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Andrea Nahles : Mindestlohn verkürzt die Praktika

  • -Aktualisiert am

Andrea Nahles Bild: Imago

Der Mindestlohn sollte die Generation Praktikum beglücken. So wollte es Arbeitsministerin Andrea Nahles. Eine neue Studie zeigt: Das hat nicht ganz geklappt.

          Vor einem Jahr hat Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) den Mindestlohn an Ort und Stelle begrüßt – in einer Bäckerei. Zum 1. Januar 2015 wurde die Untergrenze von 8,50 Euro für den Stundenlohn eingeführt. Zwei Tage später stand Nahles in der Bäckerei Lohner in Rheinland-Pfalz, quatschte mit den Verkäuferinnen (die 8,80 Euro je Stunde verdienten) und fragte die anwesenden Journalisten: „Wann, wenn nicht jetzt sollten wir den Mindestlohn einführen?“ Die Arbeitsmarktsituation sei schließlich so gut wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

          Damit hatte sie recht, die Lage war und ist sehr gut. Allerdings sind viele Ökonomen der Meinung, dass die richtige Antwort auf ihre Frage – wann, wenn nicht jetzt? – schlicht „nie“ heißen müsste. Sie sind sicher, dass dauerhaft Stellen verlorengehen, wenn die Löhne nach unten nicht flexibel sind. Das gelte spätestens dann, wenn die Wirtschaft nicht mehr so gut läuft wie bislang.

          Für eine Gruppe von Menschen ist der Mindestlohn besonders absurd: Praktikanten. Ein Praktikum ist dazu da, innerhalb kurzer Zeit Erfahrungen in einem Betrieb zu sammeln, den man noch nicht kennt. Es geht ums Hineinschnuppern, nicht um eine vollwertige Arbeitsstelle. Praktikanten, das weiß jeder Arbeitgeber, sind manchmal äußerst nützliche Arbeitskräfte, aber eben nicht immer. Zudem sind sie schnell wieder weg. Und dafür sollen die Firmen mehr als 1300 Euro im Monat bezahlen?

          Kein Wunder, dass die Arbeitgeber Sturm gegen den Mindestlohn für Praktikanten liefen. Doch sie konnten ihn nicht vollständig verhindern. Pflichtpraktika sind zwar ausgenommen. Doch wer neben dem Studium freiwillige Praktika macht, die länger als drei Monate dauern, muss den Mindestlohn bekommen. Und wer fertig mit dem Studium ist, für den gilt auch der Mindestlohn schon ab dem ersten Tag.

          Die Unternehmen haben sich längst darauf eingestellt – und versuchen auszuweichen in die Arten von Praktika, die sie nicht so hoch bezahlen müssen. Das sieht man schon auf ihren Internetseiten. Beim Industriekonzern Siemens etwa steht schon in der Überschrift vieler Stellenausschreibungen dort ausdrücklich, man suche „Pflichtpraktikanten“. Und nicht nur kleinere Organisationen wie der Deutsche Alpenverein, sondern auch Konzerne wie Thyssen-Krupp verkünden: „Wir vergeben bevorzugt Pflichtpraktika im Rahmen der Studien- bzw. Praktikumsordnung Ihrer Hochschule.“ Andere richten sich dezidiert nur noch an eingeschriebene Studenten und fordern die Immatrikulationsbescheinigung, weil Absolventen ja vom ersten Tag an auch im Praktikum den Mindestlohn bekommen müssten. Und einige große Konzerne zahlen jetzt zwar 1400 bis 1500 Euro im Monat, nehmen dafür aber viel weniger Praktikanten als einst.

          Praktika bis drei Monate sind in der Regel vom Mindestlohn ausgenommen

          Eine erste Studie belegt nun diesen Trend. Für den „Praktikantenspiegel“ befragt die Unternehmensberatung Clevis Consult regelmäßig Praktikanten – eigentlich, um die Attraktivität von Firmen zu bewerten. Doch aus der neuesten Ausgabe, die dieser Zeitung exklusiv vorliegt, kann man auch einiges über die Effekte des Mindestlohns ablesen. Ja, der Durchschnittslohn für Praktikanten steigt. Lag er im Praktikantenspiegel 2015 noch bei 771 Euro im Monat, sind es jetzt 950 Euro, eine Steigerung um mehr als 20 Prozent.

          Aber die Praktika in Deutschland passen sich auch sonst der Gesetzeslage an. Das heißt, sie werden kürzer – möglichst so kurz, dass der Arbeitgeber keinen Mindestlohn zahlen muss. So zeigen sich für die im vergangenen Jahr befragten 6262 Praktikanten deutliche Unterschiede zwischen denen, die ihr Praktikum noch 2014 begonnen hatten, und denjenigen, die ab dem 1. Januar 2015 eingestiegen sind. Machten vor dem Start des Mindestlohns nur rund 11 Prozent der befragten Praktikanten ein dreimonatiges Praktikum, so verdoppelte sich dieser Anteil ab Januar 2015 auf 21 Prozent. Das ist logisch, wenn man bedenkt, dass Praktika bis drei Monate in der Regel vom Mindestlohn ausgenommen sind.

          Die Reaktion vieler Firmen auf den Mindestlohn ist also offenbar nicht gewesen, ihren Praktikanten mehr zu bezahlen, sondern die Praktika auf drei Monate zu verkürzen. Die längeren Praktika hingegen gingen zurück: Die durchschnittliche Dauer eines Praktikums fiel laut Praktikantenspiegel von rund sechs auf rund fünf Monate. Was die Studie leider nicht erfasst, ist, wie viele Praktika gar nicht mehr vergeben werden. Es ist anzunehmen, dass es einige sind.

          Natürlich hatte Andrea Nahles bei der strengen Auslegung des Mindestlohns für Praktikanten auch ein vermeintlich ehrenwertes Anliegen. Ihr ging es darum, die sogenannte „Generation Praktikum“ abzuschaffen, die sich von Praktikum zu Praktikum hangelt, womöglich unbezahlt und ohne Aussicht auf eine feste Stelle. Dass es dieses Phänomen, so gut, wie die Zeiten am Arbeitsmarkt sind, eigentlich kaum mehr gibt, ließ sie jedoch getrost unter den Tisch fallen.===)

          Bei den Praktikanten jedenfalls hat Andrea Nahles mit ihrer Politik nicht viel gewonnen. Zwar begrüßen die meisten von ihnen den Mindestlohn – prinzipiell. Aber drei Viertel geben auch an, dass es ihnen wichtiger ist, Erfahrungen zu sammeln, als den Mindestlohn zu bekommen. Schon vor der Einführung des Mindestlohns waren die meisten Praktikanten übrigens mit ihrer Entlohnung zufrieden, und die Zahl der Unzufriedenen hat der Mindestlohn kaum gesenkt. Dem jüngsten Praktikantenspiegel zufolge sind 19 Prozent unzufrieden mit ihrer Bezahlung, im Vorjahr waren es 22 Prozent.

          Andrea Nahles bezeichnet den Mindestlohn als „eine der größten Sozialreformen der letzten Jahrzehnte“. Unwahrscheinlich, dass ihr diejenigen zustimmen würden, die im Internet darüber schimpfen, dass ihnen der Mindestlohn ihr Wunschpraktikum vermasselt hat.

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