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Ansgar Gabrielsen : Der Vater der Frauenquote kommt aus Norwegen

Ansgar Gabrielsen Bild: Stortinget

Nach mühsamen Verhandlungen hat sich die Koalition nun auf eine verbindliche Frauenquote für Aufsichtsräte geeinigt. Erfunden hat die Regelung ein Konservativer: Der frühere norwegische Wirtschaftsminister Ansgar Gabrielsen

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          So zäh waren die Verhandlungen über eine Frauenquote in Deutschland, dass selbst Befürworter inzwischen davon ermüdet sind. Mit einem Paukenschlag dagegen hat der Erfinder der Quotenregelung das Thema einst auf die gesellschaftliche Bühne gebracht: Ansgar Gabrielsen, damals Norwegens Wirtschaftsminister, hielt seine Pläne bis zum Schluss geheim - und veröffentlichte sie dann im Alleingang in der größten Tageszeitung des Landes. Das war im Februar 2002.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Seither hat Gabrielsen Politikern und Managern aus vielen Ländern erklärt, warum er es für eine gute Idee hielt, mit einem Gesetz in die Zusammensetzung der Verwaltungsräte von börsennotierten Unternehmen einzugreifen. Der Justizausschuss des Bundestags etwa hat ihn einmal zu einer Anhörung nach Berlin eingeladen, die Telekom zu einem Seminar. Gabrielsen, der vor seiner Wahl ins norwegische Parlament und seiner Berufung auf den Ministerposten Bürgermeister seiner Heimatstadt Lindesnes an Norwegens Südküste war, arbeitet inzwischen für eine Kommunikationsagentur in Oslo. Und die Geschichte, wie er in der Frage der Quotenregelung seine eigene Partei und das Gros der norwegischen Unternehmen vorgeführt hat, erzählt er auch mit inzwischen 58 Jahren immer noch gerne.

          Bild: dpa-infografik

          Schon dass es ein Mann war, der die Quote in Norwegen durchgeboxt hat, macht seinen Zuhörern Eindruck. Noch größer ist oft die Überraschung darüber, dass er nicht etwa Sozialdemokrat, sondern Mitglied der konservativen Partei ist. „Ich bin alles andere als ein Feminist“, sagt Gabrielsen selbst über sein Weltbild. Auch die Suche nach tiefenpsychologischen Ursachen für seinen größten politischen Coup verlaufe im Sande, fügt er hinzu - die Studenten, die ihn für ihre Abschlussarbeiten über das Thema nach der Rolle seiner Mutter und seiner beiden Schwestern gefragt hätten, seien ohne besondere Erkenntnisse wieder an ihre Hochschulen zurückgekehrt.

          Verstehen, was es bedeutet, in der Minderheit zu sein

          Gabrielsen, der nach einer Ausbildung zum Versicherungskaufmann zuerst im Unternehmen seines Vaters mitgearbeitet und dann zu einer der größten Assekuranzen des Landes gewechselt ist, freut sich unverhohlen darüber, ein Erklärungsmodell nach dem anderen zum Einstürzen zu bringen. „Mir ging es noch nicht einmal um Gerechtigkeit“, behauptet er sogar. Vielmehr sei allein das ökonomische Argument für ihn entscheidend gewesen, dass ein möglichst ausgeglichen besetztes Gremium die besten Entscheidungen treffe. In der Theorie hätten ihm auch viele Manager zugestimmt, in der Praxis aber habe der Anteil der Frauen in den Verwaltungsräten jahrelang unverändert bei 6 Prozent gelegen - und die Entscheidungen seien auf Jagdausflügen und Segeltörns unter Männern getroffen worden. „Da musste ich ein bisschen nachhelfen.“

          Nicht mehr als 60 Prozent, so lautet die Daumenregel für das von Gabrielsen initiierte und nach hitzigen Debatten im Parlament verabschiedete Gesetz, dürfen in den Räten demselben Geschlecht angehören - es handelt sich formal nicht um eine Frauen-, sondern um eine Geschlechterquote, die in beide Richtungen wirkt. Fünf Jahre hatten die rund 600 davon betroffenen Unternehmen für die Umsetzung Zeit, es ist allen gelungen. „30 Prozent in drei Jahren, noch dazu von einer viel höheren Basis, müssten also zu schaffen sein“, kommentiert Gabrielsen nun das Vorhaben der künftigen deutschen Regierung.

          Sollte sie dennoch auf allzu großen Widerstand stoßen, hat er noch einen Überzeugungstrick auf Lager: Er lud damals zu einer Veranstaltung in sein Ministerium 94 Frauen und sechs Männer aus der norwegischen Wirtschaft ein und stellte das durchschnittliche Verhältnis in den Verwaltungsräten damit auf den Kopf. „Da haben die Männer verstanden, was es bedeutet, in der Minderheit zu sein.“

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