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Verbot für Diesel-Autos : Wird Paris zur Fußgängerzone?

Mit Autos gleich wie ohne: Paris mit den Augen Astronauten Alexander Gerst Bild: ESA/NASA

Bürgermeisterin Hidalgo strebt ein Totalverbot für Diesel-Autos an – denn gute Luft ist in Paris knapp. Im Diesel-Land Frankreich ist das dennoch ein gewagter Vorstoß.

          Es war ein Freitag, der 13., im Dezember vor einem Jahr, als Paris Atemnot bekam. Eine dicke Dunstglocke hing über der Stadt, und die Behörden riefen Menschen mit schwachen Atemwegen dazu auf, zuhause zu bleiben. Autos sollten Paris umfahren, Kaminfeuer sollten unterbleiben. Ansonsten aber herrschte eher normaler Alltag. Warnungen gab es schon seit Jahren,  Fahrverbote gab es immer wieder.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Richtig schockiert hat die Pariser erst eine Meldung ein knappes Jahr später: Die Luftbelastung entsprach an diesem Tag der eines zwanzig Quadratmeter großen Zimmers, in dem acht Raucher an ihren Glimmstengeln ziehen – das Dreißigfache der Normalwerte.

          Das hatten Feinstaub-Messungen ergeben, die das staatliche Forschungsinstitut CNRS und der Klimaschützer-Verein Airpairf erstmals von einem Ballon aus durchführten. So kann es nicht weitergehen, findet daher die sozialistische Bürgermeisterin von Paris, Anne Hidalgo. In der Sonntagszeitung „Journal du Dimanche“ hat sie einen radikalen Plan angekündigt: Von 2020 an sollen in der französischen Hauptstadt keine Diesel-Autos mehr fahren.

          Nur noch Radler und Elektroautos

          Selbst über die Stadtgrenze der Pariser Ringautobahn (“Périphérique“) hinaus solle das Verbot „nach Möglichkeit“ gelten. Lediglich einige wenige Ausnahmen für ärmere Bürger, die ihre Diesel-Fahrzeuge am Wochenende benutzen, könnte man sich vorstellen, sagte Hidalgo.

          Ihr Traum von der Seine-Metropole enthält fast nur noch radelnde Pariser oder solche mit Elektroautos. Und wer sich noch in einer vierrädrigen Kiste fortbewege, dürfe höchstens 30 Stundenkilometer fahren. „50 zu fahren auf den großen Achsen wird die Ausnahme sein“, kündigt Hidalgo an.

          Die vier Arrondissements im Herzen der Stadt (das erste bis vierte) sollen schrittweise zu einer großen Fußgängerzone werden. Nur Busse, Taxis und die Autos der Anwohner  oder der Lieferanten seien erlaubt. „60 Prozent der Pariser haben heute schon kein Auto mehr. 2001 war es noch 40 Prozent. Das geht schnell“, fügte sie hinzu.

          Diesel hat in Frankreich Tradition

          Paris ohne Diesel-Fahrzeuge – das ist ein bemerkenswerter Plan in einem Land, das seit Jahrzehnten Diesel-Autos steuerlich fördert. Diesel macht 82 Prozent am gesamten Treibstoffverbrauch für den französischen Straßenverkehr aus. Fast zwei Drittel aller Personenwagen sind Dieselautos. 

          Die beiden französischen Autohersteller Peugeot-Citroën und Renault leben auf dem französischen Markt stark vom Verkauf der Diesel-Wagen, und sie können zu Recht darauf verweisen, dass der Schadstoffausstoß der jüngeren Modelle stark gesunken ist.

          Dennoch verlieren die Diesel-Fahrzeuge Marktanteile. Seit 2008 ging ihr Anteil an den Neuregistrierungen von 77 auf 64 Prozent zurück. Das Argument des geringeren Spritverbrauchs zieht heute weniger, seit die kleinen Benziner immer sparsamer werden. Außerdem sind etliche Diesel wegen ökologischer Nachrüstungen teurer geworden.

          Die Diesel-Förderung in Frankreich hat eine lange Tradition. Nach dem Krieg ging es darum, die Bauern und die Transporteure zu unterstützen. Der Ausbau der Atomkraft und damit die Verbreitung von Stromheizungen führten zum nächsten Schritt: Um die Raffinerien weiter auszulasten, entschieden sich wechselnde Regierungen für die Unterstützung von Diesel als Fahrzeug-Treibstoff.

          Auch Touristenbusse betroffen

          Ob die Pariser Bürgermeisterin ihren Plan durchbekommt, ist noch höchst ungewiss. Am 9. Februar will sie ihn erstmals im Stadtrat diskutieren. Immerhin hat auch Premierminister Manuel Valls angekündigt, die steuerlichen Anreize für die Ausmusterung alter Dieselfahrzeuge zu erhöhen. Dennoch hagelte es Proteste, weil besonders sozial Schwache in Frankreich auf  Diesel setzen.

          „Was soll der Barmann machen, der in der Vorstadt wohnt und nachts in Paris arbeitet? Soll er etwa mit dem Fahrrad zurückfahren?“, erboste sich der Präsident des Verbandes „40 Millionen Autofahrer“, Daniel Quéro. Er erinnerte auch daran, dass in der Pariser Metro unlängst eine viermal höhere Feinstaubbelastung als auf den Straßen gemessen wurde.

          Die wichtigste Pariser Oppositionspartei, die UMP, erinnerte daran, dass 40 Prozent der Stadtbusse und anderer städtischer Fahrzeuge noch mit Diesel fuhren. Hidalgo versprach, auch dies zu ändern. Zudem will sie die schmutzigsten Touristenbusse künftig von der Hauptstadt fernhalten.

          Die Bürgermeisterin ist nicht die einzige, die gegen die Luftverschmutzung vorgeht. Die für den ganzen Großraum Paris zuständigen Behörden haben vom 1. Januar an offene Kaminfeuer schlicht und einfach verboten. 125.000 Haushalte in 435 Kommunen sind davon schätzungsweise betroffen.

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