https://www.faz.net/-gqe-6xyxs

Anstrengend, aber gut : Ein Hoch auf die Freiheit

„Deutschland hat einen unreflektierten Antiliberalismus.“: Theodor Heuss

Der englische Philosoph und Ökonom John Stuart Mill nennt in seiner Grundsatzschrift "On Liberty" (1859) die Freiheit den "ersten und stärksten Wunsch der menschlichen Natur". Freiheit ist für Mill jene scharfe Grenzziehung, die es (jedermann, auch und vor allem dem Staat oder der herrschenden "Tyrannei der Mehrheit" in einer Demokratie) verbietet, sich in die Entscheidungen und Handlungen der Bürger einzumischen und ihnen Vorgaben zu machen. Freiheit ist das Recht und die Möglichkeit, zu tun und zu lassen, was jemand will. Mill fügt sogleich hinzu, dass dieses Recht nur und allein dann eingeschränkt werden dürfe, wenn die Freiheit des einen den anderen schädige: Denn die Freiheit des Wolfes führe eben auch oftmals zum Tod des Schafes. Freiheit ist nicht Laisser-faire.

Das "Negative" der Freiheit, die gerade nicht "positiv" vorgibt, was zu tun und zu lassen ist, hat immer schon Anlass zu Missverständnissen gegeben. Was ist das für eine Freiheit, die allen Menschen erlaubt, vor dem Kölner Dom zu betteln, so heißt der polemische Einwurf, der an das Diktum von Anatole France erinnert, die Gleichheit vor dem Gesetz verbiete es Reichen wie Armen, unter Brücken zu schlafen.

Wer Freiheit als Egozentrik der Reichen desavouiert, verrät, was er davon hält: nichts. Das Negative der Freiheit ist gerade ihr Positives. Der englische Historiker Quentin Skinner erweitert die klassisch liberale Definition, wonach negative Freiheit die Abwesenheit von Hindernissen sei, um den Zusatz, sie müsse vor allem "Abwesenheit von Abhängigkeit" sein. Ein freier Mann ist eben kein Knecht, er ist mündig. Ein "Freeman", so Skinner, ist sein eigener Herr, "niemandem sonst verpflichtet, jemand, der auf Augenhöhe ist, der gleichberechtigt argumentieren und verhandeln kann, ohne jemals die Notwendigkeit zu verspüren, den Hut zu ziehen oder das Knie zu beugen. Demzufolge schreibt man freien Menschen jene Achtung - und Selbstachtung - zu, die daraus resultiert, als jemand zu gelten, der ein offenes Wort führt und unparteiisch einzig danach handelt, was ihm Vernunft und Gewissen diktieren."

Frei zu sein ist anstrengend

Freiheit verkörpert das Ideal bürgerlich-erwachsener Tugend. Wir haben die Fähigkeit, uns selbst zu bestimmen und selbstbestimmt zu handeln. Wer die Fähigkeit zur Selbstbestimmung hat, weiß um die Gefahr der Fremdbestimmung nicht nur durch äußere Autoritäten, sondern auch durch eigene Triebe und Begierden. Wer autonom handelt, ist sich gleichwohl der inneren Widersprüchlichkeit bewusst, weiß auch, dass er seinen Leidenschaften unterliegen kann, kennt aber zugleich seine Chance, sich selbst die Gesetze seines Handelns zu geben und ihnen gemäß tätig zu werden. Freiheit ist der bleibende Anspruch, sein eigener Autor und sein Subjekt zu sein trotz aller emotionalen Unruhe und irrationalen Selbstwidersprüchlichkeit. Es ist der Sieg meines Willens über die Begierden. Es ist die Überzeugung, dass das eigene Leben mehr ist als die passive Erfahrung dessen, was einer Person zustößt und wovon sie wehrlos überwältigt wird.

Weitere Themen

Das höchste Gut

FAZ Plus Artikel: Recht und Würde : Das höchste Gut

Nicht das Leben als solches will unsere politische Gemeinschaft um jeden Preis schützen, sondern das Leben in Würde. Daraus ergibt sich das Recht, in einer Gesellschaft zu leben, die anders aussieht als die von Nordkorea. Gastbeitrag eines Frankfurter Rechtsphilosophen.

Aktienkurse stürzen weiter ab Video-Seite öffnen

Wall Street : Aktienkurse stürzen weiter ab

An der New Yorker Börse sind die Aktienkurse weiter abgestürzt. Der Dow Jones schloss 4,4 Prozent tiefer auf 20.943 Punkte. Damit setzt sich Talfahrt der vergangenen Wochen fort.

Topmeldungen

Wer mit seinem Vermieter redet, hat immerhin eine Chance, dass der die Miete von sich aus reduziert.

Corona-Krise : Von wegen keine Miete zahlen!

Viele Menschen in Deutschland glauben, sie müssten wegen des jüngst beschlossenen Corona-Hilfen-Gesetzes ihre Miete nicht zahlen. Das ist ein Fehler – und kann sehr teuer werden!

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.