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Anleihepläne der EZB : In der Krise

In Draghis Heimatland Italien war es über Jahrzehnte üblich, dass die Zentralbank als Hilfstruppe der klammen Finanzminister agierte. Nun nimmt der EZB-Präsident eine Wiederholung der Geschichte in Kauf. Langfristig wird sich das bitter rächen.

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          Nicht erst jetzt hat die Europäische Zentralbank ihr Mandat extrem weit gedehnt. Durch den Kauf riskanter Staatsanleihen, die Anleger meiden, ist sie mit bislang 211 Milliarden Euro längst zum indirekten Staatenfinanzierer geworden, auch wenn EZB-Präsident Draghi das bestreitet. In der vergangenen Woche hat Draghi mit einer Rede in London die Märkte in fiebrige Erwartung versetzt. Die Finanzwelt hoffte auf einen baldigen Schuss aus einer Wunderwaffe, möglichst mit hunderten Milliarden Euro geladen. Stattdessen gab es am Donnerstag erst einmal eine kalte Dusche, weil die Zentralbank ihre Hilfe an Bedingungen knüpft. Hilfsbedürftige Staaten müssen erst Reformen vorweisen und einen Antrag beim Rettungsschirm EFSF/ESM stellen, bevor die Zentralbank Anleihen kauft.

          Feuer aus der Geldkanone

          Auch wenn die Intervention noch etwas auf sich warten lässt, sie wird kommen. Unter Notenbankern gilt es als sehr wahrscheinlich, dass die EZB spätestens nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts über den ESM Mitte September die Zügel schießen lässt: Der Krisenfonds kauft direkt Anleihen, die Zentralbank feuert aus der Geldkanone. Mit aller Macht sollen die Zinsen für Spanien und Italien gedrückt werden. Dafür wird die EZB gewaltige Summen in den Markt schieben und die elektronische Notenpresse anwerfen. Was für Bundesbanker und inflationssensible Deutsche ein Schreckensszenario ist, findet an der Spitze der Zentralbank immer mehr Anhänger. Die Bundesbank hat nur eine von 23 Stimmen im Rat der EZB. Dort gibt es eine strukturelle Mehrheit der Südländer, die unter hohen Schulden ächzen. Künstlich gedrückte Zinsen und etwas mehr Inflation mildern ihre Lasten.

          Preisstabilität, das eigentliche Mandat der EZB, rückt in der Krise in den Hintergrund. Bislang hat die Zentralbank die Inflationsbekämpfung ernstgenommen. Nun wachsen mittel- und langfristig die Gefahren. Je mehr fragwürdige Staatsanleihen sie in ihre Bücher nimmt, desto höher können die Verluste sein. Viel schlimmer ist der potentielle Reputationsschaden: Die Zentralbank wird zur Hilfstruppe der klammen Finanzminister. In Draghis Heimatland Italien war das über Jahrzehnte so üblich, die Folge war chronische Inflation. Nun nimmt er eine Wiederholung der Geschichte in Kauf. Kurzfristig schafft das in der Schuldenkrise Erleichterung, langfristig wird es sich bitter rächen.

          Philip Plickert
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

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