegend planwirtschaftlich-sozialistisch war (selbst die CDU forderte in ihrem Ahlener Programm die Verstaatlichung der wichtigsten Industrien und Wirtschafsbereiche). Die Stimmen, die Erhards marktwirtschaftliche Politik verteidigten, waren rar. Im F.A.Z.-Wirtschaftsteil publizierten die wichtigsten ordoliberalen Professoren der Zeit, etwa Franz Böhm und Wilhelm Röpke. Zum Teil engagierte Welter auch direkt von den Lehrstühlen der Eucken-Freunde fähige Doktoranden als Redakteure; Welter selbst lehrte als Wirtschaftsprofessor in Mainz.

          Glaubwürdigkeit als unabhängige Zeitung

          Wenn die Redaktion der Meinung war, dass Erhard zu viele „realpolitische“ Kompromisse einging, etwa als sein 1957 verabschiedetes GWB durch den Druck der Industrie aufgeweicht wurde, musste er in der F.A.Z. auch harsche Kritik lesen. Noch kritischer begleitete die Wirtschaftsredaktion die wirtschaftspolitischen Interventionen von Kanzler Konrad Adenauer, den man für einen ökonomischen Dilettanten hielt. Seine Pläne zur europäischen Einigung unterstützte man im Prinzip, warnte aber vor einem Kartell in der Kohle und hätte lieber eine Freihandelszone unter Einschluss der Briten als eine geschlossene Zollunion in Westeuropa gesehen.

          Die Zeitung legte großen Wert auf ihre Unabhängigkeit. Seit den späten fünfziger Jahren ging das gesamte Kapital der Zeitung auf die FAZIT-Stiftung über, eine nichtgewinnorientierte, gemeinnützige Stiftung. Wie Kutzner betont, gelang es ihr in dieser Zeit auch, sich als eine der führenden Zeitungen, als Leitmedium der Bundesrepublik zu etablieren. Der Konflikt mit dem BDI hatte der Glaubwürdigkeit als unabhängiger Zeitung dabei wohl stark geholfen.

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