https://www.faz.net/-gqe-82mm0

Andrea Nahles : Superministerin im Verleugnen der Realität

  • -Aktualisiert am

Die Firmen haben darauf wenig Lust - und längst reagiert. Viele verkürzen die angebotenen Praktika auf maximal drei Monate oder nehmen nur noch Pflichtpraktikanten. Auf der Internetseite des Industriekonzerns Thyssen-Krupp etwa steht: „Wir vergeben bevorzugt Pflichtpraktika im Rahmen der Studien- bzw. Praktikumsordnung Ihrer Hochschule. Bitte beachten Sie, dass wir Bewerbungen für Pflichtpraktika nur als solche einstufen können, wenn uns eine entsprechende Bescheinigung vorliegt.“ Einige große Konzerne zahlen jetzt zwar 1400 bis 1500 Euro im Monat, nehmen aber viel weniger Praktikanten als einst.

Das führt zu absurden Problemen. So etwa für den 24 Jahre alten BWL-Studenten, der nach einem ersten dreimonatigen Praktikum im Controlling eines deutschen Mittelständlers gerne wiederkommen wollte. Er hatte das Angebot, noch eine andere Abteilung, das Marketing, kennenzulernen. Doch das wurde schnell wieder zurückgezogen. Geht nicht, hieß es dort plötzlich, denn von nun an müsse man ihm Mindestlohn bezahlen. Zu teuer.

Wie viele Praktika es deshalb jetzt weniger gibt, ist schwer zu ermitteln. Aber klar ist: Der Mindestlohn vernichtet Chancen für eine nachrückende Generation. Das kommt Andrea Nahles zupass. Genauso wie die Tatsache, dass die Tricks, mit denen Firmen sich gegen den Mindestlohn wehren, erst langsam bekanntwerden - und stets als Einzelfälle. Ein Altenheimbetreiber berichtet, dass er einstige Vollzeit-Praktikanten nun zu Teilzeit-Kräften umwidmet. Sie erhalten dann das gleiche Geld wie vorher und arbeiten zwar offiziell nur noch die Hälfte der Zeit, aber inoffiziell natürlich doch Vollzeit. Ein Lastwagenfahrer aus Dresden beschwert sich, dass seine Anfahrten zum Arbeitsplatz einst zur Arbeitszeit zählten, nun nicht mehr. Die Taxifirmen behelfen sich damit, Wartezeiten ihrer Fahrer am Taxistand von der Arbeitszeit abzuziehen.

In Branchen, die besonders skrupellos sind, kann man die Auswüchse beobachten. Bei den Fleischern zahlt man gerne offiziell Mindestlohn, verlangt dann aber Entgelt für alles mögliche von den Arbeitnehmern, das vom Lohn wieder abgezogen wird: für Essen, für Arbeitskleidung. Bekannt wurde bei den Fleischern der Extremfall einer Abgabe für die verwendeten Messer.

Letzte Möglichkeit - und gar nicht selten genutzt: Man macht seine einstigen Angestellten zu (Schein-)Selbständigen. Am Bau ist das schon lange üblich, bei Paketzustellern ebenfalls, andere Branchen ziehen jetzt nach. So werden immer mehr Firmen in die Illegalität getrieben. Erst wenn Andrea Nahles hier richtig zuschlägt, wird sich zeigen, ob der Mindestlohn tatsächlich kaum Stellen kostet.

Firmen ärgern sich über Haftungsfrage

So ist es wenig überraschend, dass es im Koalitionsausschuss am Sonntag nicht in erster Linie um Praktikanten und Minijobber gehen wird, so arm diese nun auch dran sind. Ans Grundsätzliche wagt sich nun keiner mehr ran. Stattdessen geht es um Rechtssicherheit für Firmen. Provokant könnte man sagen: Frau Nahles soll nun endlich klären, was erlaubt ist und was nicht.

Ein zentrales Problem für Firmen ist, dass sie, wenn sie Aufträge an Unterfirmen vergeben, laut Gesetz dafür haften müssen, wenn diese keinen Mindestlohn zahlen. „Die Bundesregierung muss klarstellen, dass Firmen nur bei Vorsatz und grober Fahrlässigkeit dafür haften müssen, wenn eine andere Firma, die sie beispielsweise mit dem Catering eines Events beauftragt hat, keinen Mindestlohn bezahlt“, fordert Linnemann. Doch Nahles hat sich davon bislang gar nicht begeistert gezeigt. Schließlich öffnet das dann eine leichte Möglichkeit, den Mindestlohn zu umgehen, indem man Unterfirmen beschäftigt.

Eher könnte sie in Sachen Bürokratie mit sich reden lassen - und stärker eingrenzen, für welche Gruppen ganz genau die Arbeitszeit dokumentiert werden muss. Ein Bürokratiemonster, das viele Kleinunternehmen beklagen und das immerhin in einer Branche für einen wahren Beschäftigungsboom sorgt: beim Zoll, die Finanzkontrolle Schwarzarbeit braucht deutlich mehr Personal.

Weitere Themen

Axel Voss auf der Gamescom Video-Seite öffnen

„Dont kill the Messenger“ : Axel Voss auf der Gamescom

Wir haben einen Rundgang über das Kölner Messegelände mit Axel Voss, dem wohl polarisierendsten Besucher der diesjährigen Gamescom unternommen und uns mit ihm über die Debatte um Artikel 13, seine Bekanntheit bei jüngeren Gamern und Minecraft unterhalten.

Topmeldungen

Am Rande des G-7-Gipfels : Wie es Macron gelang, Trump gnädig zu stimmen

Der französische Präsident präsentiert sich in Biarritz als Überraschungskünstler: Er hat den erwartet sperrigsten Gipfelteilnehmer vorläufig gezähmt – und scheut dabei nicht vor einem Trick zurück.
Irans Außenminister Dschawad Zarif

Biarritz : Irans Außenminister überraschend beim G-7-Gipfel

Eine Überraschung für die Teilnehmer: Dschawad Zarif ist in Biarritz eingetroffen. Er werde dort mit Frankreichs Außenminister Jean-Yves Le Drian zusammentreffen, teilte das französische Präsidialamt mit.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.