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Putins Rache? : Russland stoppt Türkei-Reisen

Daumen hoch? Bild: dpa

Mit dem starken Anstieg der Corona-Infektionen in der Türkei begründet Moskau das Aussetzen der Charterflüge. Manche halten das für vorgeschoben.

          3 Min.

          Die Freude über den ersten ankommenden internationalen Direktflug des Jahres war groß in Bodrum. Die Flughafenfeuerwehr des Ferienortes im Südwesten der Türkei ließ Wasserfontänen in die Höhe steigen, Flughafenchef Iclal Kayaoglu hatte für die 210 aus Moskau kommenden Touristen eine Willkommenszeremonie organisiert: „Wir freuen uns, russische Touristen hier zu sehen. Wir hoffen, dass in diesem Jahr mehr russische Touristen kommen.“

          Andreas Mihm
          (ami.), Wirtschaft

          Das war am Sonntag. Einen Tag später strich die russische Regierung alle Charterflüge aus Russland in die Türkei, und zwar bis zum 1. Juni – ein neuer Nackenschlag für den stark von Russland abhängigen Tourismussektor der Türkei.

          Die stellvertretenden Ministerpräsidentin Tatjana Golikowa machte für das Verbot Montagabend im russischen Fernsehen die wachsende Zahl von Corona-Infektionen in der Türkei verantwortlich. Tatsächlich hatte deren Zahl in den vergangenen Wochen immer neue Rekordniveaus markiert. Zuletzt waren es 55.000 am Tag, die Zahl Infizierter kletterte auf eine halbe Million.

          „Dritten Gipfel“ verhindern

          Die Zahlen sind so hoch, dass neue Ausgangsbeschränkungen erwartet werden – neben jenen, die aus Vorsicht wegen des soeben beginnen Fastenmonats Ramadan schon in Kraft gesetzt worden waren, wie die Schließung der Restaurants. Es gelte den „dritten Gipfel“ der Pandemie wirkungsvoll zu bekämpfen, sagte Gesundheitsminister Fahrettin Koca.

          Und doch könnte „Corona“ als Grund für das Moskauer Charterflugverbot nur vorgeschoben sein. „Das ist eine Bestrafung für Erdogans Unterstützung der Ukraine im Konflikt mit Russland und dafür, dass die Drohnen liefern. Hat nichts mit Covid zu tun, bin sicher“, twitterte beispielsweise der vielbeachtete Türkei- und Osteuropaanalyst Timothy Ash.

          Erst am Samstag hatte der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan seinen ukrainischen Kollegen Wolodymyr Selenskyj in Istanbul empfangen und Unterstützung zugesichert – auch militärische. Schon vor dem Treffen gab es in Russland aber auch Medienberichte, wonach der Flugverkehr zwischen beiden Ländern ausgesetzt oder beschränkt werden könnte. Golikowa zufolge werden sämtliche Rückflüge nach Russland möglich.

          2,2 Millionen Einreisen aus Russland sogar 2020

          Die Unterstützung Erdogans für die Ukraine kann Russlands Präsident Wladimir Putin nicht gefallen, weshalb das Flugverbot zumindest den Beigeschmack von Sanktion hat. Es wäre nicht zum ersten Mal. Nach dem Abschuss eines russischen Militärjets durch die Türkei im November 2015 und der folgenden politischen Eiszeit hatte Russland alle Charterflüge in das südliche Nachbarland bis Mitte 2016 gestoppt. Die türkische Reisebranche hatte das tief getroffen, aber natürlich auch russische Touristen, die die Türkei mit ihren Stränden an Ägäis und Mittelmeer als Urlaubsland schätzen.

          Selbst im Corona-Jahr 2020 zählten die türkischen Behörden noch 2,2 Millionen Einreisen aus Russland. Das war zwar nur noch ein Drittel der Vorjahreszahl, aber es waren immer noch doppelt so viele Gäste wie jene 1,1 Millionen, die aus Deutschland kamen – knapp war nur ein Viertel des Vorjahreswertes.

          Die Zahlen des türkischen Tourismusministeriums zeigen auch für Januar und Februar dieses Jahres die überragende Bedeutung der russischen Gäste. Mit 176.000 Übernachtungen standen sie weit an der Spitze. Es waren doppelt so viele wie je aus Iran und Irak, aus Deutschland reisten zu Jahresbeginn nur 60.000 Leute ein.

          Die Bundesregierung hat die Türkei als Hochinzidenzgebiet eingestuft, weil landesweit die Zahl der Neuinfektionen 200 pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tage übersteigt. Von touristischen Reisen wird abgeraten. Bei Rückkehr sind eine elektronische Registrierung, ein negatives Covid-Testergebnis und Heimquarantäne vorgeschrieben.

          Dabei hat man in der Türkei viel getan, um ausländischen Gästen eine möglichst sichere Reise zu garantieren. Hotels konnten sich staatlicherseits ihre Hygienemaßnahmen zertifizieren lassen, seit Kurzen werden deren Beschäftige im staatlichen Impfprogramm vorgezogen. Denn der Tourismus ist wichtig für die türkische Wirtschaft und den Arbeitsmarkt. In normalen Zeiten trägt die Reisebranche etwa 12 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei, sie ist ein wichtiger Devisenbeschaffer für das chronisch von ausländischen Geldzuflüssen abhängige Land.

          Weil die deutschen Gäste bisher weitgehend ausfallen, hatte man sich in der Türkei auf Urlauber aus Großbritannien, wo erste Lockerungsschritte erprobt werden, gehofft. In Bodrum hatten sie auf eine Vervierfachung der russischen Touristen gehofft, wie türkische Nachrichtenagentur Anadolu berichtet. Allein im April sollten 60 Direktflügen aus Russland kommen, bis August 5000 Flüge aus 38 Ländern. Die Zahlen müssen nun nach unten korrigiert werden.

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