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Kampagnenindustrie : Deutsche Angsthasen

  • -Aktualisiert am

Feldhasen, die Pflanzen zum Fressen gern haben, finden in der Glyphosat-Debatte wenig Gehör. Bild: dpa

Glyphosat, Freihandel, Atomkraftwerk: Wir Deutschen fremdeln mit so manchen Dingen. Das beflügelt eine ganze politische Kampagnenindustrie. Trotz der Risikoscheu geht es uns ziemlich gut. Oder deswegen?

          6 Min.

          Glyphosat – ja, was bedeutet das schon für uns, für unseren Wohlstand, was ginge schon verloren, wenn diese seltsame Chemikalie nicht mehr unter uns und in uns wäre? Im Großen und Ganzen nicht viel, und es gäbe sogar ein Risiko weniger. Das von Landwirten am meisten verwendete Herbizid, dessen Zukunft in Europa nach der deutschen Stimmenthaltung in Brüssel auf der Kippe steht, würde durch andere ersetzt werden. Die Bauern würden wieder pflügen, so wie früher, mit allen ökologischen Vor- und Nachteilen. Und es gäbe dann sicher auch wieder eine andere Chemikalie, die die Schlagzeilen füllte und uns sorgte.

          Trotzdem ist es wichtig, die Geschichte zu erzählen, die zum Verbot führen könnte. Denn ähnliche Geschichten ließen sich – auch wenn jeder Fall sehr eigen ist– über die Atomkraft erzählen, über das Handelsabkommen TTIP, über Fracking, über genveränderte Pflanzen, bald über die Braunkohle. Es ist die Geschichte politischer Kampagnen – die auch wegen der Risikoängste so wunderbar gedeihen.

          „Die Angsthasen bedrohen die ökonomische Zukunft Deutschlands“, sagte kürzlich ein Unternehmer aus dem Biotech-Sektor, Holger Zinke, Gründer der Brain AG in Darmstadt. Wie einfach es ist, Angst zu schüren, zeigte das Beispiel der Anti-Glyphosat-Kampagne. Hier ließ sich beobachten, wie einerseits berechtigte und nachvollziehbare Kritik (beschleunigt die Industrialisierung der Landwirtschaft, trägt zum Artensterben bei, zu leichtfertiger Einsatz kurz vor der Ernte zur Reifebeschleunigung) mit völlig einseitiger und geradezu antiwissenschaftlicher Polemik (Krebsgefahr) verknüpft war.

          Fernsehen als Vermittler von Politik ungeeignet

          Es war ein anschauliches Beispiel dafür, wie Wahrheiten verlorengehen in den Mühlen der Mediendemokratie, in der Komplexität kaum mehr zu vermitteln ist: Das Fernsehen als Leitmedium sei als Vermittler von Politik ungeeignet, so die These des Politologen Thomas Patterson. Denn die Politik müsse sich Komplexität stellen, Wertungswidersprüchen, Zielkonflikten, statt Konflikte zu schüren, um viele Sendeminuten zu erhalten.

          Vor drei Jahren war Glyphosat, eines von 1430 zugelassenen chemischen Pestiziden in Deutschland, gemeinhin unbekannt. Heute haben dazu alle eine Meinung; die große Mehrheit der Deutschen ist für ein Verbot. So schnell geht es. In dieser Woche war das Thema auf den Titelseiten, als ein Gremium der Weltgesundheitsorganisation urteilte, Rückstände des Pflanzengiftes seien für Menschen wahrscheinlich nicht krebserregend. Die politischen Positionen standen aber schon fest, und so scherte die Entwarnung die Gegner nicht. Umweltverbände, Politiker der Grünen und der SPD sagten, das sei nicht überraschend, einige der Gutachter hätten einmal Arbeiten für die Industrie gemacht. Oder: es sei ja nur ein Gutachten und „keine richtige Studie“ (die Grüne Renate Künast). Solange es Unsicherheiten gebe, müsse man es verbieten („Vorsorgeprinzip“ – SPD). Die sozialdemokratische Agrarpolitikerin Ute Vogt: „Diese wissenschaftlichen Verunsicherungs-Debatten werden bei der SPD natürlich nicht zu einem Umdenken führen.“ Das ist politischer Wille.

