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Kampagnenindustrie : Deutsche Angsthasen

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Feldhasen, die Pflanzen zum Fressen gern haben, finden in der Glyphosat-Debatte wenig Gehör. Bild: dpa

Glyphosat, Freihandel, Atomkraftwerk: Wir Deutschen fremdeln mit so manchen Dingen. Das beflügelt eine ganze politische Kampagnenindustrie. Trotz der Risikoscheu geht es uns ziemlich gut. Oder deswegen?

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          Glyphosat – ja, was bedeutet das schon für uns, für unseren Wohlstand, was ginge schon verloren, wenn diese seltsame Chemikalie nicht mehr unter uns und in uns wäre? Im Großen und Ganzen nicht viel, und es gäbe sogar ein Risiko weniger. Das von Landwirten am meisten verwendete Herbizid, dessen Zukunft in Europa nach der deutschen Stimmenthaltung in Brüssel auf der Kippe steht, würde durch andere ersetzt werden. Die Bauern würden wieder pflügen, so wie früher, mit allen ökologischen Vor- und Nachteilen. Und es gäbe dann sicher auch wieder eine andere Chemikalie, die die Schlagzeilen füllte und uns sorgte.

          Trotzdem ist es wichtig, die Geschichte zu erzählen, die zum Verbot führen könnte. Denn ähnliche Geschichten ließen sich – auch wenn jeder Fall sehr eigen ist– über die Atomkraft erzählen, über das Handelsabkommen TTIP, über Fracking, über genveränderte Pflanzen, bald über die Braunkohle. Es ist die Geschichte politischer Kampagnen – die auch wegen der Risikoängste so wunderbar gedeihen.

          „Die Angsthasen bedrohen die ökonomische Zukunft Deutschlands“, sagte kürzlich ein Unternehmer aus dem Biotech-Sektor, Holger Zinke, Gründer der Brain AG in Darmstadt. Wie einfach es ist, Angst zu schüren, zeigte das Beispiel der Anti-Glyphosat-Kampagne. Hier ließ sich beobachten, wie einerseits berechtigte und nachvollziehbare Kritik (beschleunigt die Industrialisierung der Landwirtschaft, trägt zum Artensterben bei, zu leichtfertiger Einsatz kurz vor der Ernte zur Reifebeschleunigung) mit völlig einseitiger und geradezu antiwissenschaftlicher Polemik (Krebsgefahr) verknüpft war.

          Fernsehen als Vermittler von Politik ungeeignet

          Es war ein anschauliches Beispiel dafür, wie Wahrheiten verlorengehen in den Mühlen der Mediendemokratie, in der Komplexität kaum mehr zu vermitteln ist: Das Fernsehen als Leitmedium sei als Vermittler von Politik ungeeignet, so die These des Politologen Thomas Patterson. Denn die Politik müsse sich Komplexität stellen, Wertungswidersprüchen, Zielkonflikten, statt Konflikte zu schüren, um viele Sendeminuten zu erhalten.

          Vor drei Jahren war Glyphosat, eines von 1430 zugelassenen chemischen Pestiziden in Deutschland, gemeinhin unbekannt. Heute haben dazu alle eine Meinung; die große Mehrheit der Deutschen ist für ein Verbot. So schnell geht es. In dieser Woche war das Thema auf den Titelseiten, als ein Gremium der Weltgesundheitsorganisation urteilte, Rückstände des Pflanzengiftes seien für Menschen wahrscheinlich nicht krebserregend. Die politischen Positionen standen aber schon fest, und so scherte die Entwarnung die Gegner nicht. Umweltverbände, Politiker der Grünen und der SPD sagten, das sei nicht überraschend, einige der Gutachter hätten einmal Arbeiten für die Industrie gemacht. Oder: es sei ja nur ein Gutachten und „keine richtige Studie“ (die Grüne Renate Künast). Solange es Unsicherheiten gebe, müsse man es verbieten („Vorsorgeprinzip“ – SPD). Die sozialdemokratische Agrarpolitikerin Ute Vogt: „Diese wissenschaftlichen Verunsicherungs-Debatten werden bei der SPD natürlich nicht zu einem Umdenken führen.“ Das ist politischer Wille.

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