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Zum Tode Anshu Jains : Ein Treiber und Getriebener

Anshu Jain war eine so leidenschaftliche wie umstrittene Führungsfigur. Bild: Frank Röth

Als Co-Vorstandsvorsitzender verkörperte Anshu Jain über viele Jahre das Investmentbanking einer Deutschen Bank, die mit den amerikanischen Riesen der Branche wetteifern wollte. Nun ist er mit 59 Jahren gestorben.

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          Die jüngere Geschichte der Deutschen Bank lässt sich nicht ohne eine Analyse des Wirkens Anshu Jains schreiben. Jain verkörperte über viele Jahre das Investmentbanking einer Deutschen Bank, die ausgezogen war, mit den amerikanischen Riesen des Gewerbes zu wetteifern. In Amerika hatte seine Karriere auch begonnen. Gleichzeitig bewahrte sich Jain, der aus Indien stammte, neben seiner britischen Staatsangehörigkeit auch einen sehr britisch wirkenden Auftritt, der weit über die Begeisterung für Sportarten wie Cricket und Polo hinausreichte.

          Gerald Braunberger
          Herausgeber.

          Der junge Jain hatte das Glück, bei Merrill Lynch in New York mit dem amerikanischen Investmentbanker Edson Mitchell einen Mentor zu finden, der mit Jain später zur Deutschen Bank nach London wechselte, wo die beiden Männer halfen, die großen Ambitionen der Bank im Investmentbanking in die Tat umzusetzen. Jain trieb vor allem die Expansion der Bank im Anleihe- und Zinsgeschäft voran, das sich in den ersten Jahren nach der Jahrtausendwende zu einer Geldmaschine entwickelte und den Vorstand in Frankfurt in seiner Wahrnehmung bestärkte, sich auf dem richtigen Weg zu befinden. Im Jahre 2009 wurde Jain in den Konzernvorstand berufen; ein Jahr später übernahm er die Verantwortung für das gesamte Investmentbanking.

          Spätestens in diesen Jahren führte der Weg der Deutschen Bank in die falsche Richtung. Nach der Finanzkrise reduzierten andere große europäische Banken wie die schweizerische UBS ihre Präsenz im Investmentbanking, aber die Deutsche Bank blieb auf ihrem Kurs, weil Jain mit den Gewinnen seiner Sparte im Rücken längst viel zu stark geworden war. Nachdem ein Versuch gescheitert war, den früheren Bundesbankpräsidenten Axel Weber als Nachfolger für den scheidenden Vorstandsvorsitzenden Josef Ackermann zu etablieren, installierte der Aufsichtsrat mit Jain und dem erfahrenen deutschen Manager Jürgen Fitschen eine Doppelspitze im Vorstand.

          Nachlassender Glanz des Investmentbankings und Skandale aller Art

          Die Wahrnehmung in- wie außerhalb der Bank war damals, dass Fitschen die Kontakte zu Politik und Unternehmen in Deutschland bewahren und ansonsten Jains Versuche ausbremsen sollte, die Bank noch stärker auf das globale Investmentbanking auszurichten. Währenddessen begann Weber als neuer Verwaltungsratsvorsitzender der UBS, die Großbank aus Zürich vom Kopf auf die Füße zu stellen.

          Für die Deutsche Bank begann eine schwierige Zeit. Ackermann hatte eigentlich früher gehen wollen und war ebenso wie der damalige Aufsichtsratsvorsitzende Clemens Börsig am Ende zu lange geblieben. Jain und Fitschen schauten wie in alten Zeiten auch dann noch vor allem auf Ertragspotentiale, als die Bank längst über die Kostenseite hätte geführt werden müssen. Mit dem nachlassenden Glanz des Investmentbankings begannen zudem Skandale aller Art in dieser Sparte öffentlich zu werden, mit denen sich die Bank jahrelang herumschlagen musste. Ihre Aufarbeitung kostete nicht nur viel Geld, sondern auch viel Reputation.

          Jain trug eine Mitverantwortung

          Als Jain und Fitschen im Frühjahr 2015 mit einem halbherzigen Versuch begannen, die Kosten in den Griff zu bekommen, war es viel zu spät. Spätestens auf der damaligen Hauptversammlung in der Frankfurter Festhalle wurde das Scheitern des Führungsduos deutlich, das kurze Zeit später zurücktrat. Jain verließ die Bank, während sich Fitschen für eine Übergangszeit an der Seite des neuen Co-Vorstandsvorsitzenden John Cryan noch einmal zur Verfügung stellte.

          Jain trug eine Mitverantwortung für das Wohl wie für das Wehe der Deutschen Bank in jener Zeit. Aber es wäre falsch, ihn als Alleinschuldigen für alle Übel zu bezeichnen. Er war der prominente Exponent einer in Frankfurt entwickelten Strategie. Er war Treiber ebenso wie Getriebener und wenn Frankfurt im Laufe der Zeit die Kontrolle über wichtige Teile der Bank verlor, so liegt die Ursache nicht zuletzt in Entscheidungen begründet, die am Main getroffen wurden. Und solange es gut ging, waren die von Jains Leuten verdienten Milliarden auch jenen hausinternen Kritikern willkommen, die auf der Frankfurter Freßgasse über die Amerikanisierung der Deutschen Bank schimpften.

          Erwartungen in der Szene, Jain werde rasch an die Spitze eines anderen großen Finanzhauses zurückkehren, erfüllten sich nicht. Im Jahre 2017 übernahm er eine Funktion in dem mittelgroßen amerikanischen Haus Cantor Fitzgerald und engagierte sich für Naturschutzprojekte. Schon damals war von einer schweren Erkrankung zu hören. Am Samstag ist Anshu Jain im Alter von nur 59 Jahren verstorben.

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