          Glaubwürdige Organisationen

          Für eine erfolgreiche Kampagne braucht man nur glaubwürdige Organisationen, und Umweltorganisationen gelten den Deutschen als am glaubwürdigsten, wie eine Studie des Instituts „Rheingold“ im vergangenen Jahr zeigte. Man braucht ein paar hundert Pressemeldungen, fünfmal Urin-Stichproben von je mindestens zehn Menschen, das Wort „Gift“ und eine ausgeprägte Freund-Feind-Schematik: profitsüchtige Industrie gegen gute Natur. Je länger und größer das Thema in den Medien vorkommt, desto wichtiger und gefährlicher erscheint die Ursache.

          Dabei sind die üblichen Glyphosatrückstände nach der Einschätzung der meisten wissenschaftlichen Institutionen wahrscheinlich harmlos – mit Blick auf das Krebsrisiko, und das war das entscheidende Argument in der öffentlichen Debatte, das die Aufmerksamkeits- und Angst-Spirale antrieb.

          Geschichte der Glyphosat-Kampagne

          Die Geschichte der Glyphosat-Kampagne begann vor drei Jahren. Das enge Netzwerk aus Grünen und Umweltverbänden wie dem BUND, Nabu oder der Deutschen Umwelthilfe begann, die Medien regelmäßig mit Studien zu versorgen beziehungsweise: mit Stichprobenerhebungen von Glyphosatfunden im Urin. Vielen Journalisten fällt es auf die Schnelle, gerade in den auf Geschwindigkeit und Klicks konzentrierten Online-Medien, auch im Radio und Fernsehen, schwer, den Kontext zu erklären: dass die Konzentrationen im Urin winzig waren.

          Erfolgreiche Kampagnen brauchen Glaubwürdigkeit. Ein sicherer Weg sind Aussagen von Umweltorganisationen wie beispielsweise der Deutschen Umwelthilfe.
          Erfolgreiche Kampagnen brauchen Glaubwürdigkeit. Ein sicherer Weg sind Aussagen von Umweltorganisationen wie beispielsweise der Deutschen Umwelthilfe. : Bild: Getty

          Dass man heute alle möglichen Produkte der industriellen Zivilisation in unseren Körpern finden kann: Erdölreste, Feinstaub, Hormonrückstände, Pestizide. Um einzuschätzen, wie riskant diese Dinge sind, gibt es deswegen staatliche Institute zur Risikobewertung. Das deutsche, das BfR, wurde von den Grünen selbst gegründet vor etwa 15 Jahren infolge der BSE-Krise. Weil es nicht von seinem Standpunkt wegrücken wollte, Glyphosat sei in üblichen Mengen harmlos, wurde die Institution immer wieder von Grünen wie Harald Ebner angegriffen. Dabei sind auch das europäische Institut sowie die Risikobewerter anderer Staaten zu derselben Auffassung gekommen.

          Das Narrativ der Grünen-Politiker Anton Hofreiter oder Harald Ebner lautete stets: Wer für Glyphosat sei, der mache damit Lobbypolitik für Monsanto und die „Agrochemie“. Derartige Polarisierung („Atomlobby“, „Genmais“) verfängt im Fernsehen. Viele Journalisten halten die Grünen deswegen sogar für wahrhaftiger und glaubwürdiger als alle anderen Parteien. Das zeigen die Daten des Instituts Media Tenor, das deutsche Nachrichten auswertete. Alle Parteien wurden weitaus überwiegend negativ bewertet, vor allem die FDP – nur die Grünen nicht.

          Gift im Urin, im Bier, im Brot

          Eine Schlagzeile jagte die nächste: Spuren vom Gift im Urin, im Bier, im Brot. Im Herbst 2013, als die Kampagne gerade seit einigen Monaten begonnen hatte, ging der BUND mit einem Video an den Start, das symbolisch zeigte, wie Pestizid-Flugzeuge Kinderköpfe auf dem Acker totspritzten. Nach Protesten von Bauern, die sich als Mörder dargestellt meinten, wurde es gelöscht. Doch der Fall zeigte, wie professionell solche Kampagnen gemacht sind: Die Hamburger Werbeagentur VSF&P war dafür verantwortlich, die sonst Kampagnen für Konzerne wie TUI, Ergo, für Roland Berger oder Banken entwickelt.

