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Anlagenbau / Industriegase : Linde plant Umzug nach München

  • Aktualisiert am

Linde geht weg aus Wiesbaden Bild: dpa

Es bleibt nichts mehr, wie es gewesen ist, sagt Vorstandschef Reizle über seinen Linde-Konzern. Zumindest bleibt er nicht, wo er gewesen ist: Der Industriegasehersteller und Anlagenbauer verläßt die hessische Hauptstadt und zieht an die Isar.

          Der Industriegasehersteller und Anlagenbauer Linde AG wird seinen Firmensitz nach dem Zusammenschluß mit der britischen BOC von Wiesbaden nach München verlegen.

          Nach Informationen dieser Zeitung könnte dafür im Gegenzug die ausgegliederte Fördertechnik mit Gabelstapler (Material Handling), die an Finanzinvestoren verkauft oder an die Börse gebracht werden soll, in der hessischen Landeshauptstadt angesiedelt werden.

          Trostpflaster für Wiesbaden

          Linde-Vorstandschef Wolfgang Reitzle wollte dies in einem Gespräch mit dieser Zeitung allerdings nicht bestätigen und blieb vage: „Die neue Firmenzentrale ist kompakt und schlank und wird einen Standort in Deutschland sowie in England haben“, sagte er. Bestimmte Zentralfunktionen würden in England angesiedelt.

          Da sich die neue Linde auf das Geschäft mit Industriegasen und dem Anlagenbau konzentriert, das im Münchener Vorort Höllriegelskreuth angesiedelt ist, liegt die Sitzverlegung nahe. Die Ansiedlung der Fördertechnik in Wiesbaden dürfte indes als Trostpflaster verstanden werden - und liegt auch nahe, da sie als neue Holding die drei Marken Linde, Still und OM zusammenfaßt, die sich mit Aschaffenburg, Hamburg und Mailand an verschiedenen Standorten befinden.

          Konzern will sich neue Identität geben

          Reitzle läßt keinen Zweifel daran, daß die neue Linde-BOC-Gruppe vor umwälzenden Veränderungen steht: „Es bleibt nichts mehr, wie es gewesen ist“, sagte er. Der Dax-Konzern wird am nächsten Mittwoch die Details über die Konzernstruktur mit einer neuen Identität sowie über die Zusammensetzung im Vorstand und der obersten Führungsebenen bekannt geben.

          Für Reitzle ist das der „Tag eins“. Am Dienstag wird formal die Übernahme des einstigen britischen Konkurrenten vollzogen sein, nachdem die Kartellbehörden und auch die BOC-Aktionäre in den vergangenen Wochen der Übernahme zugestimmt hatten.

          Spektakuläre Übernahme

          Nach anfänglichen heftigen Widerständen seitens des BOC-Managements hatte Linde den Erwerb zum Preis von 11,7 Milliarden Euro im März bekanntgegeben - eine der spektakulärsten Übernahmen eines deutschen Unternehmens im Ausland in der jüngsten Zeit. Die neue Gruppe wird mit einem Umsatz von 12 Milliarden Euro der größte Hersteller von Industriegasen und verdrängt den bisherigen Marktführer - die französische Air Liquide mit 10,4 Milliarden Euro Umsatz - auf den zweiten Platz.

          Seit Wochen arbeiten 29 Integrationsteams an den Plänen zur Zusammenführung. „Jede grenzüberschreitende Fusion ist eine Riesenherausforderung, weil zwei unterschiedliche Kulturen auf einander treffen“, sagte Reitzle. „Wir müssen die Integration intelligent, schnell und geschmeidig über die Bühne bringen; jetzt erst beginnt die richtige Arbeit, auch wenn das bisher schon geleistete nicht trivial war.“ Der Fahrplan steht: „Formal ist die Integration bis Jahresende abgeschlossen,“ sagte er. „Kulturell aber wird das erst in zwei bis drei Jahren geschafft sein.“

          „Globales Unternehmen mit deutschen Wurzeln“

          Der Linde-Chef betrachtet das Vorgehen als eine Fusion unter gleichen, obwohl es sich de facto um eine Übernahme handelt. „Linde bleibt eine Aktiengesellschaft mit Sitz in Deutschland“, versicherte Reitzle und trat damit immer wieder hoch gekommenen Spekulationen über eine Abwanderung nach Großbritannien entgegen.

          Der Konzern wird sich im operativen Geschäft mit einem neuen Auftritt präsentieren, in dem sich beide „alten“ Unternehmen wiederfinden werden. „Linde ist nun ein globales Unternehmen, aber mit deutschen Wurzeln“, sagte Reitzle. Rücksicht und Diplomatie drücken sich auch in der Besetzung wichtiger Positionen aus: Denn offenbar nimmt er mehr Briten in Topfunktionen, als mancher erwartet haben mag.

          Zukunft von Material Handling weiter ungewiß

          Offen ließ Reitzle die Zukunft von Material Handling, das mit neuem Namen rechtlich verselbständigt aus dem Linde-Verbund ausgegliedert worden ist. Nur soviel: „Meine Prognose ist, daß es direkt über uns oder indirekt über Finanzinvestoren an die Börse gehen wird“, sagte er. „Es wäre schön, wenn Material Handling ein M-Dax-Wert würde.“

          Der Linde-Chef kündigte an, daß in den nächsten Wochen eine Entscheidung darüber getroffen werden muß, ob die Sparte mit 3,4 Milliarden Umsatz erst an Finanzinvestoren verkauft oder direkt an die Börse gebracht werden soll. Das hänge nicht zuletzt vom Börsenumfeld ab. Im Interesse der Aktionäre müßten alle Optionen geprüft werden. Ein Börsengang käme nur in Frage, wenn die Wertdifferenz zu einem Verkauf an Beteiligungsgesellschaften nicht zu groß sei.

          Beteiligungsgesellschaften stehen angeblich Schlange

          In Finanzkreisen wird vermutet, daß ein Verkauf mehr als 3 Milliarden Euro einbringen könnte. Zeit für die Abgabe hat Reitzle bis zum 31. Dezember 2007, wenn die Brückenfinanzierung über Bankkredite auslaufe. „In diesem Zeitraum muß alles abgewickelt sein.“ Gegenüber Analysten soll der Vorstandschef aber angedeutet haben, daß auch eine andere Jahreszahl vor dem 31. Dezember stehen könnte.

          Damit könnte die Sparte bereits bis Ende dieses Jahres unter ein neues Dach kommen, was einen Börsengang angesichts der üblichen Herbstflaute an den Aktienmärkten unwahrscheinlicher macht - zumal Beteiligungsgesellschaften etwa aus den Vereinigten Staaten als Kaufinteressenten Schlange stehen sollen.

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