          Angst und Sorge: Glyphosat soll krebserregend sein.
          Angst und Sorge: Glyphosat soll krebserregend sein. : Bild: dpa

          Und auch manche Aktivisten sind Profis. Als in der vergangenen Woche vor dem Eingang in ein Konferenzgebäude Aktivisten des BUND in Berlin Agrarminister Christian Schmidt (CSU) mit Transparenten empfangen wollten, auf denen „Glyphosat“ mit einem Totenkopf anstelle des „o“ geschrieben stand, fragte sie ein Teilnehmer, ob sie für diese Arbeit immer noch so schlecht bezahlt würden wie er früher – 50 Euro am Tag. Nein, sie bekämen mittlerweile mehr, antwortete einer der Studenten etwas naiv. Der Protest ist in Teilen eingekauft.

          Das wurde im vergangenen Jahr öffentlich, als bekannt wurde, dass die Welthungerhilfe in München (unter 40.000 Bürgern) auch fünf bezahlte Schauspieler gegen den G-7-Gipfel protestieren ließ. Deren Gesichter waren totenkopfähnlich geschminkt, die Leute trugen Sensen und schwarze Kutten. Eine Zeitung berichtete, dass es Schauspieler seien und sie zusammen 3000 Euro als Gage erhalten hätten. Das Kalkül ist nachvollziehbar: Bilder solcher bunten Inszenierungen gelangen wahrscheinlicher ins Fernsehen und in die Zeitungen. Erst werden so Stimmungen angeheizt, und dann wird von der Politik gefordert, den „Bürgerwillen“ umzusetzen, der allerdings teilweise erst ein Resultat der Kampagnen ist.

          Mit dem Argument, dass es Rückstände gebe und Gesundheitsrisiken nicht letztgültig ausgeschlossen seien, ließe sich vieles verbieten: Wurst und Fleisch, Autos und Arzneimittel, Kerosin und die Pille, deren Hormone im Leitungswasser zu finden sind, und so weiter. „Es gibt eine Vielzahl von Risikoquellen, die um unsere Aufmerksamkeit konkurrieren. Letztendlich können wir nicht umhin, eine Auswahl zu treffen“, sagte der Psychologe Ralph Hertwig vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Die Medien und grüne Organisationen haben seit dem Atomausstieg eine Präferenz für Risikoängste, die Landwirtschaft betreffen. Auch das zeigte die Studie von „Rheingold“ – so ist letztlich auch die mittlerweile starke Ablehnung des Handelsabkommens TTIP in Ängsten vor Importen von Billighähnchen oder Hormonfleisch begründet.

          Fruchtbarer Boden in Deutschland?

          Fallen solche Kampagnen in Deutschland auf besonders fruchtbaren Boden? Die Geistesgeschichte, die Natur romantisch überhöht, ist spezifisch deutsch und mag erklären, dass Deutschland ziemlich allein und am konsequentesten aus der Atomkraft aussteigt oder dass es in den achtziger Jahren nur in Deutschland eine apokalyptische Angst vor dem „Waldsterben“ gab, das nie eintrat. „Diese Hysterie ist ein echter Standortnachteil“, meint Walter Krämer, Statistikprofessor in Dortmund. Andererseits lehnt eine Reihe der EU-Staaten Glyphosat ab, wofür es ja viele Gründe gibt.

          Auch in Teilen Amerikas wächst die Abneigung gegen genveränderte Pflanzen. Ein gewisser Pessimismus, eine gewisse Scheu vor dem Risiko, mag als Kehrseite auch eine Eigenschaft haben, die maßgeblich ist für den Wohlstand der Deutschen: dass sie mehr an morgen und übermorgen denken als andere, dass sie so viel Geld sparen. Dann ist mehr da, um zu investieren – so wie beim Bayer-Konzern, der jetzt ironischerweise ausgerechnet Monsanto kaufen möchte. Und wenn man aus China hört, dass dort mittels der neuen Gentechnik „Crispr/Cas“ kinderleicht und ungehemmt das Genom von Tieren und Menschen optimiert wird, mag der diffuse Pessimismus, der zur Vorsicht führt, auch Berechtigung haben.

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